Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 488 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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488 sich davon einen bedeutenden Einfluß auf das religiöse Leben der Gegenwart.') Ja sogar ein anglikanischer Geistlicher, der allerdings seiner freien Ansichten wegen aus der Kirche hinausgedrängt wurde, Charles Voysey, fordert in begeisterten Worten die Juden auf, den rivalisirenden Religionen missionirend gegenüberzutreten, um wiederum auf dem Gebiete der religiösen Erkenntniß die Führung der Menschheit zu übernehmen?) — Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich neulich in einem antisemitischen Blatte die Aufforderung an die Christen fand, unter gewissen Umständen das Judeuthum anzunehmen, und zwar — man staune! — weil die jüdische Moral unfern modernen Anschauungen besser entspreche als die christliche. Es war freilich die Staatsbürgerzeitung vom Jahre 1871 (26. März). Die jüdischen Gegner der Mission sind natürlich nicht der Ansicht Gibbons, daß das Judenthum überhaupt für Ausbreitung wenig geeignet sei?) Sie glauben vielmehr, auch ohne thätiges Eingreifen von unserer Seite werde das. was das Wesen des Judenthums ausmacht, der ethische Monotheismus, Gemeingut aller Völker werden. Israel soll nicht dlirch Worte, sondern durch Werke, durch eine musterhafte Lebensführung, Zeugniß dafür ablegen, daß es das Missionsvolk par excellence ist?) Man beruft sich mit Vorliebe darauf, daß nach jüdischer Anschauung auch „die Frommen der Völker" der ewigen Seligkeit theilhaftig werden. Unter den Frommen der Völker werden diejenigen verstanden, welche Gott erkannt haben und seine Wege wandeln. Da aber Jeder von selbst Gott findet, der ihn sucht, wozu Bekehrungsversuche anstelle»? Dieses Argument gegen die Mission hat neuerdings Moritz Güdemann geltend gemacht?) Es ist wahr, der Gedanke) daß im Grunde alle Menschen denselben Gott, wenn auch in verschiedener Gestalt, verehren, findet sich schon in der Bibel?) er ist den Alexandrinischen Juden ganz geläufig, und selbst in den dunklen Zeiten, wo den Inden noch Scheiterhaufen loderten, hat der Dichter Immanuel dieser Ueberzeugung Ansdruck gegeben?) Aber wie Wenigen gelingt es, sich von den Wahngebilden, mit denen der Gottesglaube in den allermeisten Religionen verbunden ist, zu befreien und zu einer geläuterten Erkenntniß durchzudringen! Soll ich nun Jemand, der im dunklen Drange seines Herzens »ach Wahrheit strebt, ruhig in der Irre gehen lassen, weil ihn der Zufall vielleicht schließlich doch zum Ziele führen wird, oder bin ich verpflichtet, ihm den rechten Weg zu zeigen, wenn ich ihn kenne? Es giebt nach der Meinung unserer Alten stets mindestens 36 Gerechte unter den Völkern, durch deren Verdienst die Welt erhalten wird; aber Gotteserkenntniß soll die Erde erfüllen wie Wasser das Meeresbecken! Man hat die Befürchtung ausgesprochen, wenn so viel Nichtjude» in die Gemeinschaft Israels eintreten, dann werden sie das Judenthum verfälschen?) Ich denke, so viel erziehliche Kraft wird man dem Judenthum wohl zutrauen dürfen, daß es im Stande ist, ') Revolution religieuse uontemporaine, Bruxelles 1884, p. 142. 2) F. Max Müller, Chips from a German workshop, t. IV., London 1875, p. 320. ■') Geschichte des allmäligeu Sinkens und endlichen Unterganges des römischen Weltreichs, deutsch von I. Sporschil, Bd. II, Leipzig 1862, S. 164. 4) So namentlich Isidor in seiner Rosch - Haschana - Predigt: Not,re proselytism, Paris 5625, S. 9. 5) Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthunis XXXVII, 1892,93, S. 158. 6) Micha 4, 5; nach Kuenen und Smend ist auch Maleachi 1, 11 so zu verstehen. iu(L?) fll“nna Kap. 28, S. 263 der Berliner Ausgabe. Bergl. auch Maimonides, Jad ha-Chasaka, H. Schemita we-Jobel, Kap. 13 g. E. 8) Pgl. Treuenfels in der Israelitischen Wochenschr. 1873, S. 321 fg. heterogene Elemente sich zu assimiliren. Habe» doch die Propheten mit ihrem Häuflein Anhänger das widerstrebende, götzendienerische Volk zu einem Gottesvolke umgestaltet, das in seinem Gottvertranen unerschütterlich feststand! Wenn wir aber darauf weder verzichten können noch wollen, was uns erhebt und begeistert, aller Welt mitzutheilen, so ist damit natürlich nicht gesagt, daß wir Missionare ausschicken müssen. Zwar soll es vorgekommen sein, daß ein Mann in Chestershire von Ort zu Ort zog, um den Leuten das Judenthum zu predigen?) aber der sonderbare Schwärmer wird schwerlich viel Nachfolger finden. Der Judenmissionar Eisenberg erzählt, in einem bayerischen Dorfe habe ein gewöhnlicher Haudelsjude in seinem Hause eine Bibelstunde für die Bauern eingerichtet und manche dadurch für das Judenthum gewonnen?) Im Allgemeinen herrscht jedoch gegen diese Art der Propaganda die größte Abneigung. Der Vorschlag, religiöse Versammlungen zu veranstalten, in welchen Jedermann Gelegenheit geboten werden soll, die jüdische Lehre kennen zu lernen?) ist wohl nur in einigen großen Städten zu realisire». Im Wesentlichen bleibt uns blos das geschriebene Wort, die Presse, um unseren Ideen Eingang zu verschaffen. Wir besitzen ein Missionsbuch, die Bibel, das ohne unser Zuthun seit 2000 Jahren bereits wunderbare Erfolge erzielt hat. An dieses anknüpfend, müffeu wir in volksthümlicher Darstellung richtige Ansichten über das Wesen des Judenthums zu verbreiten suchen, besten unvergleichliche Vorzüge darthun und namentlich den Beweis liefern, daß es die einzige Religion ist, welche mit der modernen Weltanschauung harmonirt?) Die beiden „Töchter der Bibel", Christenthum und Islam, sind eifrigst befliffen, ihren Glauben unter den Heiden zu verbreiten. Wir freuen uns ihrer Erfolge; sind wir doch mit Maimonides und Juda Halevi überzeugt, daß sie nur dazu bestimmt sind, dem messianischen Reiche den Weg zu bahnen. Das Christenthnm scheint bereits jetzt, nach vielhuudertjühriger Trennung, wieder ins Judenthum einzmnünden. Der Katholizismus freilich beharrt bei seinen Symbolen, die ihn ebensoweit vom Judenthunl wie von der modernen Lebensanschauung trennen- Aber der Protestantismus in seiner liberalen Richtung (und diesem gehört doch wohl die Zukunft) hat sich aller spezifisch christlichen Dogmen entüußert, so daß E. v. Hartmann mit Recht fragt, wie sich denn ein solches Christenthnm von der liberalen, modernen Gestalt des Judenthums unterscheide, b) In England und Amerika ist der Theismus, also im Grunde das Judenthum, die Religion der Gebildeten?) — Selbst unter den Heiden gewinnt das Judenthum, ohne sein Zuthun, Tausende von Anhängern. Sowohl die liberalen Parsen?) wie die indischen Brahma Samüj, welche schon 1884 in 173 Gemeinden blühten?) bekennen sich zu Glaubenslehren, welche auch das Wesen des Judenthums ausmachen. Freilich nennen sie sich nicht Juden, ebensowenig wie die Theisten und die liberalen Protestanten, — aber was liegt am Namen? Wir verlangen nicht, daß allen Bäumen eine gleiche Rinde wachse. Dessenungeachtet betrachten wir als unsere Glaubensbrüder alle diejenigen, welche zmn ’) Allg. Zeitung des Judenthums 1838, S. 431. -) „Weckstimmen", Beiblatt zu „Saat auf Hoffnung" 1875, S. 18. 3) Jewish Quarterly Review V, 1893, p. 671. 4) Man kann sich hierin u. A. auf A. v. Humboldt berufen. Vgl. Adolf Kohut, Alexander von Humboldt und das Judenthum, Leipzig 1871, Seite 176. 5) Selbstzersetzung des Christenthumes, Berlin 1874, S. 57. «) Gablet d'Alviella a. a. O. S. 398. 0 Allg. Zeitung d. Judenthums 1870, 412. 8) Goblet d'Alviella a. a. O. S. 287 fg.