Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- Seite 494 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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494 Hangs bewußt werden mit der religiösen Gemeinschaft, zu der wir gehören, auch mit ihren Schmerzen und Schlügen. Aber dos wäre eine unnatürliche Ueberspcmnung des Gemeingesühls, wenn nicht selbst in für die Gesammtheit trüben Zeiten Raum bliebe für persönliches Glück, für das Behagen der Familie. Vielleicht war es gut, daß die rauhe Außenwelt, um deren Gunst wir so oft vergebens buhlten, uns wieder zurückgewiesen hat auf das schlichte und stille Glück, das unsere Vater in Ihren vier Pfühlen genossen haben und das ihnen die Krüfte gestühlt hat im Kmnpfe gegen Feindschaft und Vorurtheil. Es soll zugegeben werden, daß ausschließlich konfessionelle Geselligkeit eine Beschränktheit ist, daß, je mannigfaltiger die (Elemente sind, aus denen eine Gesellschaft sich zusannueusetzt, desto anregender dann die Geselligkeit ist, weil Einer dem Andern etwas bieten kann. Aber nicht wir haben die Schranken aufgeriehlet, sondern wir sind zurückgedrängt worden und wir haben das Recht, in der Familie, in der engeren Gemeinschaft der Glaubensgenossen die Genüsse zn suchen, die uns die Welt versagt. Jedoch nun erhebt sich die Frage: Sollen wir die Plüne unserer Feinde geduldig sich entwickelt! lassen oder sollen wir uns zur Gegenwehr erheben. Koheleth sagt: „Am schlimmen Tage Hab' Acht";vermehre das Uebel nicht durch Uebereilung. Wie Mancher, der die Flamme mit seinem Hauche auslöschen wollte, hat sie dadurch um so heftiger entsacht. Wenn die Obrigkeit diejenigen unserer Widersacher, welche die Geleise der Gesetzmäßigkeit verlassen, aus eigenem Antrieb zur Nerantlvortnng zieht, so ist das ihr Recht und ihre Pflicht. Wenn ein Israelit in seiner bürgerlichen Ehre gekrünkt, verleumdet ist, so mag er die Hilfe der Gerichte anrufen. Aber es war kein glücklicher Einfall. daß man sich alle Mühe gegeben hat, um im ganzen Lande auf feindselige das Judenthum beschimpfende Aeußernngen der Tagesblätter zu fahnden und diese behufs gerichtlicher Ahndung 3111* Kenntniß der Behörden zu bringen. Ganz im Gegeutheil, lies; es sich erreichen, daß ein ganzes Jahr in den Zeitungen nichts für und nichts gegen die Juden stünde, so wäre damit schon viel gewonnen. Denn unser schlinnuster Feind ist der böse Wille, der unwiderlegbare. Wohl aber sollten die Juden, ohne Heimlichkeit, jedoch auch ohne viel Lärm in der Oeffentlichkeitzu machen, mehr Zusammenhang und Zusammenhalt unter sich pflegen. Tie seltsamsten Vereinigungen entstehen in dieser Zeit; vielen Menschen, die irgend ein Gemeinsames haben, ist die Vereinigung eine Mehrung der Kraft; unter uns aber herrscht Zersplitterung und Vereinsamung; eine Gemeinde weiß nicht, was in der nächsten Nachbarschaft vorgeht; aus dem gegenseitigen persönlichen regen Verkehr würde Rath und Trost emporblühen, mancher thörichte Plan würde im Keime erstickt werden, mancher verstüudige Gedanke, der zaghaft ans Licht tritt, würde ermuthigt werden, es könnten ohne viel Lärm Direktiven gegeben werden, nach denen man im ganzen Lande sich richtete. Unsere alten Weisen sagen: „Jedes Geschlecht hat eine Unze von dem goldenenGötzen,den einst dieJsraeliten in der Wüste verehrt haben"; auch unser Geschlecht hat diese Unze von dein goldener! Götzen, in dieserHetzjagd nach dem Golde, in dem neiderweckenden Prunke, in dein eitlen Hasten nach allerhand üiißeren Ehren; manch böser Keinr tonnte ausgerodet werden durch die besoiirrene, durch die offene, aber darum nicht öffentliche Aussprache verständiger für das Gemeiilwohl Israels erglühter Männer; viel nichtiger Streit innerhalb der Gemeinden wird jetzt zur^Entscheidung sirichtjüdischer Behörden gebracht; das erhöht jedenfalls unser Nilsehen.nicht; warum sollten sich da die Parteien nicht lieber einein jüdischen Schiedsgerichte unterwerfen! von ganz unberechenbarem Segen könnten solche Zusammenkünfte werden, wenn nicht pruiikeiide Redetnrniere für die Außenwelt aufgeführt werden, sondern Austausch der Aiisichten und Erfahrungen erstrebt wird. Wir würden dadurch auch unsere Freunde und unsere versteckten Feinde im Lande besser kennen lernen. Der Jude verzweifelt nicht so leicht; wie in der Natur die zerstörenden Mächte des Herbstes doch mittelbar das Aufkeimen der Saat zur Frühlingszeit vorbereiten, wie der Regen, der die Blätter weifen läßt, wieder den Boden lockert zur Aufnahme des Saatkorns, so dienen in der Geschichte der Menschheit auch die kulturfeindlichei! Mächte dem endlichen Siege des Geistes. Koheleth sagt: „Auch diesen Gegensatz hat Gott geschaffen", aus den Dissonanzen steigt die Harmonie empor. Mögen draußen die Feinde toben, wir sind dennoch fröhlich und guten Muthes und genießen in unseren Häusern den Segen der Eintracht und der Zufriedenheit. Wir würden froh den Tag begrüßen, an welchen! wir ohne Vorrechte und ohne Zurücksetzung eintreten könnten in das öffentliche und gesellige Leben der Völker, unter benen wir wohnen; noch ist dieser Tag nicht gekommen, weil es einigen Böswilligen gelungen ist, wenn auch iiicht das Urtheil des Volkes, so doch einzelner Volkskreise zu verwirren. So wollen wir Uiiter uns um so inniger Gemeiiischaft pflegen und den Kastengeist bainien. Das letzte Fest des Tischri hieß Fest der Saminlung. Möge Israel nicht nur in den Gotteshäusern, sondern auch im Leben sich sammeln, sich einen um sein heiliges Banner. Are Woche. Berlin, 15. Oktober. f er Krieg, der seit längerer Zeit fast in der gesammten Presse gegen die Partei Hammerstein-Stöcker geführt wird, hat in der letzten Woche Enthüllnngen 31t Tage gefördert, die für uns von ganz besondererBedentnng sind. Es ist nicht die politische Seite der Angelegenheit, die uns hier interessirt, — unser Blatt hat sich mit Politik als solcher, Gott sei Dank, nicht zu beschäftigen, und unsere Feinde werde» uns das Zeugniß nicht versagen, daß wir über die Afsaire Hammerstein so gut wie gar nichts, kaum zwei oder drei Zeilen chronistische Notizen, gebracht haben. Die jüngsten Mittheilnngen des Herrn Stöcker dagegen haben für uns als Juden eine ganz besondere Bedeutung, weil sie uns jetzt enthüllen, was man vor fünfzehn Jahren gegen uns von jener Seite geplant hat. In der „Deutsch-Evangelischen Kirchenzeitung" hat nämlich Herr Stöcker einen Brief veröffentlicht, den er im Jahre 1880 an den hochseligen Kaiser Wilhelm I. zu dem Zwecke gerichtet hat, „um offen und klar die Schäden, welche ans unserm Volksleben lasteten und den Einfluß des Christenthnms vereitelten, an die Stufen des Thrones zu bringen." Es ist für uns ganz gleichgiltig, zu welchem Zwecke Herr Stöcker diesen Brief jetzt ausgegrabeir hat. Die Thatsache selbst hat viel mehr als historische Bedentting. Herr Stöcker schildert in der Einleitung seines Briefes die Anfänge der Berliner Bewegung. Er erzählt, daß die Geduld der leitenden Kreise gegen die christlich-soziale Partei erst dann erschöpft gewesen sei, als man das Judenthum in der Person des Herrn v. Bleichröder angegriffen habe. Bei diesem Anlasse sei auch zum ersten Mal der Zorn des Fürsten Bisinarck rege geworden. In einem Berliner Blatte erschien damals eine Notiz, in der mitgetheilt wurde, daß der Kaiser selbst sich niißbilligend über die Rede Stöckers gegen Bleichrödcr ausgesprochen habe. Darauf schrieb nun Herr Stöcker, indem er die betreffende Notiz beilegte, an Kaiser Wilhelm I. folgenden Brief: „Das unverkennbare Bestreben dieser indiskreten Publikation geht dahin. Eure Majestät als Gegner der gegen die Anmaßungen des