Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 489 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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489 einigen Gott beten und in ihrem Leben Grundsätze befolgen, die ein dereinstiges brüderliches Beisammensein der gesammten Menschheit ermöglichen. Uns liegt es ob, diese Richtung znm Theismus durch Wort und Schrift zu befördern, damit die Zeit nahe, tvelche wir in nnsern täglichen Gebeten herbeiflehen, wo sich dem Einzig-Einigen jedes Knie beugt. Als Hanptgegner haben wir nicht sowohl die Tochtcrreligionen als vielmehr den Materialismus zu bekämpfe». Gegen diesen, der die Grundlagen jeder Religion angreift, müssen Alle, tvelche an Gott glauben, Front machen. Er ist zwar längst wissenichastlich überivnnden, aber er gewinnt täglich größeren Einfluß unter den der Kirche entfremdeten Massen, die ihn als nettes Evntigelimn begrüßen. Zwischen beiden nnversöhnlichen Weltaiischauungeti, der theistischen »iidderatheistischen.mnß derKaniPf—natürlich mit geistigen Waffen — ausgefochten werden. Das sind die ITE7Ü2 ’barr, die Geburtswehen des messianischen Reiches, von denen unsere Alten mit ahnungsvollem Grauen sprechen. Daß der Sieg dem Theismus nnd schließlich dem geläuterten Theismus, dem Jndenthln», znfallen wird, ist unsere wohlbegründete Hoffnung. Als Kämpfer für das Gottesreich, das alle Menschen in Bruderliebe umfasse» und die Herrschaft des Rechtes und des Friedens auf Erden begründen soll, müssen >vir aber zmiüchst in miscrer eigenen Mitte die Tugenden befestigen, für welche wir allen klebrigen Muster nnd Borbild sein wollen. Ghetto-Kinder. Von Dr. S. Carpin. tor vier Jahren erschien in der „Allgemeinen Zeitung des Jndenthnins" citie Artikelserie, „Der Jude als Romansignr" betitelt, worin jedoch ausschließlich nichtjüdische Autoren berücksichtigt waren. Den Bersasser leitete die Tendenz, zu zeigen, wie sich der jüdische Charakter in der Anschannng und künstlerischen Darstellung mehr oder weniger vornrtheilsloser christlicher Romanschriftsteller wiederspiegelt. England, dessen größtem Sohne Shakespeare wir den bereits im Boccaccio vorkomniende», aber erst durch den britischen Dichtergenins allgemein bekannt gewordenen Shylock-Typus verdanken, war hierbei nur mit eine»,, allerdings formvollendeten Ronian: ,.Daniel Deronda" von George Elliot vertreten. In »nvergleichlicher Weise ist hier der Gegensatz zwischen dem traditionellen, patriarchalischen nnd dem moderne», zu einer einheitlichen Weltanschauung sich dnrchringenden Jndenthum znm Ausdruck gebracht. In demselben Lande ist neuerdings eine nach jeder Richtung hin beachtenswerthe Sammlnng von Lebensbildern lniter dem Titel: „Ghetto-Kinder" von I. Zangwill (William Heinemann 21Bedford-Street, London) erschienen. Wirmüsseil gestehen, daß unsere Aufmerksamkeit ans diese bemerkenstverthe Bereichernng des Büchermarktes erst durch eine in der hervorragenden Wiener Wochenschrift ,,Die Zeit" — Herausgeber Professor Dr. I. Singer, Hermann Bahr und Dr. I. Kanner — jüngst (III. Jahrgang Nr. 39) erschienene Kritik gelenkt wurde, und wir sind dem Verfasser derselben, Herrn C. C. Schardt, sehr dankbar dafür, daß wir durch seine Ansführungen »ns zur Lektüre des von ihm so warm empfohlenen Werkes haben bestimmen lassen. Was zunächst den Titel anlangt, so ist dieser natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Denn in der Hauptstadt des Jnselreiches hat es nie ein Ghetto gegeben, wohl aber hat sich bekanntlich neuerdings, namentlich seit den russischen Judenverfolgnngen im Anfänge der 80 er Jahre, in dem sog. Ostende von London eine im Vergleich zu der früher sehr spärlich gesäten jüdischen Bevölkerung recht stattliche Kolonie unserer Glaubensgenossen angesammelt, so daß mail, in diesem Sinne mit einer gewissen Berechtigung von einem Londoner Ghetto reden kann. Das Leben und Treiben in diesem Viertel an der Quelle mit aller Gründlichkeit studiert nnd die Resultate dieses liebevollen.- Stndimns mit meisterhafter Feder zu j Papier gebracht z» haben, ist das unbestreitbare Verdienst Zangwills, eines Realisten im besten Sitine des Wortes. Wie lebenswahr sind nicht alle die Hansirer,s Handwerker, Rabbiner, Dichter und Journalisten, Schnorrer, Frauen nnd Mädchen geschildert, eine buntscheckige, ernste nnd doch lebensfrohe. Gesellschaft, die in einem Band von mehr als 400 Seiten in ihrer ganzen Natürlichkeit und Ungezwungenheit an nnserei» geistigen Auge vorüberzichc». Diese ruhige und äußerst friedfertige, lediglich ihremIGcwerbe nachgehende Bevölkerung,'welche nie mit den Polizeiorgancu in Konflikt geräth, mit der sich höchstens Statistiker wie Charles Booth beschäftiget!, indem sie getvissenhast ihre Lebensweise, ihre Beschäftignng, die Zahl der Familicinnitglieder, Zimuicr rc. noliren, ist hier im vorliegenden Buche zum ersten Male mit dem Griffel des Künstlers gezeichnet worden. Im Mittelpunkte .der Cliildren of the Ghetto steht die kleine schüchterne Esther Ansell, die eigentliche Heldin des Romans. Sie, die Tochter eines äußerst vielseitigen Vaters, der sich redlich abmühte, als Glaser, Synagogendiener, Rahmenfabrikant, Vorsänger, Hansirer, Schuhmacher, Kleidcrhändlcr, Schlächter, Lehrer, Obsthändler, Leichenwächter, Beschneidcr und schließlich als wirklicher Schneider sein Brod zu verdienen,j.hat sich mit Geist nnd Ansdaner aus dem Ghetto heransgearbeitet, in das sie aber, von der Unnatur nnd Leere der Gesellschaft angewidert nnd durch den Mißerfolg ihres Werkes „Mardechai Josephs" entmnthigt, znrückkehrt. Hier geräth sie in der Umgebung der holländischen Dobby, einer wegen'.ihres Fehltrittes von ihren Eltern verstoßenen Glanbensgcnossin, beinahe n die Gefahr zu versinken, da tvird sie von Raphael Leo», dem ihr n aufrichtiger Liebe ziigcthanen genialen Redakteur der „Flagge Judas," dem es nach langen Bemühungen geliingen ist, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen, aus den unwürdigen Verhältnissen heralisgerissen, und vereint zu neuem, edlem Streben schiffen sich die Liebenden nach der neuen Welt ein. Mit dieser Perspektive schließt der Roman, der freilich ein solcher im hergebrachten Sinne des Wortes nicht ist. Denn das romanhafte Element ist eigentlich in den Hintergrund gedrängt, dagegen nehinen Darstellungen von Charakteren nnd Sittenschildernngen, peinlich genau vorgeführte Gebräuche, bcispielstveise einer wundervoll veranschaulichten Seder- Nacht, sowie religiös - metaphhsische Zwiegespräche und Spekulationen einen bedeutenden Raum ein. Indes; wer möchte dem Verfasser deswegen grollen? Im Gegentheil fühlen wir uns durch die zur höchsten Vollendung gebrachte realistische Wahrheit nicht blos angeregt, sondern geradezli geblendet. So, wie Zangwill seine Gestalten uns vorführt, gerade so sind sie in Wirklichkeit, nicht besser nnd nicht schlechter. Weder schmeichelt er dem Jndenthuni, noch schwärzt er es an. Mit gleicher Gewissenhaftigkeit kennzeichnet er die schmntzigen l Höhlen des Ostends und die fashionablen Salons des Westends von London. Letzterer ist nns auch, abgesehen von dem bereits erivähnten Roman „Daniel Deronda" ans „Rüben Sachs, Lebensbild aus der jüdischen Gesellschaft", erschienen in der „Neuen Zeit" 1891, vertrant. Nnben Sachs, eine in deiGfeinsten Konturen, aber durchaus lebenswahr gezeichnete Figur, gehörte zu den upper ten thousands nnd erreichte die Würde eines Parlamentsmitgliedes für die konservative Partei, was nns vom Standpunkte unserer ganz anders gearteten deutschen Parteiverhält: