Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1895)
- Date
- 1895-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 42. Allgemeine Berlin, 18. Oktober 1895. eitung öes Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nebacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Dr. Ludwig Philippson-Bonn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! 8"W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I Leitarttkel: Die Nachklänge der Feste. — Die Woche. — Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. — Kriegs-Erinnerungen. — Zwei Toaste. — Nock einmal vom Bäumlein. das andere Blätter hat gewollt. Bon Max Golde. — Die jüdische Solidarität. I. Von Tr. S. Bernseld. — Ferrilletonr Leib Weihnachtskucheu und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. - Sprechsaal. Der Gemeindeboie. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Pankow. Dessau. Hamburg. Bochum. Wiesbaden. Wien. Budapest. New-Zork. Havana. — Bon Nah und Fern. — Misccllcir. — Geschäftliche Notizen. Die Uachklänge der Feste. Berlin, 15. Oktober. m fröhliche» Tage sei fröhlich", so lasen wir jüngst im Bnche Kohelet, „und am Tage des Unheils schau ans, die Gegensätze hat Gott geschaffen". Vor uns liegen Monate, die von keinem Feste erleuchtet sind, in denen es, wie es nun einnial Brauch oder Mißbrauch in dem Israel der Gegenwart ist, Viele das Ausstichen des Gotteshailses und der religiösen Erbauung nicht für nöthig erachten. Aber draußen im Leben werden wir mir allzu oft in dieser Zeit an unser Jndenthuin erinnert; ja es kann einer Stätten betreten, wo man den frivolsten Freude» fröhnt und wo Niemand an Religion denkt, plötzlich springt ein Harlekin hervor, rmd in Wort und Ton und Geste häuft er wohlfeilen Spott, der von der Menge freudig anfgenominen wird, über Inden und Jndenthuin. Es giebt eine Menge von Tagesblnttern in diesem Lande, die an jedem Tage etwas Jüdisches bringen, die den Tag für einen verlorenen ansehen würden, an dem sie dieses ihren Lesern so interessante Thema unberührt ließen. Wenn die Bürger müde von der Arbeit oder auch vom Nichtarbciten sich am Abend zusaninieiisiiiden, ist nicht selten der Jude der unerschöpfliche Gegenstand der Wechselrede, und wer in der Welt vorwärts kommen will, der redet gewichtig über die Jndenfrage, d. h. wenn wir die Sache aller Umhüllungen entkleiden, ob die Juden Menschen sind nnd Menschenrechte verdieneii, wie alle die Andern im Lande, oder nicht. Da wir mm aller Welt so interessant geworden sind, so verlohnt es sich am Schluß der festlichen Zeit, zu erwägen, ob wir irgend etwas thun können, dies sonderbare Interesse abznschwächen. Das Gefährliche unserer Lage ist auch dem Blödesten klar geworden. Länder, die wir lange Zeit gefeit wähnten gegen das judenfeindliche Bvrnrtheil, sind jetzt von diesem bösen Geiste heimgesucht; unsere Nachbarn im Westen, die ein Jahrhundert mit Stolz das Banner der Menschenrechte in hocherhobener Hand getragen, haben, erbittert dnrch das^ewissenlose Treiben einiger Geldjäger jüdischen Ursprungs, sich znm Theil von dieser uns feindseligen Thorheit unterjochen lassen; ja, selbst drüben jenseits des Meeres in dem großen Freistaat, der bisher eine nneingeschränkte Gastlichkeit geübt hat, schlügt das unheimliche Feuer empor; so viele unserer Glaubensgenossen im Oste» sind, ohne daß man vorher ihre sittliche, körperliche und geistige Kraft geprüft Hütte, von einer edlen, aber blinden Wohlthütigieit in die neue Welt befördert worden; viele Tausende konnten sich dort nicht behaupten »nd sind wieder heimgekehrt nnd habe» dort keine andere Spur znrückgelassen als den Judenhaß. Auch beim Wohlthnn ist der Glaube an die Allmacht des Geldes ein Aberglaube. Die Menschen wnrzeln mit linsichtbaren, aber darum dennoch starken Fasern in dem Lande, in welchem sie geboren sind; je weniger Bildung sie besitzen, desto enger nnd fester ist diese Verknüpfung mit der Heimath; sie können nicht so ohne Weiteres heransgerissen und anderswo wieder eingepflanzt werden. Die Inden, deren Klugheit von Freund und Feind so überschwänglich gepriesen >vird, daß wir schon selbst daran glauben, haben letzthin manchen verhängnißvollen Fehler begangen. Da werden denn dem kranken Manne allerhand Heilmittel verschrieben. Wenn ei» gewiffenhafter Arzt zu einem Patienten gerufen Md, so kann er oft nichts Anderes verordnen als Ruhe nnd muß der gelassene Zuschauer des Verlaufes bleiben, den die Krankheit nimmt. Nur die Marktschreier haben die Universalinittel, die, >vie sie mit lauter Stinnne versichern, unfehlbar helfen. Und wiederum der blöde und protzige Bauer meint, wenn er die Medizin bezahlen könne nnd »volle, so müsse auch ein Rezept vorhanden sein für sein Leiden, so giebt mancher Biedermann unter uns, wenn es sein muß, noch ein Goldstück, um den Judenhaß völlig aus der Welt zu schaffen, obgleich doch eine für uns entscheidende Autorität, nämlich die heilige Schrift selbst, uns hierfür ivenig Hoffnung läßt, denn wir lesen im fünften Buche Mosis: „Auch unter den Völkern wirst du keine Rast finden, es wird keine Ruhestatt fein für den Ballen deines Fußes." Aber unrecht wäre es, durch diese traurigen Verhältnisse uns die Stimmung völlig trüben und verderben zu lassen. „Am fröhlichen Tage sei fröhlich." Unsere Vorfahren waren auch nicht ans Rosen gebettet; das hat sie nicht gehindert, sich an den Festen Israels zu freuen und in ihren Familien Freude und Frohsinn zu pflegen. Der Sänger, der einst an de» Bächen Babels das rührende Klagelied um den Sturz Jerusalems angestimmt hat, hat nicht in der Trauer um Jerusalem von jedem Lebensgenuß sich abgewandt, sondern nur das Gelöbniß ausgesprochen, daß er auf der Höhe seiner Freuden Jerusalems gedenken werde. Ein fröhliches Herz ist ganz anders widerstandskräftig; wie jener heilige Sänger gelobte, nie Jerusalem zu vergessen, so wollen auch wir nicht so eng und kleingeistig sein, um nur den Freuden des Hauses zu leben, so wollen auch wir gerade in festlich geweihten Stunden, wo Glück und Heil bei uns einkehri, uns des Znsamine»-