Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 499 (sequence 9)
- Language
- German
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499 Gemeinde Hannover niemals gefehlt, und ich möchte einen Zoll des Dankes abtragen, indem ich eine Reihe derselben aus unserm Jahrhundert bis in die neuere Vergangenheit hinein namentlich aufführe, wie Alexander Cohen, Adolph Meyer, den 48er Adolph Berend, Advokat Simon und David Peretz, dann die Ihnen fast allen noch persönlich bekannten Daniel Heinemann, Geheimrath Dr. Cohen, Mechoel Behrens, Israel Meyerhoff, und aus der neuesten Zeit Geheimrath Louis Meyer und Kommerzienrath Molling, denen ich noch eine ganze Anzahl anderer verdienter Namen Lebender und Heimgegangener hinzufügen könnte. Was von dem Vorstand und Repräsentanten - Kollegium unserer Gemeinde in gemeinsamem Wirken mit den geistlichen Führern in Bezug auf Gottesdienst, Schule und Kultus, Armenwesen und Wohlthätigkeits- Anstalten, Krankenpflege und Begräbnißwesen, sowie in vielen sonstigen Beziehungen geleistet worden ist, liegt vor Aller Augen. Und wenn dieses Hand in Hand Arbeiten auch nicht immer ohne Meinungsverschiedenheiten unter den in Frage kommenden Faktoren vor sich gegangen ist, so bleibt solches kaum ernstlich zu beklagen. Ein griechischer Spruch sagt bekanntlich, „Der Kampf ist der Vater von Allem", und wenn überall Bewegung noththut, damit die Wasser nicht versumpfen, so ist dieses in erster Reihe auch im Judenthum der Fall, das niemals einem maßvollen Fortschritt abhold gewesen ist. Meinungsverschiedenheiten schließen ja auch die Friedensliebe nicht aus, und so möge dieser Geist, welcher sich in der Veranstaltung der gestrigen und heutigen Feier, wo alle Parteiungen schweigen, bekundet, stets einer jeden Berathung zu Grunde liegen! Aber eine jüdische Gemeinde-Verwaltung hat noch höhere Aufgaben zu erfüllen als allein die vorhin bezeichneten, so sehr diese auch des Schweißes der Edlen werth sind. Als an Israel der Ruf erging: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein und ein heiliges Volk", da wollte Gott nicht nur, daß jeder Einzelne an seiner sittlichen Vervollkommnung arbeite, sondern Israel sollte als Priestervolk ein Vorbild für die ganze Menschheit werden. Und so ist es die Pflicht jeder jüdischen Gemeinde, besonders aber der größeren, als Vorbild in der Hebung des religiösen Bewußtseins, in der Vertiefung des jüdisch-religiösen Sinnes zu dienen, damit sich nicht nur die Augen der eigenen Mitglieder, sondern auch die weiter Kreise mit Befriedigung auf sie richten und an ihnen ihren Muth zur Erreichung der idealen Ziele stärken. Da dürfen wir es denn mit Freude anerkennen, daß die Männer aus unserer Mitte, welche das Vertrauen ihrer Gemeindegenossen immer und immer wieder an die Spitze gerufen hat, im Verein mit ihren bewährten geistlichen Führern unserer Gemeinde im Lause der Zeiten einen solchen Rang in Israel verschafft haben, daß wir uns mit Stolz rühmen dürfen, der Khilla Hannover anzugehören. Möge, wenn ein Geschlecht dem andern folgt, der Ruf der Gemeinde Hannover stets derselbe bleiben, und mögen immer, wie gegenwärtig, Männer die Führung und Vertretung haben, denen Gott Dasjenige verliehen hat, um das wir an einer der feierlichsten Stellen der festtäglichen Agende vor geöffneter heiliger Lade beten mach ehocbmah uwinah, einen Geist der Weisheit und der Einsicht, einen Geist des Rathes und der Kraft, einen Geist der Erkenntniß und der Gottesfurcht! Denjenigen aber, welche heute ihres verantwortungsreichen Amtes walten, möge es vergönnt sein, dies noch lange Jahre in ungeschwächter Kraft zum Wohl und zum Segen unserer Gemeinde thun zu können. Und Sie, meine Herren, bitte ich, zum Zeichen, daß die Gemeinde Hannover Vertrauen zu ihren Führern und Vertretern hat, mit mir einzustimmen in den Ruf: Vorstand und Repräsentanz unserer Gemeinde, sie leben hoch! Noch einmal vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt. Von Mittelschullehrer Max Golde in Dresden. $u der in den Nummern 17,19,20,22 und 27 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" behandelten, aber unerledigt gebliebenen Streitfrage über die Berechtigung des „Juden" in Rückerts Gedicht „Vom Bäumleiu, das andere Blätter hat gewollt" wünschte ich schon vor den Ferien ein vermittelndes Wort zu sprechen. Die indessen leider eingetretene starke Verzögerung wird hoffentlich dazu beitragen, daß dieses jetzt sine ira et stuilio, wie ich es biete, auch ausgenommen wird. Herr Realschullehrer I. Seifensieder machte den Vorschlag, ein Verzeichniß von Lesebüchern, die für jüdische Schulen geeignet seien, znsammeiiziistellen und lehnte diese Anregung an eine Lesebuchbesprechnng in der „Zeitschrift für den deutschen Unterricht" des Herrn Oberlehrer Dr. Lhon aus Dresden. Die theilweise Wiedergabe jener Besprechung war von einigen persönlichen Bemerkungen gegen deren Verfasser, den Herausgeber des Blattes, begleitet. Diesem wurde ein Vorwurf daraus gemacht, daß er den „Juden" in dem betreffenden Gedichte eine prächtige Schilderung genannt hatte, welche die Geldgier in gestaltnngskräftigec Weise verkörperte, und daß er deshalb, gegenüber dem Versuche, den „Inden" durch einen anderen Gattungsbegriff zu ersetzen, jenen beiznbehalten empfohlen hatte. Die Behauptung, daß diese Begründung „etioas sehr eigenthümlich anssehe," und daß sie „bedenkliche Grundsätze" erkennen lasse, kann sich jedoch gegen die Versicherung des Herrn Dr. Lhon, daß er eine rein sachliche Erörterung geführt habe, nicht aufrecht erhalten. Der Aesjhetiker konnte an der vom Dichter scharf nmriffenen Gestalt des nach Gewinn nmherspähenden Inden wohl ein reines, von Nebeninteressen freies ästhetisches Gefallen finden und als Pädagoge den Wunsch hegen, dieses auch in seinen Schülern hervorzurnfen. Ob dieser Wunsch pädagogisch einwandfrei ist, konnte von einem fremden pädagogischen Standpunkte ans in Zweifel gezogen werden; doch durste ein persönliches Bedenken daraus nicht hergeleitet werden, wenigstens nicht, wenn die Forderung Hillels beachtet worden wäre lalpRsS “fl? de» Andern nur ans dessen Boden, nach dessen Gründen, nicht ans dem eigenen Empfinden, der eigenen Erregung heraus zu benrtheilen. Als Beweis dafür, daß Herrn Dr. Lhon jede parteiliche Abneigung gegen Inden fremd ist, sei mir noch gestattet, »ach einem am 11. Mai d. I. an mich gerichteten Briefe desselben, darauf hinzuweisen, daß er bei „Klopfer: Zur Judenfrage, Worte zeitgenössischer Schriftsteller" den Antisemitismus als eine schwere sittliche Erkrankung unseres Volkes erklärt rmd auch in seiner Zeitschrift bei der Besprechung von Friedrich Langes reinem Deutschthum die Ungerechtigkeit, die darin liegt, daß man den edlen Inden mit dem niedrigen in einen Topf wirft, getadelt hat; dort auch wiederholt Beitrüge von jüdischen denischgesinnten Männern wie von L. Geiger, Engen Wolff, Ludwig Frankel u. A. bringt, „weil er lediglich die Sache, niemals andere Rücksichten entscheiden" läßt. Lassen wir uns durch das schändliche Treiben der antisemitischen Volksverführer den Sinn doch nie so weit trüben, daß wir nicht mehr die Sachlichkeit bewahren und gerechten Männern Anlaß zu der Beschwerde über Ungerechtigkeit geben! nur durch volle Gerechtigkeit gegen Jedermann werden wir uns einen sicheren Boden gründen. Ich hoffe, Herrn Oberlehrer Dr. Lhon mit diesen Zeilen die ihm schuldige Genngthmmg gegeben zu haben und bedauere nur, daß häusliche Verhältnisse mich bis jetzt daran gehindert hatten. Nun aber möchte ich mich noch einmal zu der pädagogischen Frage zurückwenden. Die Herren Seifensieder und Dr. Feßler haben mit ihren Ausführungen dargethan, daß jüdische Schüler sich durch die Erwähnung des „Inden" verletzt fühle». Ich möchte darauf Hinweisen, daß die von Herrn Dr. Lhon bei den christlichen Schülern beobachteten Aeußerungen doch zunächst beweisen, daß durch die Erwähnung des „Inden" eine lebendige Steile im Bewußtsein dieser Kinder getroffen wurde. Der Jude wandelte dort schon früher in einer solchen Gestalt umher, daß ihnen der Rückertsche Jude bei seinem ersten Begegnen ein leichtes Behagen einflößte. Herr Dr. Lyon hofft nun, durch eine richtige taktvolle Behandlung