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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-18 · Heft 42 (18.10.1895) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 500 (sequence 10)
Language
German
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500 und Erklärung der Stelle zu verhüten, daß diese poetische Gestalt verallgemeinert werde. Auf einer oberen Stufe kann Aehnliches wohl erreicht werden. Wenn dort z. B. Freitags „Soll und Haben" besprochen wurde, wo doch der Jude mit ähnlichen Zügen wie in Rückerts Märchen, nur noch weit ausführlicher, gezeichnet wird, dann könnte der Lehrer unschwer die Schüler . erkennen lassen, daß der Schriftsteller hier die gewissenlose, schlaue Habgier an den jüdischen Wucherern mit etwas einseitiger, greller Mischung der Charakterfarben typisch dargestellt hat, um an den entgegengesetzten Typen die ehrliche, treue und kulturfördernde Arbeit noch heller beleuchten zu können. Der Schüler wird daun die Leben athmenden, packenden Gestalten ganz in sich aufnehmen uub dennoch nicht ihre frischen Züge auf die Personen seiner Umgebung übertragen. Es ist eine Abstraktion, deren ein denkender Schüler wohl fähig ist. Darf diese aber auch schon Kindern der Unterftufe zugemuthet werden, Kindern, deren Denken noch schwach ist. und welche sich weit mehr von den Regungen ihres Gemiithes, als von diesem leiten lassen? — Bei der Erzählung von der gratlsamen Stiefmutter werden sich beni neuen fremdartigen Bilde die vielen aus früheren Stücken entnommenen Beispiele von liebevollen Müttern, vor Allem das Beispiel der eigenen treusorgenden Mutter leicht entgegenstellen. Der Lehrer braucht nur daran 31t erinnern, um die alten Vorstellungen wieder lebendig zu machen. Dazu prägt sich die Gestalt der Stiefmutter durch die Stärke ihres Gegensatzes, sowie durch ihre eigene Kraft, dem Kinde neu ein. So können fernerhin die beiden entgegengesetzten Gestalten unverwirrt nebeneinander fortbestehen. Darf beim „Juden" aber ein ähnlicher Vorgang erwartet werden? Der Beobachter des Treibens in unfern großen deutschen Städten, z. B. in unserm lieben, schönen Dresden, weiß, daß hier der antisemitische Jrrgeist fast überall eine starke Herrschaft führt. Aus der Straße und in der Schule, oft genug wohl atlch im Hanse werden dein jugendlichen Sinne durch die Rohheiten einer nichtswürdigen Partei und durch die Verirrungen älterer Genossen solche Eindriicke geboten, die dem dichterischen Bilde vom habgierigen Juden eine kräftige Unterlage bereiten. Das Wort der Vernunft ist aber selten in unfern Tagen, und die Menschenliebe ist nicht verbreitet. Daher kann die warnende Erklärung des Lehrers nicht aufkonunen. Das kräftige, von so vielen Seiten gestützte Bild trotzt dieser Hemmung, und der Gewinn einer poetischen Gestalt hat sich durch die Förderung einer sittlichen Verrohung bezahlt gemacht. Der Pädagoge 11111)5 zugeben, daß hier die Gefahr einer Reibung zwischen den ästhetisch-philologischen und den pädagogischen Interessen vorliegt. Er darf sich von dem politischen Parteigetriebe nicht so fern halten, daß er die für seine Schnlthätigkeit daraus entspringenden Forderungen übersieht oder unterschätzt. Die Interessen und Verhältnisse der Schule werden aus denen des praktischen Lebens geboren und sollen zu ihnen wieder zurückführen. Darum müssen sie in enger Abhängigkeit von ihnen erhalten werden. Herr Oberlehrer Dr. Kuttner bemerkt, daß vor dreißig Jahren das Gedicht weder bei christlichen noch bei jüdischen Schülern einen Anstoß herbeiführte. Für unsere Zeit ist „der Jude" darin ein noli me tangere. Natürlich darf der Ueberzeugung des Lehrers kein Zwang zugemuthet werden. Wer in dem Ersätze des „Juden" durch „Bettler" eine Verstümmelung erblickt, die sein ästhetisches Gewissen zurückweist, von dem kann sie nicht gefordert werden. Aber noch weniger darf dieser dem Dichter zuliebe vom Unterrichte ein Opfer fordern, welches ans christlicher Seite die Gefahr einer sittlichen Verderbniß, auf jüdischer die Verbitterung des kindlichen Geinüthes auch nur vermuthen läßt. Dem gegenüber giebt es nur eine Forderung: Das Anstößige hat wegzubleiben, sei es die einzelne Stelle oder das ganze Gedicht. Me „jüdische Solidarität". Von Dr. S. Bernfeld. I. s giebt historische Legenden, die sich derselben Unverwüstlichkeit und Unzerstörbarkeit erfreuen wie die religiösen. Auch in der Geschichte hat oft der Glaubenssatz: „Credo quia absurdum“ seine volle Giltigkeit, trotz der wissenschaftlichen Erleuchtung, deren sich unser Zeitalter rühmen darf. Zu jener historischen Legende, die von Allen geglaubt, von Niemandem aber auf ihre Richtigkeit hin geprüft werden, gehört auch die von der „jüdischen Solidarität." Sie gehört zu dem Jnventarium aller Politiker und Schriftsteller, welche sich über Juden und Judenthum äußern; Freunde und Wohlwollende erwähnen sie lobend, während Uebelwollende auf die Gefahr Hinweisen, welche von einer so eng aneinander geschlossenen Körperschaft, wie die der jüdischen, der Gesellschaft drohe. Die „jüdische Solidarität" wird also gelobt oder getadelt, aber von Allen als bestehend angenommen. Niemand nimmt sich die Mühe, der Frage näher zu treten: „Ist sie denn in der Wirklichkeit vorhanden?" Was mich dazu veranlaßt, diese Frage in den Kreis meiner Erörterungen zu ziehen, ist nicht etwa die Absicht, gegen die Antisemiten zu polemtsiren und sie eines Bessern zu belehren: ich halte dies fürverlorene Liebesmühe; — sondern der Umstand, daß wir oft von freundlich gesinnter Seite oder gar von Juden selbst, welche allerdings das Judenthum und dessen Geschichte nur oberflächlich oder gar nicht kennen, zu hören bekommen: Es wäre im Interesse der Juden selbst zu wünschen, wenn von Junen aus eine Aktion gegen Korruption und Mißstände innerhalb der Judenheit ausgehen würde; man würde dadurch dem Uebelwollen den Boden entziehen und den Freunden einer gerechten Behandlung der Juden ihre Aufgabe erleichtern. Es wird aber nicht des Nähern angedeutet, wie jene Aktion gemeint sei. Offenbar spukt da noch die Legende von der „jüdischen Solidariät" herum. Man nimmt au, die Juden selbst brauchen nur ernstlich zu wollen, und alle Ausschreitungen, die den Juden zum Vorwurf gemacht werden, würden sofort aufhören. Ich habe einmal einen solchen „Wohlwollenden", der mir mit dem „guten Rath" kam, die Juden mögen selbst gegen unsaubere Elemente aus ihrer Religionsgenossenschaft in Aktion treten, mit der Gegenbemerkung in Verlegenheit gesetzt: Warum denn der Staat, der ebenso guten Willen wie Macht besitzt, mit seiner Aktion gegen unsaubere Elemente der Gesellschaft nicht völlig reüsfiren kann? Da war doch der große Fichte jedenfalls konsequenter, wenn er meinte, man müsse den Juden über Nacht ihre Köpfe abschlagen und ihnen andere aufsetzen, um ihre Natur zu ändern. Das ist lvenigstens radikal; nur wäre es von einem so kühnen Denker zu erwarten, er würde dies radikale Heilmittel gegen die ganze sündige Menschheit in Vorschlag bringen. Aber wollen wir die Sache ernstlich betrachten. Thatsächlich haben die Juden im Mittelalter und auch später, als sie noch in streng geschlossener Korporation lebten, eine gewisse Solidarität dahin bethätigt, indem sie gegen Verbrecher und auch gegen Solche, welche durch einen lockeren Lebensioandel öffentliches Aergerniß gaben, mit der größten Strenge vorgingen; namentlich gegen Alle, welche durch ihr Verhalten die Gesammtheit gegen Außen hin kompromittirten und Gefahr über dieselbe heraufbeschworen. Daß die jüdischen Gemeindevorstände und Rabbiner ihre Macht auch gegen Solche in Anwendung brachten, welche von den jüdischen Lebensnormen abwichen, lag in der Natur jener glaubensstarken Zeit. Das große Publikum kennt das Schicksal eines Uriel Acosta, den Gutzkow mit mehr dramatischem Talent als historischer Wahrheit zum Helden

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