Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 L2 Berlin, 14. Oktober. Alte Berliner werden nicht ohne Wehmuth die folgende Notiz in den Blättern gelesen haben: „Das frühere Liebermann'sche Grundstück in der Spandauerstraße Nr. 30, in der sich u. A. eine Synagoge befindet, ist von der Firma N. Israel angekauft worden. Die Uebertragung hat soeben stattgesunden. Durch das Grundstück wird das Besitzthum der Firma zu einem großen Viereck vervollständigt, auf dem nun ein Geschäftshaus großen Stils errichtet werden soll." — Die „Liebermannsche Schul" war eine der ältesten Privatsynagogen Berlins. Sie hat, wenn wir recht unterrichtet sind, fast ein Jahrhundert lang gottesdienstlichen Zwecken gedient. Das Alte stürzt — möchte nur aus den Ruinen neues religiöses Leben erblühen! £2 Berlin, 13. Oktober. Am 9. d. Mts ist hier der Fabrikant Leo Auerbach gestorben. Derselbe hat der Stadt Berlin in vielen kommunalen Aemtern zwanzig Jahre hindurch treu gedient. Die Beerdigung fand am 11. ds. auf dem Friedhof in Weißensee statt. Dem Verstorbenen gaben neben seiner Familie Vertreter der städtischen Behörden, der städtischen Beamten, sowie des Wahlvereins der freisinnigen Volkspartei, eine Abordnung der Beisitzer des Gewerbegerichts, endlich zahlreiche Freunde das Geleit zur Gruft. ^2 Berlin, 16. Oktober. Bei der Abgabe des Rektorats an Geheimrath Adolf Wagner erwähnte Professor Pfleiderer in seinem Jahresbericht auch eines Legats des ehemaligen Professors Dr. Daniel Müller in Höhe von 50,000 Mk., dessen Zinsen zu Stipendien nicht über 600 Mk. an dürftige Studirende evangelischen Bekenntnisses, die nicht jüdische Eltern haben, verwandt werden sollen. Antisemitische Zeitungen empfehlen das zur Nachahmung. Mögen sich jüdische Stifter diesen Vorfall merken. mk. Pankow, 15. Oktober. Ein neues dem praktischen Judenthum gewidmetes Gebäude ist vor Beginn der kalten Witterung noch unter Dach und Fach gebracht worden und wird, nachdem bereits vor acht Tagen die polizeiliche Bauabnahme durch Herrn Baurath Langen stattgefunden hat, noch vor Ende dieses Jahres von der „Gesellschaft für Verbreitung des Handwerks und Ackerbaus unter den Juden", der das neue Lehrlingsheim sein Entstehen mittelbar verdankt, eingeweiht worden. Das neue Gebäude wird einstweilen zur Aufnahme von 50 jüdischen Handwerkslehrlingen eingerichtet, bietet jedoch Raum für eine weit größere Zahl. Wenn man bei der Fahrt mit der Linie Rathhaus-Pankow der Pferdebahn an der Haltestelle Mühlenweg aussteigt, sieht man in der Mühlenstraße, unmittelbar hinter dem Viadukt der Berlin-Stettiner Eisenbahn, das dreistöckige mächtige Gebäude, das mit seinem gothischen Giebel an dem stattlichen Vorbau und den schwarzen Schieferdächern mit Thürmchen einen zugleich imponirenden und doch anmuthigen Eindruck macht. Herr Maurermeister Joseph Fränkel, der unermüdliche Protektor dieser seiner eigensten Schöpfung, und der nach seinen Ideen die Bauausführung leitende Baumeister Mirauer haben mit Recht auch ästhetischen Rücksichten Rechnung getragen, so daß das neue „Lehrlingsheim" in dem an Bauten wohlthätiger Stiftungen reichen Pankow als eines der ansprechendsten Bauwerke bezeichnet werden muß. Der Bau ist ganz in rothen Verblendsteinen, die durch Mörtel weiße Zwischenlinien erhalten, in hübscher Fassadengliederung aufgeführt. Die königliche Regierung in Potsdam ertheilte bereitwilligst die Erlaubniß zum Ueberschreiten der Baufluchtlinie in der Mühlenstraße, die aus ästhetischen Gründen nothwendig war, nachdem man auf Wunsch des auf Verschönerung der Straße bedachten Amtes Pankow den Vorbau in gleicher Linie mit dem Giebel des Nachbargrundstücks angelegt hatte. Durch ein großes Portal betritt man jetzt auf einer breiten eisernen Treppe den Mittelbau, der im ersten Stockwerk fünf Fenster Front hat, wozu drei Fenster im Vorbau hinzukommen. Empfangssaal, Betsaal, Speisezimmer und Schlafsäle, Arbeitsräume, Wohnräume für den Direktor und Erzieher sind geräumig und hoch. Die Turn- und Spiel-Plätze der Zöglinge befinden sich nach hinten heraus, wo ein Garten und Wiesenplatz vorhanden ist, wie ihn kein ähnliches Institut in gleicher Ausdehnung aufzuweisen hat. Die Mißstände, welche das frühere Miethsgrundstück Mühlenstr. 1. bot, wo die Lehrlinge in ihren knappen Freistunden unter dem neugierigen und lästigen Gaffen der Straßenpassanten allerhand Belästigungen ausstanden, sind hier vermieden und die Grundidee des Lehrlingsheims, seinen oft recht begabten Zöglingen ein von den Verlockungen und Zerstreuungen der Großstadt fernes Asyl zur Erholung und weiteren körperlichen und geistigen Ausbildung zu bieten. glücklich verwirklicht. Die Geschichte des Neubaues, der als ein Muster für die im Ganzen erst seit kurzer Zeit verwirklichte Idee der Lehrlings¬ und Gesellenheime gelten wird und kann, ist schnell erzählt. Das alte Heim, in dem bisher die jungen Handwerker dazu angehalten wurden, sich in geistiger, sittlicher und religiöser Hinsicht zu vervollkommnen, bot nur für 15 Zöglinge Raum. Bereits im Jahre 1894 hatten die zur Unterhaltung des Lehrlingsheims erforderlichen Ausgaben den Etat der Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden" so belastet, daß 2 Mitglieder ihres Vorstandes (die Herren Fränkel und Bodenstein) sich bereit erklärten, zur Unterhaltung des Heims aus eigenen Mitteln nicht unerhebliche Zuschüsse zu leisten. Diese beiden Mitglieder sind bemüht gewesen, durch Sammlungen die Mittel zu einem eigenen Grundstück und für den jetzt vollendeten Neubau zu beschaffen. Noch fehlt die innere Einrichtung. Der Gedanke des Lehrlingsheims ist eine nothwendige Ergänzung der allgemeinen Thätigkeit der seit 1813 bestehenden Gesellschaft. Die Lehrlinge erhalten in dem Heim Wohnung, Kleidung, theilweise Beköstigung und werden von dem Leiter, auf Grund der Instruktionen des Vorstandes, nach allgemeinen pädagogischen Gesichtspunkten erzogen. H. Dessau, 8. Oktober. Dem Kommissionsrath Wittmund von hier ist gestern von Sr. Hoheit dem Herzoge der Titel „Kommerzienrath" verliehen worden. Von dieser Auszeichnung wurde Herr W., der Besitzer der Kokusdeckenfabrik in der Strafanstalt in Koswig ist, im Direktionszimmer der herzoglichen Strafanstalt, in Gegenwart des Beamtenpersonals dieser Anstalt, vom Geheimen Regierungsrath Laue im Aufträge des herzoglichen Staatsministeriums Eröffnung gemacht. — Geh. Rath Laue wies in seiner Ansprache darauf hin, daß jetzt mehr als 17 Jahre vergangen seien, seitdem Kommissionsrath Wittmund die Beschäftigung der Gefangenen in der herzoglichen Strafanstalt mit Rohrflechterei und Deckenweberei übernommen habe, hob die Entwickelung und fortschreitende Ausdehnung dieses Gewerbebetriebes hervor und ging sodann auf die Bedeutung des Wittmund'schen Unternehmens für den Staat, welchem durch dasselbe regelmäßige Arbeit für die große Zahl der Gefangenen in der Strafanstalt sowohl, wie in den Gerichtsgefängnissen des Landes geboten werde, näher ein. — Der Geh. Rath Laue und die Anstaltsbeamten nahmen Veranlassung, den Kommerzienrath Wittmund zu der ihm zu Theil gewordenen Auszeichnung herzlich zu beglückwünschen. QD Hamburg, 12. Oktober. Heute Mittag starb hier eines der geachtetsten Mitglieder unserer Gemeinde, der Rechtsanwalt Dr. Isaak Wolffson in Folge einer Lungenentzündung im 79. Lebensjahre. Einer unserer bedeutendsten Juristen, stand er fast 50 Jahre im öffentlichen Leben und zählte seiner Zeit zu den Führern der Hamburgischen „Konstituante". Außer vielen Ehrenstellen, die er bekleidete, war er vom Beginn unserer Bürgerschaft an bis vor wenigen Jahren Mitglied und viele Jahre auch Präsident dieser Körperschaft; auch dem Reichstage hat er seit 1871, als die sozialdemokratischen Wähler in unserer Vaterstadt noch nicht die Oberhand hatten, als nationalliberales Mitglied angehört und in dieser Stellung an der Ausgestaltung der deutschen Reichsjustizgesetzgebung einen hervorragenden Antheil genommen; so war er s. Z. Vorsitzender der in dieser Angelegenheit niedergesetzten Reichstagskommission. Lange Zeit war er auch Vorsitzender der hanseatischen Anwaltskammer, bis zuletzt Mitglied der Kommission für das bürgerliche Gesetzbuch. 2. Bochum, 7. Oktober. Der fünfte ordentliche Gemeindetag des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens fand am 6. Oktober unter dem Vorsitz des durch sein warmes Eintreten für die Ideen des freisinnigen Judenthums weit über die Grenzen Westfalens hinaus bekannten Herrn Moritz Katzenstein-Bielefeld in Bochum statt. Es war eine imposante Kundgebung und von zahlreichen Delegirten aus allen Theilen Westfalens besucht. Zu Punkt 3 der Tagesordnung (Beschluß über Drucklegung des zweiten Theiles des Gebetbuches) hielt Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin eine etwa dreiviertelstündige Rede, in welcher er insbesondere die Angriffe der Orthodoxie treffend zurückwies. Der Rede folgte stürmischer Beifall. Auch wurde einstimmig beschlossen, dieselbe als Flugblatt drucken zu lassen und in allen betheiligten Kreisen zu verbreiten. Die Versammlung ertheilte einstimmig Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein ein Vertrauensvotum und gab gleichzeitig der Bitte Ausdruck, daß Herr Dr. Vogelstein, unbeirrt durch die Angriffe der Gegner, auf dem betretenen Weg fort-