Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 502 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Nicht minder sehen wir es in Italien, wo unter dein heitern südlichen Himmel und durch Berührung mit der nicht jüdischen Welt die Sitten eine bedenkliche Lockerung erfahren haben. Auch da begannen Verschwendungssucht und Protzenthum eine unangenehme Erscheinung innerhalb des Ghettos zu werden. Aber auch hier traten die Gemeindevmstände mit Energie auf. Alls einem Gemeindetage, auf dein die Gemeinden des Kirchenstaats und der angrenzenden Provinzen vertreten waren, wurden Maßregeln gegen den überhandnehmenden Luxus der Inden ergriffen. So wurde unter Andern: beschlossen, Männer dürften überhaupt keine seidenen Gewänder tragen, Frauen unb Mädchen nur in beschränktem Maßstabe. Nichtsdestoweniger sind wir davon überzeugt, daß letztere keineswegs an Anmnth und Liebreiz verloren haben; wir können sogar Nachweisen, daß die damaligen Mädchen bei weniger Mitgift und welliger Putzsllcht eher das von allen Evastöchtern ersehnte Ziel, unter die Haube zu fonuueu erreicht haben, als heutzutage. Und waren sie bereits in dem glücklichen Hafen der Ehe angelangt, so buvfte zu der Hochzeitsfeierlichkeit keine große Zahl voll Gästen ungeladen werden. Ein altjüdisches Sprichwort lautete: „Je weniger Gäste, desto aufrichtiger die freudige Theilnahme." Jedellfatls war man damals nicht minder lustig als heutzutage. Dieselbe Vorschrift in Bezug auf die Zahl der eillzliladellden Gäste galt auch für andere Familienfeste, bei Verlobullgen, Kiudergeburten n. s. w. In Polell wurde sogar auf der Landessyliode beschlossen, man dürfe der heirathsfähigen Tochter keine größere Mitgift gebell als die Vermögensverhültnisse es erlaubell. In jener Zeit galt es in Polen als der größte Ehrgeiz, die Söhne unb Schwiegersöhne als Rabbiner fungiren 311 sehen, weshalb die Rabbinatssitze oft um Geld erkauft wurden. Die Landessynode trat dagegen mit aller Strenge auf, wenn auch nicht immer mit Erfolg. Man darf aber liicht vergesseil, daß zu derselben Zeit in Frankreich sämmtliche Aemter käliflich wareli mld die geistlichell Pfrülldeil unb Würden in den Salons der SOtavquije voll Pompadour verschenkt wlirden. Jll ihrer Heinurth hatten die polnischen Juden das traurige Beispiel vor Allgell, wie die Maguaten ihr Vaterland verschacherteil. In Belledig war im 17. Jahrhundert die Unsitte des allzuvielen lllld allzuhohen Kartellspiels eillgerisseil. Der Gemeindevorstalld verbot dies unter Androhung des Bannes. Merkwürdiger Weise ist gegen diese Strellge der bekailnte Rabbiller R. Le oll da Modena allfgetretell, der selbst ein leidenschaftlicher Kartellspieler war lllld oft allf eiullial größere Sulllmell, bis'zu 501 Dukaten, verlor. Er erklärte aber, die jüdische Kaufmannschaft tonne das Kartellspiel gar nicht entbehren, da ihre christlicherl Geschäftsfreunde nur bei demselben die Geschäfte abzuschließeil gewöhnt feien. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts erließen David Friedlünder und andere angesehelle Männer Berlills eine nachdrückliche Erklärung gegen überhandnehmende Betheiligung der Juden an Börsenspekulationen, gegell Llixils, dreistes Allftreten u. s. w. Mall sieht also, daß die „jüdische Solidarität", so lange sie in der Wirklichkeit bestand, ihrell erziehlichen Einfluß auf die Judell ausgeübt hat. Besteht sie aber auch jetzt? — Nlln, darüber in einem zweiteil Artikel, da sich dieser Allfsatz scholl allzuviel in die Lüllge zog, lllehr als unser holllöopathisches Zeitalter an Moralpredigtell vertragell kalln. B iimmnim.'ii MMM LlbiijJQjhlÜ Jl!lllffl3:k!il!' ‘H!lCEI-t!i!i I * 1 FEUILLETON P I Ü iwiuunvm M ..." —1 IIIWIHJINIIIÄ Leib Meihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) eib ging erhobene» Hauptes, raschen Schrittes davon, blickte nicht einmal um, als ihm der Andere nachrief. Und so aufrecht hielt er sich noch lange, als ihn Janko nicht mehr sehen konnte; er thate sich nicht stärker gemacht, als er war; das Gefühl der sittlichen Ueberlegenheit durchströmte kraftvoll den arinseligen Körper. Aber dann sank das Köpfchen auf die Brust und die Kniee wankten so, daß er abermals am Straßenrain Hinsitzen mnßte. Nun zitterte er wieder vor dem „Thier" und fast ebenso stark tute das Grauen war der Ekel in ihm. Auch wenn nichts geschah, schon daß der heiße, stickige Brodeni solcher Begierde sein Kind anhauchte, war schlimm genug — und nun erst, wenn das Thier in seiner Raserei Schaden that? . . . Mit jedem Athcmzug wuchs seine Angst vor dem Unerhörten, dem Unfaßlichen und Unheimlichen, das ihn da plötzlich angetreten. Er brachte es nicht einmal zn einem rechten Zorn über solchen Undank, und vergeblich auch versuchte er sich zu fassen, zu beten; auf Ihn, ans seine Miriam konnte er sich ja verlassen, aber seine Gedanken verwirrten sich immer tvieder. „Ich dtild's nicht ... es giebt ein Unglück!" — er hörte, fühlte nichts Anderes, als diesen heiseren, dumpfen Klang . . . „Zu Mendele Schadchen!" stieß er dann Plötzlich hervor und der Drtlck auf seiner Brust linderte sich. Das war die Rettung; es mußte rasch, es mußte sofort geschehen. Und als wäre der Janko mit erhobener Keule hinter ihm her, rannte er nach Halicz und dann durch die armseligen Güßchen des Fleckens, bis er vor dem Häuscheir mit der blanken Blechtafel stand: „Akentschaft für Vieh, Hagl, Menschen und Feir von. Mendel Pulverblitz. Teutsch und Pohlisch Rath! Feine Prüfe! Gute Agten!“ Die Vertretung verschiedener Versicherungs-Gesellschaften und die Winkelschreiberei waren die beiden offiziellen Beschäftigungen des Mendele; die dritte und einträglichste, nach der ihn seine Glaubensgenossen nannten (,Schadchen" ist ein Wort des jüdisch - deutschen Jargons und bedeutet: „Heirathsvermittler") brauchte er nicht erst ans die Tafel zu setzen; er hatte ohnehin Zuspruch genug. Das sollte auch Leib erfahren. Als er die erste Stube, eine Art Wartezimmer betrat, musterte ihn die dicke Frau des Mendele, die da hinter einem mächtigen Tische saß und schrieb, — sie führte die „Akentschaft“ — hochmüthigen Blicks und schien seine leise, demüthige Frage nach ihrem Manne zu überhören. Dann fragte sie doch: „Wozu?" „Wegen mein' Miriamchen." „So—0? Ich furcht', da bemüht Ihr Euch umsonst! Solche Prinzen, wie Ihr nach Eurer Mitgift verlangen könnt, hat mein armer Mann nicht vorznschlagen. . . . Uebrigens, wenn Ihr trotzdem mit ihm reden wollt, so kommt morgen. . ." In der That hatte Mendele offenbar Besuch; aus der anstoßenden Stube klang das Geräusch mehrerer Stimmen, die gleichzeitig durcheinander schrieen. i