Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 42. Berlin. 18. Oktober 1895. Meilage zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöentkurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 14. September. In der gestrigen Sitzung der Repräsentanten-Versammlung wurde, wie üblich, zuerst das Protokoll der letzten Sitzung verlesen und genehmigt. Geschäftliche Mittheilungen lagen nicht vor. Namens der Finanzkommission berichtete alsdann Herr Heilmann über den Vertrag betreffend die Laubabfuhr vom Friedhof in der Schönhauser Allee. Der Referent schlug vor, den Vertrag mit dem bisherigen Unternehmer für die Pauschalsumme von 800 M. zu erneuern, und zwar auf ein Jahr vom 1. April 1896 ab. Die Versammlung stimmte dem zu. Ein Antrag aus der Versammlung, betreffend Erhöhung des Zuschusses an die Waisen-Kommissi on, wurde für diesmal zurückgezogen. Alsdann erstattete Herr Leichtentritt Bericht über die stattgehabte Revision des Depositorii und der Hauptkasse der Gemeinde. Die Revisoren haben Alles in bester Ordnung gefunden und beantragen die Decharge, welche von der Versammlung ertheilt wurde. Es folgte alsdann der Bericht über verschiedene Rechnungsabschlüsse von Verwaltungskommissionen. Der Rechnungsabschluß der Armenkommission balanzirt bei einer Gesammtansgabe von rot. 153,000 M., wovon 54,000 M. durch Zuschuß der Gemeinde und 99,000 M. von Privaten aufgebracht sind. Wie der Referent, Herr Martin Simon, mittheilte, mußten leider auch diesmal fast 40 pCt. der Bittsteller zum Theil aus Mangel an Mitteln abgewiesen werden. Das Stiftungsverwögen der Armenkommission beträgt rot. 338,000 M., welches jetzt größtenteils in Hypotheken angelegt ist. Ueber die Rechnungsabschlüsse der Knabenschule, der Mädchenschule, der Religionsschulen, der Präparandenklasse berichtete gleichfalls Herr Simon. Alle diese Anstalten schließen, mit einer Ausnahme, mit Minderausgaben ab. Der Zuschuß der Gemeinde betrug für die beiden Vollschulen 98,700 M., für die drei Religionsschulen zusammen 13,700 M., für die Präparandenanstalt 5400 M. und für das Talmud-Thora-Jnstitut 7400 M. Die Versammlung ertheilte sämmtlichen Verwaltungen die Decharge. Herr Ruß erstattete hierauf Bericht über den Rechnungsabschluß der Altersversorgungsanstalt und der Fürsorgekommission für Strafgefangene. Die Insassen der Altersversorgungsanstalt sind von 190 auf 213 gestiegen. Die Unterhaltungskosten belaufen sich auf 495 M. pro Jahr und Kopf, die tägliche Beköstigung auf 68 Pfennige pro Kopf. Das Gesammtvermögen beträgt zur Zeit 2,416,246 M. In der Fürsorgekommission arbeiten 18 Herren unter dem Vorsitz der Herren I. E. Jsaac und Rechtsanwalt Lilienthal. Ueber die Thätigkeit der Kommission und deren Erfahrungen berichtete Herr Ruß in ausführlicher und interessanter Weise. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß es in vielen Fällen gelungen ist, die entlassenen Sträflinge wieder zu brauchbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen. Die Versammlung ertheilte in beiden Fällen Decharge und schloß damit die öffentliche Sitzung ab. Berlin, 16. Oktober. In der vergangenen Nacht ist hier der königliche Bezirksphysikus, Sanitätsrath Dr. Karl Litthauer nach kurzem Leiden im kräftigsten Mannesalter gestorben. Die Nachricht von diesem Todesfall wird nicht verfehlen, überall, wo der Hingeschiedene bekannt war, lebhafte Theilnahme hervorzurufen. L. wurde im Jahre 1836 hier geboren, wo er auch Gymnasium und Universität besuchte. Dann ging er als Arzt nach Grätz, später nach Schrimm m Posen. Im Jahre 1870 hat er in der Division Kummer den Krieg mitgemacht und das eiserne Kreuz erhalten. Vor einigen Jahren wurde er als Bezirksphysikus hierher berufen. Dr. Litthauer war als Arzt wie als Mensch gleich bedeutend und beliebt. Seine Pflichttreue, seine Hingebung, sein Eifer, sein humaner, für alles Gute und Edle empfänglicher Sinn erwarben ihm überall Freunde und Verehrer. An den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde nahm er lebhaften und regen Antherl. Mit ihm ist wieder einer von den Männern dahingeschieden, die dem Judenthum zur Ehre gereichten, weil sie als Menschen wie als Juden ihre Pflicht in jeder Weise erfüllten und durch ihre Humanität und Wahrhaftigkeit allen Glaubensgenossen als gutes Beispiel und nachahmungswürdiges Muster voranleuchteten Friede seinem Geiste, Ehre seinem Andenken! Berlin, 18 Oktober. Der allgemein beliebte Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses, Dr. Moritz Jutrosinski, feierte gestern seinen siebzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlasse wurden dem verdienten Manne zahlreiche Ovationen dargebracht. Das Kuratorium war unter Führung des Geheimen Sanitätsraths Dr. Boas erschienen und brachte unter Ueberreichung eines kostbaren Teppichs seine Glückwünsche dar. Im Namen der früheren Erzieher und der früheren Zöglinge gratulirte der Seminarlehrer Rosenthal. Er überreichte Herrn Dr Jutrosinski im Aufträge der früheren Erzieher nach einer warm empfundenen Ansprache eine Urkunde über eine Stiftung, die den Namen der früh verstorbenen Tochter des Anstaltsdirektors tragen soll, mit der Bestimmung, daß die Zinsen als Hochzeitsaussteuer für entlassene Zöglinge der Anstalt dienen sollen. Den ganzen Tag über kamen zahlreiche Glückwünsche brieflich und telegraphisch, von Nah und Fern. Möge es dem bewährten Manne vergönnt sein, die durch sein Verdienst zu hoher Blüthe gebrachte Anstalt noch lange zu leiten! 2/D Berlin, 16. Oktober. Der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hat gestern Abend seinen Vortragscyklus in sehrglücklicher Weise eröffnet. Herr Dozent Dr. A. Berliner hielt einen Vortrag über das ebenso interessante wie wenig bekannte Thema: „Der Einfluß des hebräischen Buchdrucks auf den Kultus und die Kultur der Juden." Der Vortragende schildert zunächst das alte hebräische Buchwesen vor Einführung der Buchdruckerkunst, sodann den Eindruck, welchen die schwarze Kunst in jüdischen Kreisen hervorgerufen. Das erste hebräisch gedruckte Buch erschien 1475. (Herr Dr. B. hatte auch die drei ältesten hebräischen Bibeln mitgebracht, die natürlich ein lebhaftes Interesse erregten.) Sodann entwickelte der Vortragende in fesselnder Ausführung, welche Bedeutung der Buchdruck für den synagoaalen Kultus der Juden hatte. Die Ausführungen des gelehrten Redners gingen aus einem ganz außerordentlich tiefen Quellenstudium und .einer Beherrschung des Materials hervor, wie sie wohl nur wenige Gelehrte auf diesem Gebiete besitzen dürften. Der Vortrag wurde seitens des zahlreich versammelten Auditoriums mit allgemeinem lebhaften Beifall ausgenommen. Berlin, 15 Oktober. Die Angelegenheit der jüdischen Hospitantinnen an den Gemeindeschulen hat eine neue Wendung! genommen. Das königliche Provinzial-Schulkollegium hat nämlich an j die städtische Schuldeputation die Mittheilung gelangen lassen, daß es die Erlaubniß für jüdische Hospitantinnen an den hiesigen Gemeindeschulen erweitert habe. Die Hospitantinnen dürfen fortan die jüdischen Gemeindeschullehrerinnen nicht nur in dem Religionsunterrichte vertreten, sondern auch in den anderen von denselben geleiteten Unterrichtsfächern. Die Antisemiten sind deshalb dem königlichen Provinzialschulkollegium aufrichtig böse. Sie hatten sich's anders gedacht. on. Berlin, 6. Oktober. Im Krankenhause der jüdischen Gemeinde wurde das Sukkothfest diesmal in besonders erhebender Weise begangen. Die Kranken wurden, soweit sie nicht ans Bett gefesselt waren, am ersten Festabend nach dem in der Haussynagoge stattgehabten Gottesdienste in eine vom Inspektor der Anstalt prächtig geschmückte Sukkah geladen und mit rührender Wärme wurde hier von einem greisen Patienten das Weihegebet und der Segensspruch vorgetragen. Hierauf wurde das Festmahl eingenommen. Mit inniger Dankbarkeit gegen Gott und mit erneuter Hoffnung für die Zukunft verließen die Leidenden die luftige Laubhütte, um im stillen Krankenzimmer mit Wehmuth der Feier des Laubhüttensestes in vergangener Zeit zu gedenken.