Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Wort Gottes auf den Sünder wirkt, einer so kleinlichen Intoleranz zugänglich sein sollte." XE Kolberg, Oktober. Zu einer erhebenden Feier, einem Feste warmherziger Menschenliebe, gestattete sich die am 22. v. M. erfolgte Einweihung des durch die hochherzige Freigebigkeit des Herrn James Simon zu Berlin für bedürftige, kranke Kinder der Reichshauptstadt ohne Unterschied der Konfession errichteten „Kaiser und Kaiserin Friedrich Sommer heims". Als Vertreterin der Kaiserin Friedrich, der Protektorin des „Komitees für Ferien-Kolonien", war die Gräfin Perponcher erschienen. Aus Berlin waren die Vorstandsmitglieder der Ferien-Kolonien, welche zugleich das Kuratorium des neuen Sommerheims bilden, Herr Dr. G. von Bunsen, Herr Direktor Schräder, Herr Stadtrath Borchardt, Herr Martin Simon, Frau Direktor Jessen, der Geschenkgeber Herr James Simon mit seinen Verwandten, sowie der Erbauer des Hauses, Herr Hofbaurath Ihne, gekommen. Von Kolberg hatten sich der Bürgermeister, Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung, die jüdische und evangelische Geistlichkeit, der ärztliche Berather der Anstatt, sowie neben noch einigen andern Freunden und Gönnern auch sänuntliche bei dem Bau beschäftigt gewesenen Baumeister und Handwerker, theilweise mit ihren Damen, eingefunden. Herr von Bunsen begrüßte die Anwesenden und sprach wärmsten Dank dem edlen Stifter, Herrn James Simon, aus, welcher dann selbst in schlichten Worten darauf hinwies, wie er durch die Erfolge der Ferien-Kolonie in vielen Städten Deutschlands auf den Gedanken gekommen sei, den Berliner Kindern ein eigenes Sommerheim zu begründen, mit dem Wunsche, daß in diesen Räumen, so wie heute, stets der Geist echter Humanität walten möge. Namens der Ferien-Kolonien übernahm alsdann Herr Stadtrath Borchardt in feierlicher Form die Verpflichtung, die Stiftung im Sinne des Geschenkgebers zu verwalten. Die Festrede hielt hierauf Herr Direktor Schräder, welcher in geistvoller Weise ausführte, daß die Thätigkeit der Ferien-Kolonien einer der hauptsächlichen Faktoren sei, die schwierigen sozialen Verhältnisse zu mildern und in aufrichtiger Liebe, ohne jede Nebenabsicht, die Volksklassen einander zu nähern. In diesem Sinne habe der verstorbene Kaiser Friedrich für sein Volk wirken wollen, und darum habe auch die Kaiserin Friedrich gern gestattet, diesem Hause ihren und ihres verewigten hohen Gemahls Namen zu geben. Mit einem mit Begeisterung aufgenommenen dreifachen Hoch auf die Kaiserin Friedrich schloß der Redner seine formvollendete, gehaltvolle Rede. Nun überreichte ein Kind unter Führung der Leiterin der Anstalt, Fräulein Nisbet, der greisen Mutter des Herrn James Simon mit einigen herzlichen Versen einen Blumenstrauß. Ein Musikstück schloß die schöne Feier. An den feierlichen Akt schloß sich eine Besichtigung der ganzen Anstalt, deren Einrichtung von allen Seilen als mustergiltig anerkannt wurde. — Nachmittags fand sich die Festversammlung zu einem Festmahl im Strandhotel zusammen, bei welchem Herr Bürgermeister Kümmert das Hoch auf Herrn James Simon ausbrachte. Redner erwähnte hierbei, daß vor zwanzig Jahren das jüdische Kurhospital als erste derartige Anstalt in Kolberg entstanden sei, und daß das edle Beispiel der Gründer dieser trefflichen Anstalt bald Nachahmung gefunden habe; so habe der verstorbene N. Oppenheim aus Berlin den ersten Grundfonds zur Erbauung des evangelischen Hospitals Siloah hergegeben. „Das prächtige Haus, welches wir nun heute geweiht haben, wird Kolbergs Stolz sein." — Während der ganzen Tafel, welche vielfach durch Trinksprüche gewürzt wurde, herrschte die gehobenste Stimmung, und man trennte sich erst spät in dem schönen Gefühl, der Feier eines Werkes beigewohnt zu haben, welches jeden Menschenfreund erfreuen muß. M. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Die zweite israelitische Lehrer stelle an der paritätischen gehobenen Bürgerschule zu Crone a. Br. ist nach einer viermonatlichen Vakanz vom 1. Oktober c. ab von der königlichen Regierung zu Bromberg dem Lehrer Arndt aus Labischin, einem Zögling der israelitischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin, übertragen worden. Die Besetzung dieser Lehrerstelle hat eine Vorgeschichte, die auch weitere Kreise interessiren dürfte. Von den: Vorsitzenden des antisemitischen Reformvereins zu Crone a. Br., einem Herrn Beuck, war eine Petition gegen die Besetzung dieser Stelle mit einem Lehrer israelitischer Konfession an die Regierung gerichtet worden. Mitunterschrieben wurde diese Petition von noch 21 Mitgliedern des Reformvereins. Nach beu bei der Gründung der gehobenen Bürgerschule getroffenen Vereinbarungen, die seinerzeit die ministerielle Bestätigung erhalten hatten, sollten aber stets an genannter Anstalt außer fünf evangelischen auch zwei israelitische Lehrer angestellt werden. Daraufhin ist auch von der Bromberger Regierung zu Ungunsten der Antisemiten entschieden und die vakante Stelle mit einem Lehrer israelitischer Konfession besetzt worden. X Cottbus, 6. Oktober. Am 3. d. Mts. ist hier nach langem, schweren Leiden unser Rabbiner Dr. Marcus Dienstfertig im noch nicht vollendeten 64. Lebensjahre gestorben. Die Trauer um den allgemein verehrten Mann, der mehr als 23 Jahre hier segensreich gewirkt, ist eine tiefe und innige. D. stammte aus einer alten Rabbinerfamilie, er war der Sohn des bekannten Rabbinatsassessors R. Pinchas Dienstfertig in Breslau. Bis zu seinem 30. Jahre war er Kaufmann; dann erst entschloß er sich, die Gymnasial- und Universitätsstudien zu beginnen, die er sämmtlich in Breslau absolvirte. Hierauf kam er als Rabbiner in unsere Gemeinde, die seinen Verlust aufrichtig beklagt. Die rabbinischen Funktionen hat schon an den letzten Festtagen ein Neffe des Verstorbenen, Dr. Meyer Dienstfertig, übernommen. Das Leichenbegängniß fand heute unter allgemeiner Theilnahme der gesammten hiesigen Bevölkerung statt. An der Bahre sprachen Dr. M. Dienstfertig, ein anderer Bruder des Verstorbenen, und Rabbiner Dr. Kalischer aus Kopenhagen. Möge dem edlen Manne die Erde leicht sein; bei uns wird sein Andenken immer fortleben! M. Hamburg, 2. Oktober. Unsere Gemeinde hat den Verlust eines ihrer angesehensten Mitglieder, des weit über Hamburg bekannten langjährigen Direktionsmitgliedes des Tempelverbandes Herrn Levy Jakobi, Begründer und Chef der angesehenen Bankfirma Levy Jakobi & Co., zu beklagen. Welch allgemeiner Beliebtheit sich der Verstorbene erfreute, das zeigte sich bei der in der vorigen Woche von der Villa des Dahingeschiedenen, Hoheluft-Chaussee, aus stattgefundenen Beerdigung. Es hatte sich ein überaus zahlreiches Gefolge von Freunden und Bekannten eingefunden, unter denen sich namentlich viele Vertreter der Börse befanden. Die Direktion des Israelitischen Tempelverbandes war vollzählig mit den beiden Predigern, den Herren Dr. Leimdörfer und Dr. Seligmann, erschienen. Unter den vielen Kränzen, welche den Sarg zierten, bemerkten wir u. a. einen von der „Depositen-Kasse milder Stiftungen der Deutsch-Israelitischen Gemeinde" gewidmeten, deren langjähriges Vorstandsmitglied der Dahingeschiedene gewesen und welche ihren Präses, den Herrn Gemeindevorsteher Naphtali Samson, zur Beerdigung delegirt hatte. Eingeleitet wurde die Tranerfeier durch die vom Tempelchor vorgetragene Kantate „Seele, was betrübst du dich". Alsdann ergriff Herr Prediger Dr. Leimdörfer das Wort, um dem Verstorbenen einen warmempfundenen Nachruf zu widmen. Derselbe schilderte die große Wohlthätigkeit desselben, seine stete Hilfsbereitschaft, sowie insbesondere seine Schlichtheit und Einfachheit. Der Verstorbene habe sich während seines ganzen Lebens die Krone des guten Namens erworben. Im Namen der Loge „Emanuel" rief Herr Pastor Klapp dem Entblichenen einige herzliche Abschiedsworte zu. Nachdem der Tempelchor dann noch das Mozartsche Requiem „O! stille deinen bitteren Kummer" vorgetragen hatte, setzte sich der Leichenkondukt, welcher aus 50 Equipagen und vielen Fußgängern bestand, nach dem Friedhof in Ohlsdorf in Bewegung. Hier ergriff nach einem kurzen Gesang Herr Prediger Dr. Seligmann das Wort zu einer Trauerrede, in welcher er insbesondere betonte, daß der Verstorbene trotz seiner ausgedehnten geschäftlichen Thätigkeit dennoch Zeit gefunden habe, sich der Verwaltung des Tempels, sowie den vielen ihm übertragenen Ehrenämtern zu widmen. Im Namen der Direktion des Tempelverbandes sprach der Vorsitzende desselben, Herr Jos. Schönfeld. Nach einem vom Prediger gesprochenen Gebete wurde die Leiche dem Schooße der Erde übergeben. (D Celle, 2. Oktober. Gestern feierte der Lehrer und Prediger der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Löwenstein, sein 25jähriges Amtsjubiläum in der Stadt Celle. Dem Jubilar wurde vorgestern Abend seitens des Gesangvereins Orpheus ein Ständchen gebracht. Ein feierlicher Aktus fand am Morgen in dem Schulzimmer statt, bei welcher Gelegenheit Herrn Löwenstein seitens der Gemeinde ein prachtvoller silberner Pokal und seitens seiner zeitigen Schüler ein Gruppenbild derselben überreicht wurde. Zahlreiche Blumenspenden, nicht nur von seinen Glaubensgenossen, sondern auch von anderen Mitbürgern legten