Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Von einem unersetzlichen Verlust ist die jüdische Gemeinde Aurichs betroffen worden. Am 25. September starb plötzlich, erst 49 Jahre alt, das Haupt eines seit Alters her bei der Regierung und den Bürgern hochangesehenen Hauses, der Bankier Aron I. Cohen. Seit dem Tode seines Vaters, der unter ähnlichen Umständen vor acht Jahren um dieselbe Zeit vor dem Versöhnungstag starb, bekleidete er das Amt des Synagogen-Vorstehers in einer Weise, wie sie wohl einzig dasteht. Tagtäglich war er der Erste und Letzte bei dem zweimaligen Gottesdienste, den er viele Jahre als Chasan mit einer herrlichen, lieblichen Stimme selbst leitete. Noch am heiligen Noschhaschanoh verrichtete er einen Schacharith-Gottesdienst, übte er das Amt eines baal tokea. Als Cohen sprach er den Priestersegen, als Mohel scheute er nicht Zeit, noch Mühe und Kosten, Israels Knäblein in den Glaubensbund aufzunehmen. Er war der angesehenste Vertreter des Judenthums in Ostfriesland, der die Fahne des altbewährten Glaubens hochhielt, der Aurich den Ruhm wahrte, eine altjüdische Gemeinde zu heißen und zu sein, eine Gemeinde, in der der Sabbath allgemein noch öffentlich geheiligt wird. Er selbst hielt minutiös die Gebräuche und Vorschriften der Religion und forschte täglich in den Schätzen unserer Thora. Der Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr Reuß, durfte an seiner Bahre mit Recht sagen: „Hier trägt man das Haupt eines Hauses zu Grabe, das seit 100 Jahren einen glockenreinen Klang besitzt. Gilt irgendwo Familienruf, der Name eines guten Hauses, hier wird das Wort zur Wahrheit, hier liegt der makellose Sprosse eines makellosen Geschlechts." Zeuge der großen Verehrung des Seligen war das imposante Trauergefolge. Von nah und fern kamen die Glaubensgenossen, aus allen Enden der Stadt die Mitglieder anderer Bekenntnisse. Die höchsten Gerichtsbeamten, die Anwälte, der Bürgermeister, Regierungsbeamte, vornehme und kleine Bürger, alle wollten sie dem Dahingeschiedenen bestätigen, daß er ein ehrenvolles, mustergiltiges Leben geführt. Auf dem Friedhofe entwarf der vorn Schmerz bewältigte Landrabbiner Dr. Löb ein ergreifendes Bild von dem Leben und Wirken des Todten. Möge der Herr die Hinterbliebenen trösten und stärken, der verwaisten Gemeinde aber einen Vertreter erstehen lassen, der nur halbwegs den edlen Todten ersetzen kann. QD München, 6 Oktober. Am 2. d. M. ist hier der Schriftsteller Dr. jur. Leonhard Freund nach kurzem Leiden gestorben. Derselbe war ein geborener Breslauer, ein Bruder des Geh. Justizrath Freund. In den letzten Jahren lebte er meistens in Leipzig. Freund war ein einsamer Schriftsteller, der aber viel gelesen und gelernt hatte und die Zeitereignisse und Tagesfragen von der Vogelperspektive aus zu betrachten gewohnt war. Gleichwohl haben einige seiner Schriften zur Zeit des Erscheinens Aufsehen erregt und lebhafte Zeitungskontroverse hervorgerufen. Wir nennen von diesen Schriften nur die folgenden: Ueber das Recht aus Wahrheit (1862), Titanen und Pygmäen (1671), Text und Glossen (1881), Streifzüge auf sozial-wissenschaftlichen, juristisch und kulturhistorischen Gebieten (1884), Einiges über Eduard Lasker (1885), Formenlehre der Herrschaftsprinzipien (1886), Hinaus! Kulturbild aus dem Centrum des modernen Antisemitismus (1889), Lug und Trug nach Moslemischem Recht (1893), Die Treue im Spiegel der deutschen Spruchweisheit (1892), Aus der Spruchweisheit des Auslandes (1893). Oesterreich - Ungar«. Q Wien, 7. Oktober. Heute erzähle ich Ihnen etwas, was wirklich „nur in Oesterreich möglich ist", wie man so oft bei Ihnen zu sagen pflegt. In der Nacht vom 5. auf den 6. August wurden bekanntlich die Brüder Marcus und Alexander Munk, Kaufleutein Wien, in der Kärtnerstraße von drei bis vier Offizieren angehalten und einer der Brüder erhielt von einem Offizier einen Schlag, daß er blutete; zugleich wurden die Brüder mit antisemitischen Schimpfworten überhäuft. Sie überreichten hierauf durch Dr. Victor Rosenfeld beim Reichskriegsministerium eine Beschwerde wegen Beschimpfung und Einschränkung der persönlichen Freiheit. Die Folge hiervon war, daß vier Offiziere: Gabriel Graf Batthyany, Adolph Graf Csaky, Julius Baron Schwab- Durnays und Friedrich Seewald sowohl gegen Marcus Munk, als auch gegen dessen Vertreter Dr Victor Rosenfeld die Ehrenbeleidigungsklage einbrachten, und Dr. Rosenfeld zu 100 fl. Geldstrafe verurtheilt wurde Bemerkenswerth bei dieser Verhandlung war der Umstand, daß die Attakirten von den Angreifern geklagt wurden; aber volle Anerkennung gebührt dem mannhaften Auftreten des Dr. Victor Rosenfeld, dessen geradezu glänzendes Plridoyer allgemeinen Beifall gefunden hat. Dr. Victor Rosenfeld hat gegen das Urtheil appellirt und in nicht allzuferner Zeit wird sich also auch ein anderer Gerichtshof mit dieser Angelegenheit zu befassen haben. An Dr. Rosenfeld sind zahlreiche Zustimmungsschreiben gelangt. — In der am 1. d. M. nach den Ferien stattgehabten ersten Sitzung des Kuratoriums der Baron Hirsch- Stiftung berichtete der Präsident, Herr David Ritter v. Gutmanu, u. A. von der im Laufe des Monats September nach Bewältigung mannigfacher Schwierigkeiten erfolgten Eröffnung von zehn neuen Stiftungsschulen. Es wurden hierzu die folgenden Ortschaften ausgewählt, an welchen die Frequenz seitens der jüdischen Schüler eine verschwindend kleine ist, und zwar: Dukla, Pomorzany, Obertyn, Ottynia, Gliniany, Gologory, Zalosze, Sadagora (Bukowina) und Jaroslau (Umwandlung der von der Kultusgemeinde erhaltenen Talmud-Thora in eine regelrechte Volksschule). Tie Einschreibungen ergaben ein sehr befriedigendes Resultat, und zwar: in Zaleszczyki 300, Gliniany 148, Sadagora 135, Zalosze 113,. Jaroslau 104, Pomorzany 90, Ottynia 80, Obertyn 66, Dukla 32 Knaben. — Der einjährig-freiwillige Titularwachtmeister des Train-Regiments Nr. 1, Eugen Billitzer, rettete in Kammer am Attersee mit eigener Lebensgefahr zwei Menschen vom Tode des Ertrinkens. Nun sollen militärischerseits Schritte zur entsprechenden Auszeichnung des Einjahrig-Freiwilligen unternommen worden sein. — In Baden wurde der Feuerwehrhauptmann Franz Brezczowski, Gründer der freiwilligen Rettungsgesellschaft, der als Senior des Gemeinderaths in Folge unqualifizirbarer antisemitischer Angriffe restgnirte, anläßlich seines 25jährigen Jubiläums von der Feuerwehr in corpore demonstrativ durch einen Fackelzug und eine Serenade, sowie durch einen Festkommers geehrt. — Die in Raab erscheinende „Transdanubische Zeitung" brachte einen Schmähartikel gegen Baron Hirsch, worin derselbe wegen seiner Absicht, in Raab ein Palais zu erbauen, mit Jnvektioen schwersten Kalibers überschüttet wird; nun veröffentlicht der Raaber Bischof Holdhazy, der gewesene Erzieher im Hause des Erzherzogs Joseph, im eigenen und im Namen des Raaber Domkapitels in einem liberalen Blatte die Erklärung, daß er diesen taktlosen Angriff der Form und dem Inhalte nach zurückweisen müsse und jede Solidarität des Domkapitels mit diesem antisemitischen Blatte ablehne. Gleichzeitig bestreitet Bischof Holdhazy dem Blatte die Berechtigung, die Raaber Diözesandruckerei als Herausgeberin zu nennen. — Der Postverwalter Ludwig Beständig in Bad Gastein wurde zum Oberpostoerwalter und der Bezirksrichter in Silz, Moses Festner, wurde zum Landesgerichtsrath ernannt. — Aus Krakau erfahren wir den Tod des emeritirten dortigen Universitätsprofessors Dr. Joseph Oettinger. Durch fünf Jahrzehnte fast war dieser nun dahingeschiedene Mann rastlos thätig als Arzt und Lehrer, als sozialpolitischer Vorkämpfer und als Philanthrop. Die polnische medizinische Litteratur verliert in ihm einen ihrer Senioren, den Hauptbegründer des bedeutendsten polnischen Fachblattes „Przeglad lekarski" (Aerztlichc Rundschau"), das noch besteht und welches er sieben Jahre lang redigirte. Eine großartige Schöpfung, die nur der rastlosen Energie Oettingers zu danken ist, ist das israelitische Krankenhaus in Krakau, das nun nahezu vierzig Jahre besteht. Prof. Oettinger wurde im Jahre 1818 in Tarnow geboren; seit 1843 praktizirte Dr. Oettinger in Krakau. Das Jahr 1848 fand ihn in der vordersten Reihe der Kämpfer für die Freiheit, und zwei Jahre später ehrte ihn die Krakauer Universität dadurch, daß sie dem Gelehrten die Supplirung der Lehrkanzel für Geschichte der Medizin und öffentliche Gesundheitspflege anvertraute. Das Ministerium verweigerte aus politischen Gründen die Bestätigung, aber das Jahr 1868 brachte dem Arzte glänzende Genugthuung, da er nunmehr zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Seit 1866 gehörte Oettinger auch dem Krakauer Gemeinderathe an, und die Gesundheitspflege der Stadt hat ihm aus jener Zeit Vieles zu verdanken. Neben seinen vielen wissenschaftlichen Arbeiten, die theils polnisch, theils deutsch erschienen, fand Oettinger auch Zeit, sich als politischer Schriftsteller zu bethätigen. Sein Tod wird über die Grenzen seiner engern Heimath hinaus Theilnahm erwecken.