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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 486 (sequence 8)
Language
German
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486 Hauers Ausspruch: „Es ist viel leichter, in dem Werke eines große» Geistes die Fehler »nd Jrrthümer nnchzuweisen, als von dem Wertste desselben eine deutliche »nd vollständige Entwickelung zu geben. Denn die Fehler sind ein Einzelnes und Endliches, das sich daher vollkomine» überblicken läßt. Hingegen ist das der Stempel, welchen der Genius seinen Werken anfdrückt, daß diese ihre Trefflichkeit unergründlich und unerschöpflich ist; daher sie auch die Lehrmeister vieler Jahrhunderte nacheinander werden." Es muß noch hervorgehoben werde», daß er neben den weithin leuchtenden Sternen am philosophischen Himmel auch den tveuiger originellen Denkern, welche entweder vermöge ihrer schriftstellerischen Vorzüge oder Dank dem Zusammentreffen bestimmter Kulturströmungen eine nachhaltige Wirkung auf ihre Zeit ausgeübt haben, eine eingehende Behandlung angedeihen ließ. Der mühevollen Arbeit ist denn auch der Lohn nicht ausgeblieben. Die günstige Aufnahme, welche das historischphilosophische Werk beim Publikum fand, und die zustimmende Benrtheilung, die es seitens der Kritik erfuhr, zeigten dem Verfasser, daß es einerseits einem wirklichen Bedürfnisse entgegenkam, daß andererseits den Prinzipien, von denen es getragen ist, Berechtigung innelvohnt. Es verdient noch erwähnt zu werde», daß Brasch sich um den philosophischen Essay, welcher in Deutschland im Vergleiche zu England und Frankreich gar sehr im Argen lag, viel verdient gemacht, das Niveau desselben wesentlich gehoben hat. Es erhellt dies besonders aus seinen „Gesammelten Essays und Charakterköpfen zur neueren Philosophie und Litteratur", welche 1887 in zweiter Auflage erschienen sind. Brasch war aber nicht nur Schriftsteller, sondern er fühlte sich auch als Schriftsteller und fühlte demgemäß auch mit den Schriftstellern. Daher hat er an den Bestrebungen zur Hebung der Berufsinteressen und zur Förderung der materiellen Interessen der Schriftstellerwelt werkthätig und eifrig Antheil genommen. Er stellte aber nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Mensch seinen Mann, und darum tvird sein frühes Hinscheiden in Leipzig allgemein beklagt. Er war ein wackerer, liebenswürdiger Mensch, ein ausgezeichneter Charakter, der mit vollem Rechte von sich hätte sagen können: Nihil humani a me alienum puto. Brrefe aus Rußland. ie sich doch die Zeiten ändern! Als meine Mutter meinen seligen Vater heirathete, war sie noch nicht nenn Jahre alt, und dieser hatte das zehnte Lebensjahr kaum überschritten. Das war in der Zeit der „Behalah". Das Wort „Behalah" aber bedeutet Schrecke», Bestürzung, Verwirrung, und hervorgerufen wurde dieser Zustand bei den russischen Juden durch ein Gerücht, nach welchem der Kaiser Nikolaus I. beabsichtigt haben sollte, ein Gesetz zu erlassen, daß sämmtliche jüdischen Knaben unter vierzehn, Jahren, insoser» sie noch nicht verheirathet wären, die allgemeinen Schulen besuchen müssen. Ob eine solche Absicht wirklich bestanden hat, ist schwer zu sagen; jedenfalls rief das Gerücht in der damals so fanatischen jüdischen Bevölkerung Rußlands eine solche Bestürzung hervor, daß mau, um der „drohenden Gefahr" zu entrinnen, Kinder von 8—9 Jahren mit einander vermählte, unter dem Vorbehalte allerdings, daß das eigentliche Ehelebeu erst nach zurückgelcgtem dreizehnten Lebensjahre des Bräutigams (resp. dem zwölften der Braut) beginnen sollte. Diese Zeit einer solchen entsetzlichen Barbarei, eines so finsteren Glaubeuseifers liegt kaum ein halbes Jahrhundert hinter uns, und heute — das Rad der Zeit bewegt sich schnell vorwärts! — heute scheuen sich selbst Rabbiner nicht mehr, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken, und wohl 95 Prozent der russischen Jndenheit würde es als ein großes Glück betrachten, wenn die prozentuale Beschränkung an den höheren »nd mittleren Lehranstalten aufgehoben und die allgemeine Schule den jüdischen Kindern zugänglich gemacht würde. Ob und wie bald dieser, man darf wohl sagen, allgemeine Wunsch unserer Glaubensgenossen in Erfüllung gehen wird, — wer will prophezeien? Für die eigentliche Volksbildung, für die Erziehung der Kinder des jüdischen Proletariats, ist diese Frage aber nur von rmtergeordneter Bedeutung. Universität und Gymnasium bilden, mit wenigen Ausnahmen, die ausschließliche Domäne der besitzenden Klassen, und das wird wohl noch lange so bleiben; für die breiten Schichte» des eigentlichen Volkes ist und bleibt die Volksschule die einzige Bildungsstätte. Daher sehen wir auch gegenwärtig die besten Männer aller Knlturnationeu eifrig an der Arbeit, die Volksschule so zu fördern und auszngestalten, daß sie ihrer hohen Aufgabe gerecht werden kann. Auch bei uns in Rußland existirt eine sogenannte „Bildungsgesellschaft" (Obstschestwo gramotnosti), welcher die namhaftesten Gelehrten und Schriftsteller, wie Tolstoi, Korolenko u. A. angehören und deren Hauptaufgabe in der Gründung und Unterhaltung von Volksschulen besteht; es sind auch nicht in letzter Linie unsere Glaubensgenossen, welche die hervorragenden Erfolge dieser Gesellschaft mit erringen halfen; allein wenn irgendwo ein jüdischer Separatismus berechtigt und angebracht ist, so ist er es auf dem Gebiete des Votksschulwesens in Rußland. Wir wollen damit nicht sagen, daß unsere Glaubensgenossen die kulturellen Bestrebungen ihrer christlichen Mitbürger nicht zu unterstützen brauchen, allein noch viel weniger dürfen wir unsere eigenen besonderen Bedürfnisse außer Acht lassen. Diese besonderen Bedürfnisse sind aber durch die Eigenart des jüdischen Religionsunterrichts bedingt und können ohne schwere Schädigung des letzteren nicht ignorirt werden. Die russische Jndenheit ist in ihrer weitaus überwiegenden Mehrzahl streng orthodox, und auch die gebildeten und ansgeklärten Klassen sind deni Judenthnm meist noch nicht so sehr entfremdet, daß sie auf eine gründliche Unterweisung ihrer Kinder in der hebräischen Sprache und der Geschichte ihres Volkes verzichten möchte». Ein so erweiterter Religionsunterricht darf aber nicht, wie das anderswo geschieht, auf einige außerhalb des Schulplans gelegene Nachmittagsstunden beschränkt werden, sondern muß einen integrirenden Bestandtheil des Lehrprogramms bilden. Daß letztere Forderung in einer simultanen Schule nicht erfüllt, ja nicht einmal erhoben werden kan», bedarf keiner besonderen Begründung, und es verbleibt somit kein anderer Ausweg, als die Gründung von jüdischen Schulen, in denen nicht allein die nöthigen profanen Wissenschaften, sondern auch sämmtliche Disziplinen des jüdischen Religionsunterrichts in genügender Weise berücksichtigt werden. An dieser für die Zukunft der russischen Jndenheit hochwichtigen Aufgabe mitzuwirken sind indeß gerade diejenigen Kreise unserer Glaubensgenossen am meisten berufen, denen an einem ausreichenden Religionsunterricht weniger gelegen ist, als an allgemeiner Bildung, denn der Religionsunterricht leidet auch bei den jetzigen Zuständen keine Noth, er findet vielmehr in den überall vorhandenen „Chedarim" seine ausschließliche Pflege, wogegen es mit der profanen Bildung der linieren Schichten der russischen Jndenheit meist sehr traurig bestellt ist. Der Hinweis auf die vorhandenen staatlichen und kommunalen Schulen wird auch für Diejenigen hinfällig, welche auf den Religionsunterricht überhaupt zu verzichten bereit sind, da die Anzahl dieser Schulen eine viel zu geringe ist, um dem Bildungsbedürfniß der jüdischen Massen zu genügen. In vielen Gegenden des westlichen

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