Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-18 · Heft 42 (18.10.1895) · p. Seite 501

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 501 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228137--52250-3273035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

einer Tragödie gemacht; der wirkliche Urtel Acosta war weder bewunderungsnoch bemitleidenswürdig, sondern eine jener haltlosen Naturen, die wohl in tmserem blasirteu Zeitalter an ihrer richtigen Stelle wären, nicht aber in jener harten Zeit, wo im Ghetto stramme Ordnung und Zucht nöthig uitb unentbehrlich waren. Die große Welt kennt ferner Baruch Spinoza, diesen petit juif d’Amsterclani, dessen Geist das ganze Weltall umfaßte, der aber im Amsterdamer Ghetto keinen Platz finden konnte. Aber man kennt sehr wenig die vielen Kümpfe und Anstrengungen, die es in den Ghetti gegeben, um Betrüger, Falschmünzer, Spione, Diebe und Hehler niederzuhalten. welche durch ihr Treiben die ganze Judenheit in Gefahr brachten. Die ganze Responsenlitteratur des Mittelalters und der später« Jahrhunderte, bis zur Zeit, wo die Macht und die Autonomie der jüdischen Gemeinde aufhörten, ist voll von derartigen Ereignissen. Man gab sich redlich Mühe, unsaubere Elemente von sich abzuschütteln, bei welcher Prozedur aber die größte Vorsicht nöthig war. Denn die christliche Kirche war damals milder gegen solche „Entgleiste", und mancher Wicht, der im Ghetto übel berüchtigt war, wurde in die Kirche ausgenommen, um dann als klassischer Zeuge gegen Juden und Judenthum zil gelten. Natürlich gab es auch harte Maßregeln gegen liederliche Frauenzimmer und Männer von unmoralischem Lebenswandel, über die unser gebildetes Zeitalter milder urtheilt. Aber man darf sich nicht von einer sentimentalen Stimmung Hinreißen lassen, wenn man jene Vorfälle im Licht der modernen, durch Ehebrnchsdramen gebildeten Anschauung beurtheilt. Im wirklichen Leben sind Ehebruchsszenen stets minder schön als in der Poesie. Ich will nicht behaupten, daß solche Sachen damals in der Judenheit nicht vorgekommen waren; gewiß gab es auch im Mittelalter Menschen,deren Fleisch schwach war. Allein schon aus Rücksicht auf die christliche Bevölkerung war man zu einem rigorosen Vorgehen gegen die „schönen Sünderinnen" gezwungen. Der berühmte R. Ascher b. Jechiel wurde während seines Aufenthalts in seiner neuen Heimath Spanien von einer Gemeinde angefragt, was mit einer Ehebrecherin zn thun sei, die durch ihr skandalöses Leben ein öffentliches Aergerniß errege. Das Stadtoberhaupt mache der jüdischen Gemeinde den Vorwurf, dieselbe dulde Unzucht in ihrer Mitte, während die christliche Obrigkeit Solches mit dem Tode bestrafe. Der stittenstreuge Rabbiner, der von Deutschland nach dem lebensfrohen Spanien seine ganze morose Moral nütgebracht hatte, konnte sich doch nicht dazu entschließen, ein Todesurtheil zu fällen; sein Ausspruch lautete vielmehr dahin, der Sünderin solle man Ohren und Nase abschneiden. Für einen Dichter wäre hier Stoff zu einem Ehebruchsdrama; der Historiker erblickt darin die strenge Zucht jener harten Zeit, wie sie allgemein üblich war, aber bei den Juden doch nicht in aller Härte zur Geltung kam. In Deutschland wurde von großen Gelehrten, welche in der Judenheit autoritatives Ansehen genossen, zu verschiedenen Malen der große Bann über Münzfälscher und Müuzbeschueider verhängt, namentlich vom berühmten Decisor, der unter dem Namen Mordechai bekannt ist und welcher ausdrücklich darauf hinweist, welche Gefahr der ganzen Judenheit aus solchen Missethaten entstände. Mit dergleichen Strenge wurde auch gegen Schmuggler und Zolldefraudanten vorgegangen, wie überhaupt gegen Alle, welche den Staat und die christliche Bevölkerung durch Uebervortheiluug schädigten und einen ,,ChillnlHaschem" verursachten. Was der Bann in jener Zeit, in welcher das Individuum nur in der Gesammheit seine Existenzbedingung fand, für eine Gewalt hatte, bedarf nicht der weiteren Ausführung. In Prag war die Einrichtung getroffen, Diebstähle, welche in Kirchen oder in Privathäusern verübt worden sind, der jüdischen Gemeinde mitzutheilen. Der Synagogendiener pflegte sodann in der Synagoge n n ter Androhung des Bannes bekannt zu machen, daß Diejenigen, welche etwa aus Unkenntniß der Sachlage das gestohlene Gut angekauft, dieses dem Synagogendiener sofort, ohne Anspruch auf Entschädigung, auszuhändigen hatten, welcher Letztere es dem Eigenthümer zurückstellte. Daß nun für Hehler keine Veranlassung vorhanden war, von Dieben etwas zu kaufen, ist unter solchen Umständen selbstverständlich. Matt sieht, daß die Juden ihre volle Schuldigkeit thateu, um gegen Unredlichkeit und Zuchtlosigkeit Maßregeln zu ergreifen, so lange dies in ihrer Macht lag. Man zieht so oft gegen die „jüdische" Prunksucht und das „jüdische" Protzenthum los. Warum machen die Juden diesem skandalösen Treiben keilt Ende? wird oft gefragt. Protzenthum ist allerdings eine häßliche Erscheinung des öffentlichen Lebens, aber ohne Unterschied der .Konfession. Auch in dieser Beziehung hat die „jüdische Solidarität" in früheren Zeiten Wandel zn schaffen versucht. Im Mittelalter und auch später suchten oft die Gemeinde- Vorstände aus dem jüdischen Leben Luxus, Verschweltdung, übertriebenen Aufwand und Prunksucht zu vertreiben. Man muß natürlich die verschiedeneit Zeitumstände mit in Betracht ziehen. Unter den deutschen Juden gab es in der Regel keinen Luxus, bis in die neue Zeit hinein. Das Leben war zu hart und der auf ifnteit lastende Druck zn schwer; auch herrschte unter beit deutschen Juden eine solche herbe Lebensanschauung, eine soche tiefgehende Frömmigkeit, daß sie sich das Bischen Lebensfreude, die ihnen die ewigen Verfolgungen und obrigkeitlichen Plackereien noch ließen, selbst vergällten. Die deutschen Juden waren bei den anderen Glaubensgenossen als Banansen und ungebildet unrühmlich bekannt, dafür aber galten sie mit Recht fürinnig fromm und gottergeben. Von Protzenthum und Prunksucht konnte bei ihnen keine Spur sein; erst in der zweiteit Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts begann das Kulturleben der deutscheit Juden und mit demselben auch dessen Schattenseiten. Auch damals wollten die Rabbiner und Gemeindevorsteher gegen die neuereit Lebensgewohnheiten einschreiten; aber der frische Luftzug-im Zeitalter Friedrichs des Großen war mächtiger als die alte Tradition. Als in Berlin zum ersten Mal unter Juden ein Kindertheater im Hause des Arztes de Lemos (bekanntlich spaniolischer Herkunft) die Jugend ergötzen sollte, da wollte der Gemeinde-Vorstand dagegen einschreiten. Tie kleine Tochter der Familie de Lentos — bekannt als Henriette Herz — stürzte aber in beit Sitzungssaal und bat so schön, mmt möge ihr, da sie eine Rolle einstudirt hatte, die erhoffte Freude nicht verderben, und die ernsten Männer konnten den Bitten des schönen Kindes nicht widerstehen. In Spanien gab es Zeiten, in denen die Juden mehr Bewegungsfreiheit hatten und nicht in ihrem Ghetto eiugeschlossen blieben. Da rissen auch unter ihnen schlechte Sitten und Zuchtlosigkeit ein: Luxus, Equipagen, Paläste, seidene Gewänder und leider auch — Maitressen. Durch den Luftzug von außeu wurden Jakobs Zelte entweiht, denn es ist ja bekannt, daß gerade im glaubenseifrigen Mittelalter die Lebensgettüsse gröber und sinnlicher waren. Es fehlte auch damals nicht an warnenden mtb ermahnenden Stimmen. In der ersten Zeit, als die Sittenverderbniß noch keine großen Fortschritte gemacht, konnte man dagegen noch ankämpfen; später aber, als die Leute reicher und mächtiger wurden, war keilt Halt mehr. Da brach über die Juden Spaniens die Katastrophe vou 1391 herein, von der sie sich nie mehr erholt haben. Um diese Zeit schrieb R. Salomo Ala ut i sein „Jggereth Mußar", in welchem er seinen Glaubensgenossen ihre Verschwendungssucht, Protzenthum, Sittenverderbniß und Zuchtlosigkeit mit seltener Offenheit vorhielt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.