Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1895)
- Date
- 1895-10-11
- Page
- Seite 484 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Protokoll über die mit 20. und 27. August d. I. zu Emden stnttgefnndene I i. Kanferen? des Per ei ns der israelitischen tlelirer der Fandrabbinatsbezirke Emden-Oldenburg. f Erster Konferenztag. er Vorsitzende, Herr Hauptlehrer Levy-Norden, eröffnet die Verhandlungen mit einem Gebete und mit zu Herzen gehenden Begrüßungsworten. Da der bisherige Schriftführer Kollege Wolff-Aurich am ersten Sitzungstage abwesend war, wurde Kollege Strauß-Papenburg mit der Führung des Protokolles beauftragt. Der erste Punkt der Tagesordnung bildete eine Verhandlung über den „Verband der israelitischen Lehrervereine Deutschlands", bezw. die Stellung unserer Konferenz zu demselben. Referent, Herr Levy-Norden, berichtet über den heutigen Stand dieser Angelegenheit und verliest sein am 2. April d. I. datirtes Schreiben an den D. I. G. B, in welchem er u. A. es freudig begrüßt, daß der Gemeindebund die Gründung eines israelitischen Lehrerverbandes für Deutschland in die Wege geleitet habe. Das Antwortschreiben des Gemeindebundes vom 1. Mai er., das ebenfalls verlesen wird, stellt die Einberufung der Delegirtenversammlung zum Herbste in Aussicht. Im Laufe der sehr lebhaften Debatte, die sich entspinnt, ersucht Herr Landrabbiner Dr. Löb den von der Konferenz gewählten Delegirten, Herrn Hauptlehrer Levy-Norden, dahin wirken zu wollen, daß bei der demuächstigen Festsetzung der Leitsätze des zu gründenden Verbandes die Selbstständigkeit der einzelnen Vereine gewahrt bleibe, Berlin dürfe in dem neuen Verbände der israelitischen Lehrer Deutschlands wohl die dominirende, nicht aber die leitende Stellung erhalten. Herr Strauß-Papenburg beantragt, den Delegirten in den Kardinalfragen mit genauen Direktiven zu versehen. Dieser Antrag wird ebenso angenommen, wie nachstehende Resolution. „Die Konferenz spricht sich nochmals für den Beitritt zum Verbände der israelitischen Lehrervereine Deutschlands aus und erkennt dankend die Anregung des D. I. G. B, betreffs Gründung des Lehrerverbandes für Deutschland an, wenn folgende drei Punkte in dem demnächstigen Delegirtentag zum Beschluß erhoben werden : 1. Der Verbands- Vorstand muß aus sieben Lehrern bestehen, von denen höchstens zwei ihren Sitz in Berlin haben dürfen; 2. auch nicht staatlich geprüfte Lehrer können Verbandsmitglieder werden, wenn sie Mitglieder der Einzel- Vereine sind; 3. es bleibt den einzelneil Vereinen das Recht Vorbehalten, die Bedingungen festzusetzen, nach welchen diese ihre Mitglieder aufnehmen. Von der Ernennung eines Stellvertreters für den zum Delegirten erwählten Herrn Hauptlehrer Levy-Norden nimmt die Konferenz Abstand: Es folgt nun der Vortrag zur „Fibelfrage". Der Referent Herr Ludwig-Meppen, behandelt den Kinderfreund von Weidemann (1. und 2. Theil), die deutsche Schulfibel von C. Koch und das Lesebuch von demselben die „Schreib-Lese-Fibel und erstes Lesebuch von Raphael Cohn", die Schreib-Lese-Fibel vom Hannoverschen Lehrerverein und endlich die Fibel der Schürenstiftung in Osnabrück. Als besonders geeignet zur Einführung empfiehlr Referent für unsere Schulen die Fibel von Koch und den Kinderfreund von Weidemalm. Herr Korreferent Strauß-Papenburg schildert in humorvoller Weise die hohe Bedeutung einer guten Schulfibel, deren Mangel sich in unfern Schulen seither in recht empfindlicher Weise geltend gemacht habe. Von all den zahlreichen Fibeln, welche die Schreibseligkeit der Jetztzeit erzeugt hat, hält der Korreferent die von Carl Koch herausgegebene Fibel für die vorzüglichste, da sie allen mit Verständniß gestellten pädagogischen Anforderungen entspricht. Fibeln mit christologischen Abbildungen und Erzählungen Kindern in die Hand zu geben, wäre bedenklich, da sich die genommenen Eindrücke zu sehr dem zarten, empfänglichen Gemüthe der Jugend einprägen. Korreferent ist mit dem Referenten dahingehend einig, daß sich die im Verlag von A. Henze- Leipzig erschienene Fibel von C. Koch für den Gebrauch in der einklassigen Volksschule besonders eignet. Die Arbeiten der beiden Kollegen fanden gebührende Anerkennung. Bevor noch in die Debatte über die Fibelfrage eingetreten wurde, hielt Kollege Levy-Wittmund einen Vortrag über die Lesebuchfrage. Referent streift die hervorragende Wichtigkeit dieses Gegenstandes und hebt hervor, daß es hier weniger auf eine größere Abhandlung als auf eine anregende Debatte ankomme. Die Mängel des Haester-Blumenfeldschen Lesebuches seien so bekannt, daß er wohl darauf verzichten könne, dieselben hier nochmals vorzubringen, auch das vom Hannoverschen Leh' erverein herausgegebene Lesebuch sei für unsere Verhältnisse unbrauchbar, weil es für mehrklasstge Schulen berechnet ist. Als empfehlenswerth hält Referent das „Deutsche Lesebuch für das mittlere Kindesalter von A Horwitz". Referent schlägt am Schluffe seines Vortrages folgende Resolution vor : Die in Emden tagende elfte Jahresversammlung der israelitischen Lehrer der Landrabbinatsbezirke Emden-Oldenburg beschließt, die Genehmigung zur Einführung des Deutschen Lesebuches für das mittlere Kindesalter von A. Horwitz durch den Herrn Landrabbiner bei der königlichen Negierung nachzu suchen. Nach eingehender Debatte wurden folgende Resolutionen angenommen: I. Die elfte Konferenz des Vereins der israelitischen Lehrer der Landrabbinatsbezirke Emden-Oldenburg beschließt einstimmig, den Herrn Landrabbiner Dr. Löb zu bitten, die Genehmigung zur Einführung nachgenannter Lesebücher für die einklassige Volksschule bei der königlichen Regierung nachsuchen zu wollen: 1. Kochsche Fibel, 2. Cohnsche Fibel 2. Theil, 3. Lesebuch von Dr. Stein mit Ergänzung einer kleinen paffenden Gedichtsammlung und eines Anhanges über Heimathkünde. II. Da aber der Lesestoff in den für die einklassigen Schulen empfohlenen Büchern für die zweiklassigen Schulen nicht ausreichend ist, so werden für diese folgende Lesebücher zur Einführung vorgeschlagen: 1. Kochsche Fibel, 2. Cohnsche Fibel 2. Theil, 3. Lesebuch von Horwitz, 4. Haesters-Blumenfeld (Oberstufe), eventuell: I. eine brauchbare Fibel, 2. Horwitz mit Auswahl für Unter- und Mittelstufe, und 3. Haesters (Oberstufe). Mit der Erledigung dieser für unsere Schulen so hochwichtigen Fragen war die Tagesordnung des ersten Konferenztages erschöpft. Herr Landrabbiner Dr. Mannheimer-Oldenburg, der für alle Verhandlungen reges Interesse bekundete, hatte nun die Freundlichkeit, die nächstjährige Konferenz nach Oldenburg einzuladen, ein Vorschlag, der allseitige Zustimmung fand. Die Festsetzung der Konferenztage soll indeß dem Herrn Vorsitzenden im Verein mit den Herren Landrabbinern überlassen bleiben. Bei den nun folgenden freien Besprechungen giebt Herr Landrabbiner Dr. Löb der Konferenz Keuntniß von amtlichen Verfügungen und Neuerungen auf dem Gebiet der Schule. Nach Schluß der Sitzung folgte für den Rest des Abends ein gemüthliches Beisammensein. Zweiter Konferenztag. Als erster Punkt stand auf der Tagesordnung: „Der Hebel und seine Anwendung", Lehrprobe, gehalten von Kollege Weinberg- Delmenhorst in der Oberklasse der israelitischen Volksschule zu Emden. An der Hand einer Krämerwaage entwickelte der Lehrer in recht anschaulicher Weise Begriff, Wirkung und Anwendung des zweiarmigen Hebels und wußte während der Dauer dieser Lektüre die Aufmerksamkeit der Schüter recht rege zu erhalten. Die Lehrprobe machte auf sämmtliche Theilnehmer der Konferenz wegen ihrer Frische und Lebendigkeit den besten Eindruck, und der Beifall, der dem Kollegen gezollt wurde, war ein allseitiger und wohlverdienter. Den zweiten Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat des Kollegen Bernheim-Varel über die Pflege des liturgischen Gesanges in der jüdischen Schule. In seinen Ausführungen schildert der Referent den Werth des Gesangunterrichts und den heilsamen Einfluß auf die sittliche Bildung der Jugend und des Volkes überhaupt und zeigt, daß der Gesang ehedem einen wesentlichen Bcstandtheil des öffentlichen Gottesdienstes ausmachte. In der Thora seien zwar keine näheren Andeutungen über die Anwendung des Gesanges beim öffentlichen Gottesdienste enthalten, aber schon David sei mit der Einführung des liturgischen Gesanges in größerem Umfange vorgegangen und habe denselben zu einem Hauptbestandteil beim Opferdienst erhoben. Referent verbreitet sich alsdann eingehend über die Art und Weise des liturgischen Gesanges vor und nach der Tempelzerstörung und seine Gestaltung im Mittelalter; er bespricht den Sologesang und die Verdienste des Rabbiners Leon de Modena in Ferrara (1600) um die Hebung des Synagogen-Gesanges-