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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 492 (sequence 14)
Language
German
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492 „Nein!" schrie er auf. „Tu kannst — es schwören? . . . Bei . . . bei Dem da?!" Tie Angen blickten zn Boden, aber die zitternde Hand wies nach denn Bild des Gekreuzigten ob dem Brunnen. Ter Baller reckte die Schwnrfinger empor. „Ja!" sagte er. Ter Jude athmete tief, tief auf. Ich war wahnsinnig, dachte er. Verzeih' nlir, mein Herr ilnd Gott, Mld Du, mein Kind . . . Aber loeil hent' Alles so über mich kommt. . . Gr fuhr sich über die Stirn und setzte sich; die wankenden Kniee trugen ihll noch llicht. „Aber immun," fragte er, „hast Du dann geioollt, daß wir sie selbst fragen sollen?! Glaubst Du, das; sie so an Dich denkt, wie Du au sie?! . . . Ich bin überzeugt, das ist nicht wahr. . ." Janko nickte. „Ta magst Tn recht haben," sagte er düster. „Sie ist ja noch ein Kind, denkt nicht an mich, aber allch an keinen Andern. Aber eben darum, meine ich, würde sie Nein sagen. Ist ja noch so jung, hängt an Euch . . . Wie kommst Tn nur so plötzlich darauf? Habt Ihr sie scholl versprochen?" fügte er dann angstvoll bei und fasste die Hand des Inden. Dieser zögerte mit der ''Antwort. Vielleicht, dachte er, ist's das Klügste, ich sage Ja! . . Dann wüthet er sich ans, und ev ist über überstallden! . . , „Nein!" sagte er trotzdem; die Lüge widerstrebte ihm, auch schreckte ihn der Gedanke: Vielleicht schreit er dann auf das Mädchen ein, eh' wir es noch vorbereitet haben. . . „Nein," wiederholte er, „versprochen noch nicht. . . Aber nun lasst uns vernünftig reden, Janko." Er legte die Hand an die Stirne. ..Siehst Tn, ich fasse es noch gar nicht, hätte es nie von Dir geglaubt. . . Wie ist es denn eigentlich über Dich gekommen? Ter Janko blickte finster vor sich nieder. „Ich weiß nicht!" sagte er. „Ich Hab' es bis vor einem halben Jahr gar nicht bemerkt. Ta habe ich mich nur eben auf die Sturlde gefreut, wo ich sie sehen kann, voll einem Mittag znm andern. . . Das; sie schön wird, habe ich wohl bernerkt und mich daran gefreut, aber es war nichts Unrechtes dabei. . . Du weifst ja, wie ich bin — immer die Arbeit — all Weiber und all solche Sacheil Hab' ich überhaupt nicht gedacht — ich Hab' ja keine Zeit dazu gehabt. . „Nun — und vor einem halben Jahr?" Ter junge Bauer blickte ihn zornig an, wieder schimmerte es röthlich dllrch die gelbe Haut. „Was fragst Du? . . . Wenn Du fragst, muß ich antworten, mld Tu bist doch ihr Vater. . . Also, siehst Tn, da war im Frühjahr eine Magd bei mir, die schwarze Tenia ans Horodenka. . . Tn errinnerst Dich? . . . Also, ich merke bald, sie ist trag bei der Arbeit und will mich dadurch begütigen, das; sie. . . Das soll Dir nicht gelingen, Weibsbild, denk' ich, bin ich bisher ohne Euch ansgekommen, so gehts auch noch ferner so. . . Aber eines Abends . . . siehst Tn, Leibko, weil sie nämlich gar so schlau war. . . Nun, denk' ich am nächsten Morgen, ein Mal ist kein Mal . . . und ein Pferd hat vier Füße und strauchelt doch manchmal. Kurz, ich schäine mich eigentlich gar nicht. . . Aber wie ick) nun gegen Mittag zu Euch gehen will, da beginne ich nlich plötzlich zn schämen, es ist mir eine Pein, hent der Miriam vor die Augen zu kommen, und wie ich nun doch in die Stube trete — da — da Hab' ich mich furchtbar geschüint und sie doch von derselben Stunde ab mit denselben Augen angesehen, wle — seither. . . Ich habe gedacht, das giebt sich, wenn ich die iVeitici wegjage, und habe es noch selben Tags gethan, aber" — er seufzte tief auf — „es hat sich nicht wieder gegeben. . Auch dem Kleinen war ein Roth der Scham ins verwitterte Antlitz gestiegen. Eben ein Bauer, dachte er halb entrüstet, halb überlegen. „Aber seither," fragte er, „musst Du Dir doch gesagt haben: Die Miriam ist ja eine Jüdin und ein braves Kind, und der Leibko war immer gut zu mir — das muß ich mir aus dem Kopfe schlagen? nicht wahr?" „Nein," sagte der Janko. „Nichts habe ich mir gedacht, als: Wär's doch schon Mittag, das; ich sie sehe. Was hätt' ich auch viel denken sollen? „brauste er auf. „Erst sechzehn Jahre — und bei solchen Sachen denkt man ja überhaupt nichts!" Und das will ein Mensch sein! dachte der Alte. Laut jedoch fragte er: „Aber nun, wo ich Dich frage? .... Möchtest Du sie denn heiratheu?" Auf dem Antlitze des Bauern glomm ein ungeheures Staunen auf und blieb wie gebannt darauf haften. „Aber — aber — das ist ja — nicht möglich," sagte er fast lotternd. „Sie ist ja —" „Eine Jüdin!" sagte Leib Weihnachtskuchen lächelnd. „Aber Du könntest ja Jude werden!" „Ich . . . ich?!" Die Fäuste des Bauern hatten sich unwillkürlich geballt. „Wenn mir das Jemand im Ernst zumuthen würde—" „Du lvürdest ihn Niederschlagen," ergänzte der Kleine so mild wie vorher. „Aber da giebt es ja noch einen andern Ausweg: wenn sie Christin würde —" Der Bauer schüttelte den Kopf. „Das würdet Jhr^ja nicht dulden, Tn und Dein Weib. Zwar — Dein Weib ist kränklich, lebtstncht mehr lange — und Du würdest Dich vielleicht einschüchtern lassen, wenn man Dir recht drohen würde —" „Darauf ist auch nicht zu hoffen," erwiederte der Kleine, noch sanfteren Tones als vorher. „Was mein Weib betrifft, so kann Gott viel; Gott kann bewirken, das; sie noch aus dem Fenster zusieht, wie Deine Leiche vorüber getragen wird. Ich aber — womit könntest Du mir drohen? Mit dem Tode? Wenn ich eine solche Sünde auf mich lade, verliere ich die ewigen Freuden im Jenseits — und da sollt' ich die paar Jahre hier vorziehen, Jahre eines Lebens, wie ich es hier habe? . . . Also, es ist nichts damit, mein lieber Janko. Und nun erwäge: Heirathen kannst Du sie nicht, willst aber, daß sie kein Anderer heirathe — was soll aus ihr werden?" Janko saß gesenkten Hauptes da; er erwiederte nichts. „Nun?!" „Ich weis; nicht . . .", rief der Bauer. „Du hast ja recht, es mag schlecht, mag dumm sein. . . Aber ich duld's doch nicht! . . . Es giebt ein Unglück, Leibko, höre, ein Unglück!" „So wie damals auf der Wygoda," fragte der Kleine, „nur etwas schwerer?! . . . Warum nicht? Du bist stärker als ich! Auch stärker als sie. . . Aber bis es geschieht, vertrau' ich auf Dich und denk' besser von Dir, als Du selber!" Der Bauer schlug die Hände vor's Gesicht. „Leibko," rief er fast schluchzend, „wenn Du wüßtest. . ." „Ich weiß," erwiederte der Kleine, „das; Du ein Mensch bist, kein Thier. . . Und das ist mir genug. . . Leb wohl, Janko!" (Fortsetzung folgt.) Druck und Berlaa von Rudolf Mosse iu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz iu Berlin.

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