Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 503 (sequence 13)
- Language
- German
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503 „Vor Abend wird er nicht fertig," schloß sie. „Drin wird eben eine Verlobung abgemacht." Es war gut, daß sie dies sagte, sonst hätte Leib eher eine Scheidung vennnthet. Eine kreischende Frauenstimme zeterte: „Die Schand' bringt mich unter die Erd'! Noch fünfhundert Gulden müßt Ihr znlegen, sonst leid' ich's nicht!" Worauf eine grobe Männerstimme wetterte: „Nicht einen Heller! Weil Euer Rüben so brav ist?! Aber wenn Ihr versprecht, noch vor der Hochzeit unter die Erd' zu gehe», so leg' ich hundert Gulden drauf." . „Worauf wartet Ihr?" fragte die Dicke scharf, als sie Leib neugierig aufhorchen sah. Die Stimme der Frau hatte er sofort erkannt; es war eine übelbeleumdete Schueiderswittwe; auch ihr Sohn Rüben, ein Fuhrkuecht, galt als wüst und roh. Aber was mußte das für ein Mädchen sein, wo diese Frau „noch fünfhundert Gulden" zu fordern wagte?! „Ich frag' heut' nochmals an," sagte Leib und schlich zur Thür hinaus. „Uns kommt Ihr auch nächste Mach' noch früh genug!" rief ihm die Frau nach. Er that, als hörte er's nicht, obwohl es ihn, bittre weh that, gerade heute, wo all' seine Hoffnung an dieser Stube haftete. Sonst wäre es ihm nicht nahe gegangen; die Frau galt als böse und hochfahrend und dann — an allzuviel gute Worte war der arme, kleine Leib Weihnachtskuchen auch sonst nicht gewöhnt. . . Trüb schlich er am Dniesterufer dahin und überlegte, ob ec nun nicht doch heimgehen sollte. Aber da siel ihm bei, daß er noch ein Geschäft hatte, bei dem dreißig Kreuzer zu verdienen waren: so viel hatte ihm Onufrij, der Schmied, zugesichert, wen» er ihm für einen der beide» Wechsel, die er ihm anvertraut, zwanzig Gulden mitbrachte. Beide Wechsel lauteten auf drei Monate, aber der eine auf fünfundzwanzig, der andere auf dreißig Gulden — hundert oder zweihundert Prozent jährlich, wie es Leib eben bekommen konnte; dem Onufrij war es im Grunde gleichgiltig. . . Drei Monate! — auf so lange hinaus denkt kein podolischer Dorfschmicd. Aber der Leib dachte daran; das gebot seine Geschüftsehre. „Natiirlich," sprach er nach seiner Gewohnheit halblaut vor sich hi», „muß ich beide fragen, den Kastanasiewicz iirtb meinen Mosche." Er meinte den Moses Erdkugel, dessen Schuldner er selbst war. „Und wer's billiger macht, bekommt das Geschäft." Es war für den Onufrij nicht gleichgiltig, mit wem es Leib zuerst versuchte; vom Armenier fühlte er sich unabhängig, vom Erdkugel nicht. Und so steuerte er zunächst dem Herrschaflshofe zu. Der Pächter der Haliczer Herrschaft, Herr Stefan Kastanasiewicz, siand eben auf dem Hofe und feilschte mit einem Bauer um einen Ochsen. Ein stämmiger, alter Mann mit rohem, stumpfen, wie mit der Holzaxt gezimmertem Gesicht, aus dem nur die armenische Hakennase mächtig hervorsprang; einen geschliffenen, einst schwarzen, nun grauen Kaputrock um den Leib, ein fettiges Mützchen auf dem weißen, buschigen Haar. Wer ihn so sah, wie er den Bauer abwechselnd anschrie und anflehte, zwischendurch den Ochsen kunstgerecht abknetete und dann weinerlich schwor, daß er nicht zehn Kreuzer , mehr zulegen könne, hätte ihn sicherlich für einen Schlächtermeister gehalten. Aber das war er vor vierzig Jahren gewesen, noch früher Schweinehirt und Viehtreiber, jetzt war er Millionär und Mitbesitzer der Herrschaft; daß sie ihm bald ganz Zufällen müffe, war nun schon entschieden. Seine Tochter hatte er in einem Krakauer adligen Fräulein-Institut erziehen lassen und sich einen herabgekommenen Polnischen Grafeil zum Schwiegersohn gekauft; der Sohn war gleichfalls Pole geworden, studirte in Lemberg und sollte einst das Gilt übernehmen; der Alte trieb sein Wesen , fort, wie er's gewohnt war. „Nun, Du Hlmdsbtut," herrschte er den Inden an, „koiiiiiist Du mir wieder mit Deinen Wuchersachen?! Wie oft habe ich Dir gesagt: bleib mir damit vom Leibe oder ich lasse Dich mit meinen Hunden vom Hofe hetzen!" Leib verzog keine Miene. „Bis Sie fertig sind, Herr von Kastanasiewicz," sagte er demüthig. Der Pächter pfiff nicht nach seinen Hnnden, auch nicht nachdem der Handel mit dem Bauer geschlossen war. Da ging er auf feine Arbeitsstube und ließ die Thür hinter sich halb offen. Der Jude folgte ihm. „Nein," fragte der Arineuier, „welche Lumperei milchest Dl> mir heute wieder zu?!" Leib zog den Wechsel über fülifundzwanzig Gulden hervor und erklärte den Sachverhalt. „Und damit wagst Du mir zu konimen, Du Halsabschneider?!" fuhr der Armenier auf. „Wegen fünf Gulden soll ich zwanzig riskiren? Der Onufrij ist ja schon bis über die Ohren verschuldet! Dazu ewig betrunken! Als er neulich bei »>ir war, hat er mir übrigens selbst erzählt, daß er Dir immer zwei Wechsel mitgiebt! Wo hast Du den höheren?!" „In der Tasche," erwiederte Leib. „Aber da bleibt er allch. Der Mosche thut's um diesen Wechsel da!" Der Pächter räusperte sich. „Leibko", sagte er daun mild, fast bittend, „so sei doch vernünftig! Der andere Wechsel geht wohl auf dreißig Gulden? Nun, ich gebe Dir dafür zwanzig Gulden für den Onufrij und einen für Dich! Aus Freundschaft, Leibko!" Der Kleine schüttelte den Kopf. „Das wär' nicht ehrlich von mir, Herr von Kastanasielvicz!" Der Armenier fuhr vom Sitz empor. „Du Gauner!" donnerte er. „Was sag' ich immer?! — mit diesen jüdischen Gaunern kan» sich ein ehrlicher Mann garnicht einlassen." Aber bann verrauchte der Zorn so jählings, wie er gekommen war. „Gut! Also diesen Wechsel. Aber um siebzehn Gulden!" „Thut mir leid!" sagte Leib und griff nach der Thnrklinke. „Achtzehn!" „Hoffentlich geht's ein andermal bester", sagte Leib und ging.. Ehe ich zu Mosche's Hause gekommen bin, dachte er, holt mich sein Bote zurück. Das tvar nur insofern irrig, als ihn der Gutsknecht erst vor Moses Erdkugels Hansthür einholte. Und da konnte Leib nicht mehr umkehren, weil Moses gerade im Fenster lag. „Vielleicht später," rannte er dem Knecht zu und trat ein. Herr Erdkugel, ein Mann in den Vierzigern, machte seinem Namen wenig Ehre: Alles an ihm war eckig, die Gestalt, das blasse Antlitz, sogar die Nase glich einem scharf abgegrenzten Bergrücken. Seine Züge waren immer tiefernst, aber ruhig; ärgerlich oder zornig hatte ihn noch Niemand gesehen. „Guten Abend, Rcb Leib," erwiderte er den Gruß des Besuchers gemessen. „Gut, daß Ihr zu mir kommt, ich wollt' schon zu Euch schicken. Aber das hat Zeit . . . Was bringt Ihr mir?" Leib trug die Sache vor. Erdkugel schüttelte den Kopf. „Das laß ich dem Armenier," sagte er gleichmiithig. „Ich Hab' ja den Knecht gesehen, er will's machen. Und habt Ihr zuerst seine Thüre gefunden und nicht die meine, so gönn' auch ich ihm den Vortritt." „Zufällig!" entschuldigte sich Leib und erröthete ob der Lüge. „Und wenn Ihr wollt, Reb Mosche . . ." „Nein, ich will nicht. Ich thüt's höchstens gegen den höheren Wechsel, den Euch der Onufrij gewiß auch heute für den Nothfall mitgegeben hat, und das werdet wieder Ihr nicht wollen . . . Nun,