Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 498 (sequence 8)
- Language
- German
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498 ihren Kameraden mit Hintansetzung ihres eigenen Lebens von Gefangenschaft oder Tod. Hannover. Dr. S. Kayserling. * Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Regiments-Arzt des Infanterie-Regiments Nr. 137, Herr Oberstabsarzt 2. Klasse Dr. Kuznitzky, auf sein Abschiedsgesuch unter dem 1. Oktober mit Pension, der Erlaubniß zum Tragen der Uniform und unter Verleihung des Charakters als General-Arzt 2. Klasse zur Disposition gestellt ist. Das Letztere ist ein königlicher Gnadenbeweis. Bekanntlich steht ein General-Arzt 2. Klasse in einem Range mit einem Obersten und Regiments-Kommandeur. Nieheim. Paul Ranschoff. Zwei Toaste. als solche gehören eigentlich wohl nicht in den ernsten Vjgy Theil eines so ernsten Angelegenheiten gewidmeten Blattes wie das unsere. Wenn wir bei den folgenden Trinksprüchen eine Ausnahme machen, so geschieht dies ans dem einfachen Grunde, weil beide ebenfalls sehr ernste Angelegenheiten, das Scheiden eines Lehrers, das Jubiläum einer Synagoge, in einer sehr ansprechenden Weise behandeln, so daß sie wohl gelesen und auch in weiteren Kreisen beherzigt zn werden verdienen. Das Gemeindeleben ein Baum — des Lehrers Thätigkeit feine Wurzel. Aus einem Toast beim Scheiden eines Lehrers aus seinem Amte, von Rabbiner Dr. F. Lazarus-Köln. Wenn die Wurzel eines Baumes krank ist, so ist es auch der Baum selbst. Ist sie nicht gesund, so ist auch die Frucht des Baumes faul und wurmstichig. Wie es thöricht wäre, in den Boden die Saat zu streuen, bevor er aufgelockert und bearbeitet ist, so wäre es gleiche Thorheit, von einem Baume üppiges, frisches, fröhliches Wachsthum zu erwarten, wenn die unansehnlichen Schößlinge, die im Schooße der Erde ruhen, schon verdorben sind. Solch' ein Baum ist das Gemeindeleben in Israel, seine Wurzel die religiöse Jugenderziehung und seine köstliche Frucht ein seiner Aufgabe und seines Jsraelitenberufes sich klar bewußtes, herangewachsenes Geschlecht. Wenn versäumt worden ist, in den blühenden Garten des Kindesherzens die Wunderblume der Religion und Sittlichkeit einzusenken, so muß der Mann wohl ohne die milde leuchtenden Strahlen des Gotteslichtes im Finstern seinen Lebensweg gehen, ist den Verführungen und Verlockungen der Leidenschaft schutzlos preisgegeben und hat keinen Schutzengel zur Seite, wenn die stürmischen Wogen des Erdenlebens sein Lebensschiff hin- und Herschleudern. Nur wenn die Wurzel des Lebenssaftes voll ist und ihn emporsendet zu den Zweigen und dem lichtumflossenen Wipfel, dann können die Aeste sich mächtig ausbreiten und schattenspendend ins Land hineinrageu. Nur dann stehen nicht leer die Gottestempel, sind nicht verödet die Stätten der Erbauung, wenn in den Herzen der Jugend zuvor Tempel errichtet, Altäre erbaut sind. Nur wenn die begeisterte Stimme des Lehrers ertönt in der Schule und Wiederhall findet in der Seele des Schülers, wird von den Lippen des herangewachsenen Geschlechtes die andachtsvolle Stimme des Gebetes ertönen in des Herrn heiligen Hallen. Ohne Gotteslehre kein Gottesdienst. Die Krone des Baumes aber bilden die Anstalten in der Gemeinde, welche menschenfreundlicher That, der bethätigenden Liebe geweiht sind. Sie mildern das Elend der Armen, indem sie die Herzen der Reichen erwecken und rühren, sie schlagen gleichsam die Brücke zwischen Himmel und Erde, indem sie dem Verzweifelnden den Himmel, den Gottesglauben wiedereinflößen, sie üben schon deßhalb Liebe, indem sie dem Unglücklichen die Liebe zu seinen Mitmenschen widergeben, ■’öft n*7D^ Auf Kindesmund hast du dein Reich begründet (Pf. 8, 3). Und dieses Gottesreich der Liebe, in welchem wir uns alle als Brüder, als Kinder eines Vaters fühlen sollen, begründet der Lehrer in dem Kinde, indem er die Kindesseele lieben lehrt und so dem Himmel erwirbt, was vom Himmel stammt. Ohne Gotteslehre keine menschenfreundliche That. Der Wipfel des Baumes ragt hoch hinauf in die Lüfte, seine Zweige prangen beladen mit der herrlichen Frucht, seine Wurzel ruht verborgen und unscheinbar im Erdboden. Ein würdiger, ansprechender Gottesdienst, auf traditioneller Grundlage aufgebaut und doch durch diejenigen Einrichtungen geschmückt und verherrlicht, die der moderne Schönheitssinn gebieterisch fordert, die zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten, ebenso viele ehrende Zeugnisse für die Opferfreudigkeit der Gemeinde, sie sichern dem Gemeinwesen Anerkennung und Ansehen vor der Außenwelt. Ihrer Natur nach geräuschlos, still und unscheinbar vollzieht sich die Thätigkeit des Lehrers im Schulhause. Von drei gewaltigen Pfeilern wird unser Gemeindeleben getragen, dem Gottesdienst, der menschenfreundlichen That und der Gotteslehre.ft Im Gottestempel steht die erste Säule, in jeder unserer gemeinnützigen Anstalten die zweite, der dritte Pfeiler, unansehnlicher und doch gewaltiger und stärker als die beiden andern, steht im Schulhause. Hier ruhen die Wurzeln unserer Kraft, auf ihm, dem oft gering Geachteten, beruht unsere Zukunft, hier werden Kindesherzen in Gottestempel und Altäre der Menschenliebe verwandelt. Ehre darum Jenen, die jeder Zeit mit zielbewußtem Ernst die segensvolle Arbeit des Lehrers gefördert, mit liebevollem Verständniß seine hehre, aber schwere Aufgabe gewürdigt, die herzlichste Antheilnahme ihm wie stets, so auch heute bei Freud und Leid gezeigt haben. * Trinkspruch beim Festmahl zur 25jährigen Jubiläumsfeier der Synagoge, von Felix Herzfeld in Hannover. Wenn ich an die ehrenvolle Aufgabe herantrete, für die seitens des ersten Herrn Vorstehers der Gemeinde gewidmeten warmen Worte den Dank auszusprechen und zugleich einen Trinkspruch auf den Vorstand und das Repräsentantenkollegium der Synagogengemeinde Hannover damit verbinde, so erfaßt mich ein gewisses Bangen, ob ich dem auch werde gerecht werden können. Das schöne Verhältniß aber, in welchem unsere Gemeinde von jeher zu ihren verwaltenden Körperschaften steht, erleichtert mir die Aufgabe, und ich bin glücklich, der Dolmetsch, der Gefühle des Vertrauens und der Dankbarkeit sein zu dürfen, welche die Gemeinde ihren Führern und Vertretern gegenüber beseelen. Seit Moses Hauptleute über Zehn, über Hunderte und über Tausende einsetzte; seit in Israel die Aeltesten in den Thoren der Stadt saßen und richteten, hat es in den jüdischen Gemeinwesen an der Achtung vor der Autorität niemals gefehlt und zahlreiche Aussprüche unserer Weisen machen dieselbe ausdrücklich zur Pflicht. Aber von dem Erstarken des Parlamentarismus in unserm Jahrhundert und seitdem die Verwaltungen der jüdischen Gemeinden sich diese Formen ebenfalls zu eigen gemacht haben, schreibt sich doch ein ganz neuer Aufschwung in dem jüdischen Gemeindeleben her, das heute in mancher Beziehung viel kräftiger und umfassender pulsirt als ehedem, weil es auf eine breitere Basis gestellt ist, und das diesem Ziele, wo es noch nicht zur Genüge geschieht^ immer mehr zustreben sollte. Hier haben vor Allem die berufenen Leiter und Vertrauensmänner der Gemeinde den Hebel anzusetzen. Wenn Jesajas vorschauend die messianische Zeit ausmalt, wo Jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbäume sitzen werde, wo Wolf und Lamm zusammen wohnen, und — setzt der Prophet hinzu — „ein kleiner Knabe leitet sie", so müssen wir uns allerdings eingestehen, daß wir von dem messianischen Zeitalter noch sehr weit entfernt sind, denn heute genügt nicht die Leitung von Gemeinwesen, und insbesondere von jüdischen, durch Kindeshand, sondern es bedarf ansche chajil wejireh elohim, zielbewußter, gottesfürchtiger Männer, welche alle schlummernden Kräfte zusammenfassen und das Schiff durch alle nivellirenden Tendenzen, die an den Grundfesten der Religion und damit auch der jüdischen Gemeinden rütteln, wie durch die Wogen des Antisemitismus alter und neuee Gestalt glücklich hindurchführen. An solchen Männern hat es der ft S. Spr. der Väter I, 2.