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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 490 (sequence 12)
Language
German
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490 nisse faunt verständlich erscheint. Auch in unseren! Roman tritt uns eine ähnliche Figur, Mr. Henry Goldsmith, der allerdings vorläufig nur auf ein Mandat im Unterhause spekulirt, entgegen. Seine Gattin ist die Beherrscherin des Salons. So schätzenswert!) aber auch alles das sein mag. was der Verfasser zu unserer Kenntniß der auf hohem Zenith thronenden jüdischen Gesellschaft Englands beiträgt. der Schwerpunkt, seiner Gestaltungskraft liegt, wie gesagt, auf anderem Gebiete, in seinen Sitteuschildernngen, von denen nur noch einen Purimball und eine Scheidungszerelnonie (Gei) hervorheben, sowie in seinen typischen Proletariergestalten. Da haben wir Malke und Milka, Mutter und Tochter, die gegenüber wohnen und sich wegen der geringsten Kleinigkeit manchmal derartig verfeinden, daß sie Wochen laug brauges (böse) sind — spätestens am Koluidre - Abend erfolgt stets die Versöhnung — als Repräsentantinnen des humoristischen Elements, welches überhaupt in bem Roman nicht zu schlecht weg konunt, in die gleiche Kategorie gehörte Pesach Weingott, der Schwiegersohn des Schwitzmeisters aus Whitechapel, dem die Eltern seiner Braut für ein Jahr freie Kost und Logis zugesagt haben, dem Berufe nach eigentlich Schuster, zugleich aber Talmud-Lerner, lvie er int Nothfalle auch die Fidel recht lustig 311 streichen versteht, ferner der Schadchen Jossef Schmendrioc und der neuhebräische Dichter Melchisedeck Pinchas, halb Gelehrter, der es schließlich sogar zu der Stellung eines Chefredakteurs der „Flagge Judas" bringt, halb — Schnorrer. Dieser letzgenannte, eigenartige Typus ist noch mehr in einer bei demselben Verleger erschienenen Novellensanunlung herausgearbeitet, die nach der an der Spitze stehenden Novelle den im ersten Augenblick befremdenden Titel: „Der Schnorrerkönig" führt. Der Schnorrerkönig ist der mit Stolz auf seine sephardische Abstammung hinblickende, namentlich seinem polnischen Kollegen Jankele gegenüber unverschämt geniale Manasseh Bueno Barzilai Azvedo da Costa. In ihm ist, wie Schardt sich ausdrückt, „der Bettlerberuf geadelt, die Gaunerei zum Geniestreich gestempelt". Andere köstliche humoristische Figuren sind der Börsen-Sensal (Stockbroker) Grobstock, die ganze Familie Belcowitsch-Kozminski und die „Flntterduck", auf Jüddisch „Flatterkatschki", trotzdem gerade diese in ihrer Eitelkeit, Vergnügungssucht und prahlerischen Schwatzhaftigkeit überaus komische Person anderseits wieder durch ihre Lebensschicksale das tragische Element vertritt. Denn als sie aus der höchsten Erniedrigung ihres Bettlerelends plötzlich von ihrer mit einem wohlhabenden Kaufmann verheirateten Tochter herausgerissen und in die Sphäre behaglichen Ueberflusses versetzt wird, da geräth im Uebermaß des Glückes an der Wiege des früher so heiß ersehnten Enkelkindes ihr von Natur ohnedies recht schwacher Verstand ins Wanken; sie wird blödsinnig. So schließt das Ganze, statt des erwarteten Akkordes mit einer schrillen Dissonanz. Wie hier in dem Vechältniß der Mutter zur Tochter, die sie vor Jahren durch ihr Verhalten aus dem Hause getrieben hat, so konzentrirt sich in den „Ghettokindern", um nochmals auf den Roman zurückzukommen, das tragische Pathos der Erzählung in dem scharfen Gegensatz, in welchen die Kinder des Rabbi Schemuel, seine Tochter Hanna und sein Sohn Levy auf gänzlich verschiedene Weise zu den orthodoxen Anschauungen des alten, gutmüthigen aber starrsinnigen Vaters treten, durch dessen Schuld ihr beider Lebensglück zertrümmert wird. So sehen wir auch hier, wie in George Elliots Meisterwerk als Grundgedanke der Konflikt des jüdischen Glaubens und der jüdischen Tradition mit der modernen Weltanschauung, den Forderungen der modernen Gesellschaft, dargestellt wird. Eine Nationaltragödie, in die, wie bei dem größten Tragiker aller Zeit, kölnische Züge in Masse hineinverwobeu sind, wird mit diesen, dein jüdischen Alltagsleben entlehnten Figuren vor unseren! Auge entrollt. Wir lachen manchmal förmlich unter Thränen. Selbst die scheinbar trivialsten Figuren verrathen eine so feinfühlige Beobachtung der Fehler und Vorzüge des jüdischen Stannnes in seiner Abgeschlossenheit, daß wir keinerlei Bedenken tragen, Zangwill, von dem übrigens auch zwei demselben Jdeenkreise entnommene Dichtungen: „Bachelors Club" und „Ghetto Tragedies" existiren, den Meistern der Erzählung auf bem Gebiete des jüdischen Lebens, einem Bernstein, Koulpert, Franzos und Elise Orszeszko, als ebenbürtig anzureihen. MiMuM^!l w w iiiwnwimi IMMW w 1 1 FEUILLETON 1 £ I WMIMMIi MMmMW MuMMMiuuMIMiMIMWMiuIIiiMMlMIMMMmilMMMMMiMilmMMMM --äs— - I M MuMM! m Leib Weihnachtskuchen und fein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) ls sich der Knecht entfernt hatte, faßte er den Kleinen und führte ihn zuin Brnnnen. „Nun wasche Dich!" Leib that's. „So! Und nun trockne Dich." Er reichte ihm de» Kittel btm der Innenseite. „Nein," wehrte der Kleine ab. „Die Luft thut's schon. Das giebt Flecken. . ." Aber Janko bestand darauf. „Sonst bleiben die Flecke. Dil ivillst ja nach Halicz. . . Er ist ohnehin seit einem Jahr nicht gewaschen," fügte er ermuthigend bei. Aber nachdem ihm der Jiide de» Willen gethan und nun fragte: „Tn brauchst wohl etwas-in Halicz? Rasch, ich Hab' wenig Zeit!" hielt er ihn fest. „Nein," sagte er und die kleinen, schwarzen Augen bohrten sich fest in die des Schankwirths. „Ich habe Dich gerufen, weil Dn so gelaufen bist. Da habe ich mir gleich gedacht: das bedeutet was, vielleicht ist die Miriam erkrankt oder sein Weib. Also das ist's nicht?! Oder der Paterski hat Dir schon heiite gekündigt und Du läufst zu Deine» Leuten um Rath? . . . Auch nicht? . . . Also was sonst?" „Aber wenn ich Dir sage, nichts." Leib versuchte ivieder zu lächeln und diesmal gelang es ihm beinahe wirklich. „Alte Angen. . ." „Du lügst!" Der Bauer zwang den Kleinen auf die Bank am Brnnnen nieder und setzte sich neben ihn. „Dich kenn' ich! Du hast selbst damals nicht geweint, als ich Dich. . ." Jene Szene auf der „Whgoda" ivar ihm wieder in der Eriiinerung aufgetaucht; er wußte selbst nicht warum. Aber wie sie ihm mm vor Augen stand, da nbermannte ihn auch die Empfindling, die ihn nie verließ, nnr daß er sie verschlossen in sich trug: Der einzige Mensch, dem er je Böses gethan, war auch der einzige, der ihm Gutes erwiesen. Er wurde weich; es war sonst nicht seine Art, höchstens dem „Kinde" gegenüber, aber da suchte er es auch zu verbergen. „Niein alter Leibko," sagte er und strich dem Kleinen sanft über den Kaftan-Aermel. „Weil D» immer so zu mir warst. . . und ich sage Dir ja auch Alles. . ."

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