Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 496 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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400 fonfiatiren, daß sie sie überhaupt nie gebracht, Artikel, die in von! Protestanten heransgegebenen Zeitungen von Protestanten geschrieben! wurden, mit einem seltenen Wagmnth behauptet er, daß „Berliner! Juden die religiösen Bestrebungen zur Hebung des religiösen Geistes"! beschimpfen, daß sie in der UmsturZbewegnng eine große Rolle spielen, daß ans ihren Kreisen die Aufhetzung gegen das Christeuthnm und gegen die Geistlichkeit konnne, daß der jüdische und der christliche Geist um die Herrschaft kämpften! Und das Alles ohne jeden Beweis, ohne die geringste Begründling, im Stil der „schlechten Presse", in der Tonart der Tonhalle, in der Manier des sozialdemokratischen Agitators — vor den (Stufen des Kaiserthrones! In der That, die streng konservative mid miverbll'unt antisemitische „Schlesische Zeitung" hat Recht, wenn sie ihre Betrachtiing über diesen Brief mit den Worten schließt: „Je mehr Herr Stöcker aus den Zeiten seiner früheren Wirksamkeit ausplaudert, desto weniger dürfte er die Sympathien weiterer Kreise int Vaterlande finden." Aber welche Perspektive eröffnet sich dem Kultur-Historiker der Zukunft in diesem Schreiben! An der Seite eines Herrn v. Hammerstein kämpfte damals Herr Stöcker gegen die Frivolität der Juden! Mit einem Herrn v. Hammerstem stritt damals Herr Stöcker für Religion, Sitte und Ordnung „gegen das frivole betrügerische, wucherische Jndenthmn." Mit den nichtigsten Anklagen, mit unerhörten Verleumdungen wagt er dem edelsten und gütigsten Monarchen, der in trüben Tagen die alleinige Heilkraft der Religion erfahren hatte und diese Religion seinem Volke erhalten wollte, gerade die Juden, das klassische Volk der Religion, als die Ursache alles Unheils und alles Hasses gegen den Glauben darzustellen, wagt er an den Stufen des Thrones uns, beiten Tank und Liebe, Ehrfurcht und Gehorsam gegen Fürst und Vaterland als heilige Pflicht vor Jahrtausenden schon verkündet worden, uns, die wir diese heilige Pflicht Jahrtausende hindurch und unter allen Verhältnissen beobachtet haben, mit der Umsturzbewegung gegen Thron und Altar in Verbindung zu bringen! Nun denn, alle jene Pläne sind zu Schanden geworden, und wie so oft in der Geschichte, hat sich die Bewegung, die man gegen uns versucht, schließlich gegen ihre Urheber selbst gekehrt. Auch angesichts dieser Vorgänge können wir mit dem frommen Daniel aus vollem Herzen au^rufen! „O, König, mögest du immerdar leben! Gott hat mir seinen Engel gesandt und den Löwen den Rachen verschlossen, so daß sie mich nicht verwundeten, weil ich vor ihm unschuldig befunden wurde und auch gegen dich, mein König, nichts Unrechtes gethan habe." Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Berlin, 8. Oktober. »n der von dem Vorstand des Central - Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufenen Delegirten- Versammlung, welche am Sonntag den 6. Oktober d. I. Abends 81 /.2 Uhr im blauen Saale des Grand Hotel Alexanderplatz abgehalten wurde, nahmen neben den Vorstandsmitgliedern 31 Delegirte der verschiedenen Berliner Gruppen, sowie eine größere Anzahl von Vertretern der Vorstände der schlesischen Synagogen - Gemeinden Theil. ' Vertreten waren u. A. die Gemeinden Bernstadt, Beuthen, Breslau, Groß Wartenberg, Kattowitz, Liegnitz, Namslau, Neisse, Neusalz, Oels, Sagan und Zabrze. Einzelne angekündigte schlesische Delegirte, z. B. diejenigen von Glogau und Ratibor, waren aus persönlichen Gründen in letzter Stunde an der Reise verhindert worden. Eine große Anzahl kleinerer schlesischer Gemeinden, welche keine Vertreter senden konnten. hatten im Voraus ihre Sympathien für die Vereinssache bekundet und um Mittheilung der Ergebnisse der Verhandlungen gebeten. Die letzteren wurden von Herrn Rechtsanwalt Dr. Horwitz mit einer herzlichen Begrüßung der schlesischen Delegirten und der Vertrauensmänner der Berliner Gruppen eingeleitet. Sodann erhielt das Wort Herr Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, der in einem ausführlichen, vielfach durch Beifallskundgebungen unterbrochenen Vortrage „die Bestrebungen und Ziele des Central- Vereins" erörterte. Der Vorsitzende dankte dem Redner, verwies auf die ersprießliche Werbearbeit, welche in den Berliner Gruppen geleistet worden ist, und eröffnete dann die Diskussion mit der an die schlesischen : Delegirten gerichteten Bitte, bezüglich der in ihren, der Centralstelle j ferner liegenden Bezirken wünschen-werthen Propaganda ihre An-! schauungen darzulegen und den Vorstand durch ihren Rath zu unterstützen. An der Debatte, die sich zunächst an Aeußerungen des Vortragenden über die Ursachen der antisemitischen Bewegung anknüpft, betheiligten sich die Herren H. Sachs, Berlin C., und Dr. Kastan, Berlin W., was den Vorsitzenden zu der Bitte veranlaßte, zuerst die Herren aus Schlesien zum Worte kommen zu lassen und die Diskussion möglichst auf das Thema einer wirksamen Propaganda zu beschränken. Die meisten schlesischen Gemeinden hätten durch Entsendung von Vertretern ihre Sympathie für die Vereinssache in dankenswerther Weise dargelegt, während mehrfach gerade die Vorstände der größeren Gemeinden im übrigen Deutschland ihre Pflicht in dieser Beziehung nicht voll erfüllt hätten, wenn auch einzelne jüdische Gemeinden gleich korporativ beitraten und zahlreiche hiesige Männer sich als eifrige Mitglieder des Vereins bewähren. Herr Stadtrath Prings he im-Breslau erklärte seine Bereitwilligkeit, für die gute Sache zu wirken. Er halte Neid und Mißgunst für die Hauptursachen der antisemitischen Bewegung, welche wir mit reinen Waffen bekämpfen müssen, uns in der Hauptsache stets auf Abwehr beschränkend. Er hege das Vertrauen zu dem Vorstand, daß er den Kampf in dieser Weise führen werde (Lebhafter Beifall.) Hierauf schilderte Herr Amtsgerichtsrath Levy-Beuthen die Zustände in Oberschlesien und ertheilte dankenswerthe Rathschläge bezüglich des für die dortige Propaganda einzuschlagenden Verfahrens, wobei der Redner die Bereitwilligkeit der oberschlesischen Juden, die gute Sache wirksam zu unterstützen, im Voraus zusicherte. Als Vertreter der Gemeinde Neisse verwahrte Herr Moritz Koplowitz seine Auftraggeberin gegen den Verdacht des Jndifferentismus; wenn auch dort die Juden mit der strengkatholischen Bevölkerung im tiefsten Frieden leben, fühlten dieselben doch mit den Glaubensgenossen, die in minder günstiger Lage sich befinden. Für die Propaganda in kleineren Gemeinden empfehle sich aber die Entsendung von Wanderrednern. Herr Königlicher Landmesser Mendelsohn-Oels bot eine hochinteressante Darlegung der Ursachen der Zunahme der antisemitischen Stimmen im Reichstagswahlkreise Oels - Wartenberg, die er darauf zurückführte, daß die Agitatoren von Dorf zu Dorf wanderten und bei den Stimmberechtigten unter allerhand kühnen Versprechungen förmlich hausirten. Bezüglich der Propaganda für den Central - Verein empfahl Redner, sich weniger an die Geistlichen, als an die Vorstände der Gemeinden zu wenden und für kleinere Gemeinden besondere Instruktionen auszuarbeiten. Hierauf erwiederte der Vorsitzende, daß sich die Instruktion in zwei kurzen Sätzen ertheilen lassen würde: 1. Theilt uns mit, was dort gegen die Juden geschieht, damit wir womöglich einschreiten! 2. Tretet bei! Dazu bedürfe es keines großen Opfers, da die Mitgliedschaft nur von einem Vierteljahresbeitrag von 50 Pfennigen abhängig sei. Die angebotene Entsendung von Rednern sei von einzelnen Gemeinden abgelehnt worden. Wo dieselbe gewünscht würde, dürfte Rath geschafft werden. Nachdem sich Herr Max Jonas-Sagan für, Herr Amtsgerichts Levy-Beuthen gegen den Nutzen der Wanderredner ausgesprochen, empfahl Herr Rechtsanwalt Dr. Fuchs den auswärtigen Mitgliedern häufigere zwanglose Zusammenkünfte, sowie die Losung: Gruppiren und Werben. Den korporativen Beitritt ganzer Gemeinden, den Herr Mendelfohn-Oels befürwortete, bezeichnete Herr Stadtrath Prings Heim-Breslau mindestens für größere Gemeinden als unpraktisch, was den Vorsitzenden zu der Bemerkung veranlaßte, die dankenswerthen Aeußerungen der schlesischen Vertreter hätten den Beweis dafür geliefert, daß an den verschiedenen Orten in verschiedener Weise agitirt werden müsse. Herr Rechtsanwalt Sonne nfeld betonte, daß