Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 504 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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rede» wir von unseren Grschästk». Ich Hab Euch vor vierzehn Jahren hundert Gulden fiir die Vonäthe und die Einrichtung gclichen. Der Paterski wollt' es Euch auch vorstrecken, hat aber fünfzig Gulden vierteljährliche Zinse» verlangt; ebenso der Kastcmcisiewiez, und der hat die Hälfte verlangt. Ich hab's »m vierzig Gulden jährlich gethan. Glaubt Ihr, das; Ihr das Geld von einem Andern billiger bekomme» hättet, und könnt Ihr Euch aber mich beklagen?!" „Nein!" rief Leib. ,,DaS also steht fest." Tie Stimme klang auch jetzt noch ruhig, aber das- Gesicht wurde gleichsam immer eckiger; auch die Bewegung der Hand ging nun in kurzen, scharfen Zickzacklinien. „Warum aber hob’ ich's gethan? Aus Wohlthätigkeit? Der Pole, der Armenier wurden Euch diesvorliigeu. Ich nicht; ich luge niemals; ich bin kein Wohlthäter, ich bin ein Geschäftsmann. Oder aus Furcht vor Gott?" Die Augen blickten scheu und finster. „Hab' ich seine Strafe zu siirchteu, wie unsere Frommen sagen, so wird er mich um des Einen willen nicht begnadigen. Oder bannt Ihr mir einen guten Ruf macht? Da wür' ich ein Thor gewesen; ich Hab’ schon damals gewusst: ich bin und bleib’ verrufen und gemieden, unter den Christen und unseren Leuten. Ter Paterski, der Armenier treiben'» nicht besser als ich, aber sie sind Ehrenmänner, sitzen vor» im Kirchenstuhl und die Beamten essen bei ihnen, denn sie sind Christen. Ich aber bin ein J»d’, darum Hab’ ich ins Gefängnis; müssen, mein Platz in der Betjchul' ist der letzte in der letzten Reihe, und für meine Tochter Hab' ich erst fünfzig Meilen von hier einen Eidam gefunden. . . Also warum war ich damals so zu Euch, Reb Leib?" „Damit ich Euch Geschäfte zubringe," erwiedcrle das Männchen. Sein Herz pochte bang; so lauge hatte dieser wortkarge Mann noch nie mit ihm gesprochen; das bedeutete Schlimmes; sollte heute »och mehr über ihn komme»?! „Und ich Hab' auch gethan, was möglich tvar . . ." | ..Lüge!" j Der Ton der Stimme widersprach dem heftige» Wort; sie klang gcinesscu, wie früher. „Ihr habt's immer gehalten, wie heute. Mach' ich’s billiger, so krieg ich's; wenn gleich billig, so entscheidet der Zufall. Dennoch Hab' ich's geduldet. Warum? Da könnt' ich wieder lügen, sag’ aber die Wahrheit: aus Furcht vor unseren Leuten. Keiner kümmert sich um Eure Arinuth, Jedem seid Ihr für seine» Witz gut genug, aber Hütte ich Euch gedrückt, sie hätten Alle geschrieen: „Dieser Wucherer — unsere Schande — nieder mit ihm". Jetzt aber" — er hob die Hand — „jetzt mögen sie schreien, denn mein Kapital will ich nicht verlieren. Zum 1. Oktober haben wir immer Euren Wechsel erneuert; in zehn Tagen also ist er fästig; da erneuere ich ihn nicht, sondern klage ihn ein . . ." „Gott meiner Väter," stöhnte das Männchen entsetzt. „Warum?" „Der Paterski kündigt Euch nach Weihnachten fiir den 1. Juli. Tann seid Ihr ein Bettler, könnt nicht Kapital noch Zinsen zahlen. Auch jetzt schon sind Vorräthe und Einrichtung nicht die Hälfte wertst. Aber ich rette, was zu retten ist . . ." Leib rang verzweifelt die Hände. „Ter Paterski thut’s nicht! Er hat mir ja immer gedroht und es nie gethan. Eine» solche» Zins zahlt ihm ja sonst Niemand. Ich bitt’ Euch . . . ich bitt' Euch . . ." Moses hatte sich erhoben. „Wir sind zu Ende." Der Kleine wankte; er hielt sich am Stuhl fest, sonst wäre er niedergesunkeu. „Erbarmt Euch," schrie er aus. „So wartet doch wenigstens bis zu Neujahr, ob er's thut." Moses war ans Fenster getreten, durch welches das Roth der sinkenden Sonne hereinfluthete. „Ich warte nicht," sagte er, ohne umzublicken. Leib schlich demüthig an ihn heran und rührte zaghaft au sein Gewand. „Erbarmen!" stieß er fast schluchzend hervor. „Ich will in dem Vierteljahr für Euch thu», was ich kann . . Der Wucherer wandte sich langsam um. „Da lügt Ihr schon wieder," sagte er kalt. „Oder nicht? . . . Könnt Ihr beweise», das; Jhr's diesmal ehrlich meint? . . . Onufrij hat Euch ja zwei Wechsel gegeben. . ." Leib taumelte zurück. Eine Minute stand er schwer athmend da. Schon tastete die zitternde Hand nach der Brieftasche, da stach ihm das rothe Licht in die Angen .... Was sollte er fortab Ihm sagen! . . . Die Hand sank nieder. . . Stuini» schlich er zur Thür hinaus, dann stürzte er aus dem Hause, die Straße entlang, dem Gutshof zu, athemlos, als wäre der Verführer hinter ihm her. Erst als er vor der Thür des Armeniers war, hielt er an und suchte sich zu fassen, ehe er eintrat. „Hinaus, Hnudsblut!" donnerte ihm der Pächter entgegen, als er die Thüre öffnete. „Jetzt wo der Mosche nicht will, kommst Du zu mir? . . . Hinaus!" Leib hätte sonst nichts darauf gegeben; es war ja auch nur die übliche Einleitung zur geschäftlichen Unterhaltung. Nun, wo er fast betäubt war, schrak er zusammen und wollte gehen. „Halt!" rief ihm der Armenier nach. „Verrückte Welt, jetzt werden gar auch schon die Juden empfindlich. . . Ich wollte Dir ja nur sagen, daß das nicht hübsch von Dir war, aber deshalb könne» wir doch ein Geschäft mit einander machen. Also den höheren Wechsel und für Dich einen Gulden! Oder anderthalb hörst Du, anderthalb Gulden. . . Du willst noch immer nicht, Du jüdischer Gauner?!... Nun, damit Du siehst, was ein Christ ist: wir theileu. Zivei Gulden fünfzig Kreuzer!" Aber als es auch damit nichts war, nahm er den kleineren Wechsel und zählte die zwanzig Gulden dafür hin. „Gottlob!" dachte Leib, als er wieder auf die Straße trat, „so sind doch wenigstens dreißig Kreuzer verdient. Und was den Mosche betrifft — hat er nicht erlaubt, das; ich's thne, so wird er auch Rath fiir mich wissen." Noch immer tief betrübt, aber nicht mehr zerschmettert, suchte er die ..Akentseliaft“ auf. i(Fortsetzung folgt.) Spvechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^Lie würden vielleicht einigen meiner Kollegen durch die Mittheilung folgender Thatsachen einen Gefallen erweisen. Ende August kam hierher ein Mann von ziemlich gewandtem Auftreten (kenntlich an schwarzem vollen Bart und großer Glatze), der sich Kantor a. D. Neumann aus Zabrze O.-S. nannte, angeblich durch ein Halsleiden seinen Beruf aufzugeben gewungen war, und sich nun, auf Empfehlungen von Rabbinern gestützt, die Mittel zu einer neuen Existenz sammeln will. Derselbe logirte hier einige Tage in dem ersten Hotel, gab sich dort für einen Verwandten von mir aus und ließ mir, zum Dank für die ihm gewährte Unterstützung, die ziemlich beträchtliche Hotelrechnung zur Bezahlung zurück. — Im Uebrigen erfahre ich, daß der betreffende Mann, der sich auch den Namen Wolff beilegt, sich ähnliche Scherze auch anderwärts geleistet hat und daß ein Kantor Neumann niemals in Zabrze angestellt war. Die Herren Kollegen werden daher gut thun, vor dem Herrn ein bischen auf ihrer Hut zu sein. Hochachtungsvoll Czarnikau, 8. Oktober. Dr. I. Freund, Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwit; in Berlin.