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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-11 · Heft 41 (11.10.1895) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 41 (11.10.1895)
Date
1895-10-11
Page
Seite 485 (sequence 7)
Language
German
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485 Auf die Entwickelung desselben in der Jetztzeit übergehend, bezeichnet Referent als hervorragende Größen auf diesem Gebiete: Sulzer, Weintraub, Deutsch, Lewandowski, Goldberg, Jakobsohn und Japhet. Die Pflege des Gemeindegesanges müsse in die Schule gelegt werden, und zwar unter Zugrundelegung traditioneller Melodien, die auf dem Boden der Synagoge emporgewachsen sind. Der Synagogengesang sei wöchentlich in einer Stunde zu ertheilen, und müsse man hierbei besonders auf die Festtage Rücksicht nehmen. Zuvor aber müßten alle Leseschwierigkeiten durch vielfaches Lesen, Uebersetzen und Erklären des Textes beseitigt werden. Referent hält es außerdem für wünschenswerth, auch deutsche Choräle, Psalmen und Motetten in das Gebiet des synagogalen Gesanges zu ziehen, die dann bei besonderen Gelegenheiten, wie Kaisers Geburtstag, Sedanfeier u. s. w., zur Verwendung kommen sollen. Der Referent schließt seinen durchdachten, mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag mit dem Wunsche, daß die Pflege des liturgischen Gesanges in unseren Schulen zur Hebung und Veredlung des Gottesdienstes, sowie zur Belebung und Verbreitung echt religiösen Sinnes bei Jung und Alt ihr Möglichstes beitragen möge. Bei der sich anschließenden Debatte, an welcher sich die Herren Landrabbiner Dr. Löb, Dr. Mannheimer, Levy-Wittmund, Strauß- Papenburg und Meyer-Leer betheiligen, werden vielfach die Schwierigkeiten gerügt, die sich der Einführung eines geordneten Synagogengesanges entgegenstellen. Herr Dr. Löb wendet sich noch ganz besonders gegen gemischte Chöre, da durch sie der Charakter des liturgischen Gesanges erschüttert werde. Schließlich finden folgende Thesen Annahme: 1. Der liturgische Gesang war und bleibt für alle Zeiten ein Hauptbestandtheil des jüdischen Gemeindegottesdienstes. 2. Da nach Einrichtung unserer Gebete auch die Gemeinde beim Gottesdienste Mitwirken soll, so muß schon in der Schule zur Erreichung dieses Zweckes ein geregelter Unterricht im liturgischen Gesänge ert heilt werden. 3. Dieser Unterricht erstreckt sich auf Mittel- und Oberstufe und ist innerhalb der für Gesang angesetzten Stunden zu ertheilen. 4 Der liturgische Gesang soll in der Schule möglichst zweistimmig geübt werden, während er in der Synagoge mit nur ganz geringen Ausnahmen von den Kindern und der Gemeinde einstimmig ausgeführt wird. 5. Synagogen-, Chor- und Gemeindegesang können harmonisch nebeneinander wirken, ersterer darf jedoch nicht zu sehr ausgedehnt werden, damit die Betheiligung der Gemeinde am Gottesdienst keine Einbuße erleidet. Nach Beendigung dieses Vortrages und der sich daran augeschlossenen sehr interessanten Debatte wurden für die nächstjährige Konferenz folgende Referate aufgestellt: 1. Die Religionsbuchfrage, Referent: Löwenstein-Jever, Korreferent: Levy-Wittmund. 2. Lehrprobe über „Bibellesen" mit Anschluß eines kürzeren Referats „über den Erfolg des Bibellesens", Referent: Hauptlehrer Selig-Emden. 3. „Ueber den Trauritus". Referent: Landrabbiner Dr. Löb Der letzte Hauptpunkt der Tagesordnung betraf die Vorstandswahl. Unter dem Ausdruck des Dankes für die umsichtige Leitung wurde der seitherige Vorsitzende, Herr Hauptlehrer Levy-Norden, durch Zuruf wiedergewähkt, Herr Löwenstein-Jever zu dessen Stellvertreter ernannt und dem Schriftführer Herrn Wolff-Aurich das seither von ihm verwaltete Amt aufs Neue übertragen. Wegen vorgerückter Zeit fielen die freien Besprechungen aus. Beim Schluß der diesjährigen Verhandlungen drückt der Vorsitzende seine Befriedigung über den guten Verlauf der Konferenzarbeiten aus und hofft, daß Segen aus denselben für Schule, Gemeindewesen, Judenthum und Vaterland ersprießen möge. Mit einem Hoch auf Se Majestät den Kaiser schließt der Vorsitzende die elfte Konferenz, deren zwölfte uns, so G. w., im nächsten Jahre in dem schönen Oldenburg vereinen wird. Ein gemeinschaftliches Mahl, bei dem es an den üblichen Tischreden auch nicht fehlte, gab dem Ganzen einen würdigen Abschluß. Auf ein frohes Wiedersehen! Der Schriftführer: L. Strauß-Papenburg. Moritz Brasch. Von Dr. Bernhard Münz. f er durch die Kant'sche Philosophie trefflich geschulte philosophische Schriftsteller Moritz Brosch ist am 16. September in Leipzig, wo er seit Jahrzehnteil seinen ständigen Wohnsitz gehabt, im Alter von von 52 Jahren plötzlich gestorbell. Seill Leben war der Aufhellung philosophischer, politischer und dramatischer Fragen gewidmet. Daneben hat er Schopenhauer's Werke, mit einer Einleitung unb Erläuterungen versehen, herallsgegeben lnld dos Aildellkerl Friedrich Ueberweg's, des rühmlichst bekannten Geschichtsschreibers der Philosophie, durch die Editioll seines litterarhistorisch-ästhetischen Werkes: „Schiller als Historiker und Philosoph" und die Samnllnng seiller zerstreuten philosophisch - kritischell Abhalldlllllgen neu zu Ehreil gebracht. Ans allem, was er schrieb, weht lllls eille freie unb humane Weltanschauung an. Jlll Vordergrnllde seines Wirkens unb Schaffens stehen die „Klassiker der Philosophie. Von den frühestell griechischen Denkern bis auf die Gegen wart" (1884—1886), deileil sich 1887 die „Philosophie der Gegellwart" allschloß. Dos groß angelegte, vierbändige Werk trug bem charakteristischen Zuge unseres Jahrhunderts, die gemeinfaßliche historische Darstellung der Ergebnisse tvisseilschaftlicher Forschling allch auf die philosophische Disziplill auszlldehnen, lvelche früher immer nur das ausschließliche Eigenthum weniger auserlesener Geister war, Rechnuilg. Die Geschichte der Philosophie ist weit über den Kreis der eigelltlichell Fachnlällller hinaus eine der wichtigstell unb fruchtbarsten Studien unserer Zeit geworden. Doch tritt hierbei ein großer Uebelstaud zu Tage. Es fehlt ulls zwar llicht all illllfangreichell und fleiuereii geschichtlichen Darstellungen der Philosophie, und vollends hat Deutschland darin wahrhaft gediegeile lllld glänzende Leistlingen allfzmveisell. Nichtsdestoweniger ist es eille bekaiulte Thatsache, daß die Keuntlliß der philosophischell Schriften selbst noch viel zu wünschen übrig läßt. Brasch hat dies wohl erkallllt; er llahlll mit seinem Blicke wahr, daß es auf dem Gebiete der Philosophie ähiltich wie auf dem der schöllen Sitteratur zngehe, wo man sich ebenfalls znnleist mit dem Studium literarhistorischer Halldbücher begnügt. Und doch kann nur die Lektüre der poetischell Schöpfllngell selbst iu den Geist derselben emführell unb die lebendige Anschauung des Dichters erschließen. Viel schwieriger lloch ist es, aus der blos geschichtlichen Darstellung, wen'.l sie allch beu Nagel auf den Kopf trifft, eine erschöpfende Kellntniß der Ideen eilles Philosophen Zll erlailgen. Wer in die Lebeilslmd Weltanschallling eilles gelvaltigeil Dellkers einbrinflen und sich sie zu eigell nlachell will, ll'.uß sich ohne Ballgell iu seine Schriften selbst vertiefeil und beu Kampf mit den nlaillligfachen Schwierigkeiten, mit beuen das Verständnis; derselben verknüpft ist, muthig aufucl)inen. Von dieser Erwägung geleitet, lllachte es sich der Heimgegangene Schriftsteller Zllr Allfgabe, die hervorragendsten Denker zll berücksichtigen, „llicht nur, indem zusammenhängende Theile Mls ihren Hauptschriftell in einer Allswahl dargeboten werden, dllrch welche die wesentlichstell Seitell des betreffenbeu Systems zum Ausdruck gelangen, soilderu auch dadurch, daß jedenl der betreffeubat Philosophen eine Charakteristik hinzllgefügt wird, welche das Leben, die Persölilichkeit nlld dieWeltanschauung desselben in einem abgerundeten Bilde vorführt." Dabei ist der allgemeine kulturgeschichtliche Hintergrund, mit welchem der einzelne Denker durch tausende von Füdeil verwachsen ist, möglichst gekellnzeichllet. Mit der Darstellung der großell Systeme verband Brasch zugleich eine Art von pädagogischem Zweck, indem er das Positive lllld Bleibellde in denselbell llachdrückluhst betonte. Er hielt es eben mit Schopen-

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