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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 487 (sequence 9)
Language
German
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487 Rußlands (des jüdische» Ansicdlungsrayons) kommt auf circa 1000 schulpflichtige Kinder eine einzige Schule, die Folge davon sind mehr als 90 Prozent Analphabeten in der russischen Bevölkerung, und daß die Juden eS auch in dieser Beziehung ihren christlichen Mitbürgern gleichthun sollten, werden doch gerade jene fortgeschrittenen Kreise am allerwenigsten wünschen.Es ist daher nur natürlich, daß der Berein zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden, die Gründung von jüdischen Volksschulen als seine Hauptaufgabe zu betrachten hat, und man muß sich nur darüber wundern, das; er so viel Zeit gebraucht hat, um diese so klar auf der Hand liegende Wahrheit einznsehen. Jndeß — „Besser spüt, als nie", ist ei» altes Sprichwort, und wir wollen dem Vereine seine Saumseligkeit schon verzeihen, wenn er nur jetzt mit Eifer und Energie an die Erfüllung seiner hohen Aufgabe herangeht. So groß aber unser Vertrauen auf den guten Willen der Leiter des genannten Vereines auch sein mag, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß das Geschick einer für Gegenivart und Zukunft der gesammten russischen Judenheit so bedeutungsvollen Frage nicht in die Hände eines einzelnen Vereines oder gar einzelner Personen gelegt werden darf. Selbst wenn die Kräfte des in Rede stehenden Vereines ausreichen würden, für die ganze russische Judenheit die Frage des Jugendunterrichts zu lösen, so würde die hierbei unvermeidliche Einseitigkeit schon schweren Schade» stiften; die pekuniären Mittel dieses Vereines sind aber ziemlich beschränkte und somit auch die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit ziemlich eng gezogen. Hier müssen vielmehr die Gemeinden aus eigener Initiative und Kraft schaffend hervortreten, wenn mehr als philantropische Leistungen, welche in erster Linie dem Knopfloch ihrer Urheber zu Gute kommen, erreicht werden sollen, und es wird ihnen dies um so weniger Schwierigkeiten machen, als ja selbst der ärmste Jude daran gewohnt ist, für den Unterricht seiner Kinder keine Opfer zu scheuen. In den größere» jüdischen Gemeinden ist die Zahl der „Melamdim", zumal seit die behördliche Konzession zur Ausübung dieses Berufes von keiner wissenschaftlichen Prüfung aiehr abhängig gemacht wird, eine unverhältnißmäßig hohe; trotzdem beträgt das durchschnittliche Schulgeld noch immer 12 bis 15 Rubel pro Semester. Die wenigen besser eingerichteten Schulen, wie z. B. in Warschau, Lodz, Libau u. a. erzielen sogar ein Schulgeld von 30 bis 40 Rubel semesterlich. Auch für die Kinder der Armen ist ja fast überall genügend gesorgt, denn es giebt keine Gemeinde, und sei sie auch noch so klein und arm, welche nicht ganz ansehnliche Beträge für „Talmud-Thora" aufwendete. Es ist nur ein Unglück, daß die ungeheuren Summen, welche von der russischen Judenheit alljährlich zu Unterrichtszwecken ausgegeben werden, so wenig befriedigende Früchte tragen, und die die Schuld hieran trägt einzig und allein das alte verrottete System, oder vielmehr die Systemlosigkeit des „Cheder" - Unterrichts. In einem „Cheder" werden gewöhnlich 12 bis 18 Kinder unterrichtet; die Unterrichtszeit beträgt im Durchschnitt 12 Stunden täglich. Man könnte somit glauben, daß da recht viel gelernt wird. Dem ist aber nicht so. Der „Melamed" arbeitet allerdings den ganzen Tag im Schweiße seines Angesichts, requirirt auch schon im Laufe weniger Jahre mindestens ein Lungen-Emphysein, seinen Schülern aber erblüht aus seiner aufopfernden Thätigkeit nur wenig oder gar kein Segen. Denn die Schüler werden in der Regel einzeln unterrichtet, und während der eine „lernt", treiben die andern auf dem Hofe, im Winter sogar im Schnlzimmer selbst, allerhand Allotria. Jeder einzelne Schüler wird somit nicht 12, sondern 1, resp. Stunden täglich unterrichtet. Bei solchem „System" würde selbst die größtmöglichste Tüchtigkeit des Lehrers und die geeigneste Auswahl des Lehrstoffes nichts fruchten; in diesen beiden Beziehungen bleibt aber auch noch nachgrade Alles zu wünschen übrig. Schon die Thatsache, daß ein solches „System" bestehen kann, wird auch den mit den Verhältniffen nicht vertranten Leser vermuthen lassen, daß es mit der pädagogischen Tüchtigkeit dieser „Lehrer" nicht sehr weit her sein nmß; bei uns in Rußland wird dieser allgemeinen Ueberzeugung dadurch drastischer Ausdruck verliehen, daß das Wort „Melamed" als ein Schimpfwort betrachtet wird und etwa so viel wie „Schlemiehl" bedeutet. Daß die ausschließliche Beschränkung auf den Religionsunterricht, wie dies in den „Chedarim" üblich und auch selbstverständlich ist, den gegenwärtigen Zeitverhältnissen nicht mehr angemessen ist, diese Ueberzengnng bricht sich auch in den orthodoxesten Kreisen immer mehr Bahn und hat dazu geführt, daß die Melamdim gezwungen sind, fast überall, wo höhere Schulen vorhanden sind, in ihren Chedarim durch einen Schüler jener Anstalten auch 1 bis 2 Stunden täglich profanen Unterricht ertheile» zu lassen. Wegen der Ungleichheit in den Kenntnissen der einzelnen Schüler (die Elter» sind gewohnt mit dem Cheder häufig zu wechseln) findet aber auch hier meist Einzelunterricht statt, und das Resultat ist demgemäß auch hier fast Null. Wir glauben uns folgendermaßen resnmiren zu dürfen: Die Frage der Gründung von den Anforderungen der Zeit entsprechenden Schulen ist für die russische Judenheit von viel höherer Bedeutung als die Emigrationsfrage, denn diese betrifft nur einen kleinen Theil derselben, jene aber die gesammte russische Judenheit. Die finanziellen Schwierigkeiten, welche von Vielen vorgeschützt werden, sind, wen» man bedenkt, welche enormen Summen auch jetzt schon für Unterrichtszwecke anfgewendet werden, durchaus nicht als unüberwindlich zu betrachte», und was den etwaigen Widerstand der fanatischen Orthodoxie betrifft, so würde er heute kaum mehr erheblich sein, selbst wenn die Gründung von Seiten der Regierung ansgehen würde, geschweige denn, wenn die Gemeinden selbst es sind, welche die Schulen gründe», die Lehrer anstellen und sich den ihnen gebührenden Einfluß sichern. Eine „Behalah", wie die Eingangs geschilderte, könnte heute durch Nichts mehr hervorgerufen werden; wir lebe» eben auch in Rußland am Ende des 19. Jahrhunderts. Tempora mutantiir! L. E. S- Sollen die Juden Mission treiben? Bon Dr. N. Samt er. (Schluß.) ie meisten Freunde hat die Mission auch jetzt noch unter den englischen (und amerikanischen) Inden. I. Abrahams und Claude Moutefiore, die beiden Herausgeber der „Jewisli QuarterlyRevriew“,ljabeii sich wiederholt in dieserZeitschriftdafür ausgesprochen; Letzterer behauptet geradezu, die Zukunft des Judenthums hange davon ab, daß es Mission treibe; es müsse missioniren oder demissioniren?) Außer diesen Beiden sind besonders noch Oswald I. Simon in Englands) Bernhard Felseuthal und Maurice H. Harris3) in Amerika für eine propagandistische Thätigkeit eingetreten. — Selbst manche vorurteilsfreie Christen stehen dem jüdischen Proselytismus sympathisch gegenüber. Der Graf Go bl et d'Alviella verspricht ') Jewish Ghronicle vom 9. Juli 1886. -) Missionary Judaism im Jewish Quarterly Review V, 1896, p. 664 seq.; vgl. ibid. VI, 1894, p. 262 seq. 3) Is proselytism a duty of Judaism V in The Menorah XVI, 1894, p. 247 seq.

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