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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 B. Budapest, 2. Oktober Zum vierten Male lagen heute die Gesetzentwürfe über die freie Ne lig io ns Übung und über die Rezeption der jüdischen Religion dem Abgeordnetenhause vor. Die beiden Kommissionen, denen die Nuntien des Magnatenhauses behnfs Berichterstattung zugewiesen waren, hatten sich noch vor den Parlamentsferien ihrer Aufgabe erledigt. Sie empfahlen dem Hause, die Rezeptionsvorlage, dem Vorschläge der Regierung entsprechend, mit der Weglassung des die volle Reziprozität involvirenden Uebertrittsparagraphen anzunehmen und diesen (Paragraphen) aber in die Vorlage über die freie Religionsübung einzuschalten. Auf keiner Seite des Hauses zeigte sich heute Lust, den Wortstreit über diese viel erörterten Vorlagen weiterzuspinnen. In einer kurzen Stunde waren beide Vorlagen beinahe einstimmig angenonuuen. Der Referent Pap erläuterte in kurzer schwungvoller Rede die Zweckmäßigkeit der in Vorschlag gebrachten Fassung und empfahl auch die Annahme des vom Magnatenhause beschlossenen Zusatzes, demzufolge als Rabbiner nur ungarische Staatsbürger, welche der ungarischen Sprache in Wort und Schrift mächtig sind, fungiren können. Nachdem Moriz Mezei sich auch seinerseits mit der Bemerkung, daß er die Intentionen der eingeschalteten Paragraphen derart auffasse, daß es Rabbiuatskandidaten auch fernerhin gestattet sei, Seminarien des 'Auslandes zu besuchen, für die Annahme aussprach, wurde der Ausschußbericht einstimmig angenommen. Die Rezeptionsvorlage kann nun Sr. Majestät zur Sanktion unterbreitet werdenZ sDie Magnaten werden sich nächstens nur mit dem Uebertrittsparagraphen im Rahmen der Vorlage über die freie Religionsübung zu befassen haben. — Die Pester israelitische Religionsgemeinde gründet aus Anlaß des Jubiläums des Herrn Rabbiner Dr. M. Kayserling, dem zahlreiche und wahrhaft herzliche Ovationen bereitet wurden, eine den Namen des Jubilars tragende Stiftung in der Höhe von 8000 Kronen für Schüler der neuen israelitischen Bürgerschule. Ferner gründete der israelitische Frauenverein auf den Namen des Dr. M. Kayserling und seiner Gattin Bertha geb. Philippsohn eine Stiftung von 6000 Kronen für die Erhaltung eines Waisenmädchens. Außerdem langten zahlreiche Begrüßungsdepeschen und Deputationen an. — Das klerikale Blatt Magyar Allam hat über das bereits aufgeklärte „Blutmärchen in Garam Kis Sallü" noch einen Brief veröffentlicht, in welchem mit voller Bestimmtheit behauptet wird, daß der verhaftete Fleischhauergeselle unschuldig sei und daß der Wirth Ignatz Adler das Mädchen zu rituellen Zwecken ermordet habe. Nun hat Adler die Preßklage gegen den Magyar Allam und den Hetzkaplan überreichen lassen. — Die Neupester haben einen Akt der Pietät begangen. Die sterbliche!: Ueberreste der ersten Ansiedler und Begründer Neupests, Jsak und Bernhard Löwy, wurden in das von ihren Nachkonimen aufgeführte Mausoleum überführt. Der Uebersührung wohnten die Gemeindevorstehung, sämmtliche Korporationen und Vereine mit ihren Fahnen und die Seelsorger sämmtlicher Konfessionen bei. In der einige Jahrzehnte alten Stadt besteht eine blühende jüdische Gemeinde, um deren Rabbinersteüe sich 52 Bewerber meldeten. Von Nah und Fern. Professor Dr. Otto Gradenwitz hier, hat einen Ruf als ordentlicher Professor nach Königsberg erhalten. — Dem königlichen Opernsänger Julius Lieban ist soeben vom Prinzregenten von Baiern die goldene Ludwigsmedaille für Kunst und Wissenschaft verliehen worden. — Die israelitische Schule „Hascharath Z'wi" in Halberstadt wird am}l. April nächsten Jahres das Jahrhundert ihres Bestehens feiern. Dieselbe wurde am 1. April 1796 durch die Stiftung des Herrn Hirsch Borchard ins Leben gerufen, welcher ein Kapital von 11,000 Thalern zu dem Zwecke spendete, eine Schule zu errichten. welche den Kindern zugleich Unterricht in den Fächern jüdischreligiösen Wissens im Verein mit Kenntnissen ^allgemeiner Bildung gewähren sollte. — Bei der Hygieneanstalt der /Universität Breslau ist eine neue Assistentenstelle eingerichtet worden, deren Inhaber, Dr. med. Max. Neisser, verpflichtet worden ist, sich besonders mit dem Studium der Cholera zu beschäftigen. Das kaiserliche Gesundheitsamt hat in seinen umfassenden Berichten betont, daß man im deutschen Reich noch geraume Zeit vor der Cholera auf der Hut sein müsse, da die östlichen Grenzprovinzen immer noch bedroht seien. Die Breslauer hygienische Universitätsanstalt hat die Aufgabe, für die zunächst gefährdete Provinz Schlesien die bakteriologischen Cholerauntersuchungen auszuführen. — In der jüngsten Strafkammer-Sitzung zu Koblenz wurde der Redakteur und Verleger des dort erscheinenden antisemitischen „Volksfreund" wegen Beleidigung eines jiidischen Rechtsanwalts zu drei Wochen Gefängniß verurtheilt. — Gelegentlich des 50jährigen Jubelfestes der Freiwilligen Feuerwehr in Offenbach erhielt auch Portefeuille-Fabrikant H. Hirsch sowohl vom Großherzog Ernst Ludwig als auch von der Stadt Offenbach das Ehrenzeichen für 25 Dienstjahre in pflichtgetreuer Erfüllung seines Postens als Mitglied und Obmann genannter Wehr. — In Leipzig trat am 1. d. der deutsche Verein zur Erforschung Palästinas zur achten Generalversammlung zusammen. Unter den Theilnehmern befinden sich u. a. die Professoren Strack-Berlin, Kautzsch- Halle a.S., Graf Landberg-Hallberger aus Schweden, Hommel aus München und Winchester aus Chicago. — Am 29. September hat der bisherige Abgeordnete für Kolomea, Dr. Josef S. Bloch in Wien, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses die Niederlegung seines Mandates angezeigt. — Ehen unter Juden in Oesterreich werden, was die Ungiltigkeitserklärung betrifft, wie alle anderen Ehen behandelt, nicht so aber im Punkte der Trennung der Ehe. Der einverständlichen Trennung werden fast gar keine Schwierigkeiten gemacht, und was die einverständliche anbelangt, die nur der Mann, und zwar im Falle des Treubruches der Frau begehren kann, so wird die Sache wie ein gewöhnlicher Prozeß behandelt. Grund hierfür ist, daß das bürgerliche Gesetzbuch eine Ehe zwischen zwei jüdischen Personen als einen „bloßen bürgerlichen Vertrag" ansieht. — Am 15. d. Mts. hat unter großer Betheiligung hoher Militär- und Civilkreise das Leichenbegängniß des Regimentsarztes Dr. Isidor Bo deck in Lemberg stattgefunden. Eine kombinirte Kompagnie des Jnf.-Reg. Nr. 30, dessen Chefarzt er durch mehrere Jahre gewesen, mit der Regimentsmusik, batte vor dem Hause Stellung genommen. Das Offizierkorps des Regiments hatte sich vollzählig eingefunden und eine herrliche Kranzspende gewidmet. — Dem ungarischen Magnatenhause wurde am 3. das Nuntium des Abgeordnetenhauses betreffend den Gesetzentwurf über die Rezeption des israelitischen Glaubensbekenntnisses unterbreitet. Nach Verlesung des Nuntiums erklärte der Alterspräsident, die Vorlage werde nunmehr der königlichen Sanktion unterbreitet werden. — In Prag ist am 15. d. Mts. das neue israelitische Waisenmädchenheim eröffnet worden. Dasselbe wurde von dem Kreuzerverein für Israel. Waisenmädchen begründet; das Ehepaar Hahn hat den ersten Stock seines Hauses für den edlen Zweck zur Verfügung gestellt. — In Petersburg ist der ehemalige Justizminister Nikolai Awksentjewitsch Manassem gestorben, aber seine Werke leben und sein Hauptwerk folgt ihm leider in die Grube nicht nach. Die V. Z. schreibt: Es ist thöricht, ihn zum Abkömmling einer alten russischen Adelsfamilie stempeln zu wollen. Sein Name ist von dem Namen Manasse abgeleitet, und seine Vorfahren waren mosaischen Glaubensbekenntnisses. Nichtsdestoweniger war es einer der schlimmsten Judenfeinde in Rußland. — Für ausländische Commis - voyageurs hebräischer Konfession soll die Zeit, binnen welcher sie sich in Rußland aufhalten dürfen, jetzt verlängert werden. — Die Einweihung des Grabdenkmals für den ehemaligen Großrabbiner von Frankreich, Isidor, hat am 29. v. M. auf dem Pöre-Lachaise in Paris stattgefunden Nach einem Gebet des Grand Rabbin Lehmann hielten die Rabbiner Zadoc Kahn, Dreyfuß, Mayer und Lehmann Reden. Mit Absingung des Psalm 130 fand die ergreifende Feier ihren Abschluß. — Der bekannte Barnato, einer der reichsten Unternehmer bei den Goldminen in Transvaal, hat am Versöhnungstage im Tempel zu Paris 5000 Frs. für Kultuszwecke gespendet. — Am 26. September hat in Brüssel die feierliche Einweihung des neuen, unter Protektion der Frau Lambert Rothschild stehenden jüdischen Mädchenwaisenhauses ftattgefunden. — In Karuan in Algier hat sich der seltene Fall ereignet, daß sich zwei Judenmädchen von Arabern entführen ließen und zum Islam übertreten wollten. Die Eltern wandten sich an das Gericht der Uzara in Tunis, und der Minister befahl, die Abtrünnigen vorzuladen. Unter polizeilicher Begleitung wurden sie nach Tunis gebracht, wo sie wohl die Verzeihung der Eltern und Wiederaufnahme in das elterliche Haus finden werden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlick für die Redaktion. Max Bauckwitz in Berlin.

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