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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 durch die Gunst administrativer Toleranz binnen 50 Werst von der Grenze niedergelassen haben, in ihrem augenblicklichen Aufentshaltsort zu belassen. Diese Nachricht ist nun eine offizielle. Der „Messager du Gouvernement" publiznt den endgiltigen Text des kaiserlichen Ukas: „Bis zur gesetzmäßigen Regelung der gesummten Judenfrage wird den General-Gouverneuren der Nord- und Südwestprovinzen, wie auch dem Gouverneur von Bessarabien befohlen, die Juden, welche sich itt der Zone von 50 Werst niedergelassen haben, nicht mehr aus den Städten und Flecken auszuweisen, sondern sie in ihren heutigen Wohnorten zu belassen, ihnen jedoch zu untersagen, ihren Aufenthalt gegen einen anderen der nämlichen Zone zu vertauschen. Besagte Gouverneure werden ersucht, die nöthigen Maßnahmen zu treffen, damit nicht noch weitere Juden sich in der qu. Zone niederlassen und nur solche — selbst provisorisch — zuzulassen, denen das Recht zusteht, im ganzen Reiche zu wohnen." Es wäre ein Jrrthum, wollte man diese Maßregel als eine Verbesserung der Lage der Israeliten jener Gegend ansehen, indessen waren die russischen Juden seit 14 Jahren daran gewöhnt, in jedem neuen Gesetz neue Einschränkungen zu finden, daß sie schon mit Dankbarkeit diejenigen anerkennen, die ihre Lage nicht verschlimmern. Uebrigens gestatten die Berichte aus den Zeitungen keinen Zweifel über die Dispositionen der Behörden. Dieselben behandeln die Juden andauernd mit einer Strenge, einem Mangel an Menschlichkeit, ja oft mit einer Grausamkeit, die einer zivilisirten Negierung unwürdig ist. Australien. (i. Melbourne, 15.August. Unsere jüdische Hilfsgesellschaft hat am 22. Juli ihre Jahresversammlung abgehalten. Der soeben erschienene 7. Jahresbericht konstatirt, daß durch die Gesellschaft eine große Zahl (über 400) achtbarer Personen unterstützt worden ist, welche ohne diese Hilfe sich hätten als Almosenempfänger erniedrigen müssen. Die Art, von der Gesellschaft ein Darlehen zu erhalten, ist hier die folgende: Der Petent erhält ein Formular, füllt es aus und übergiebt es dem Sekretär. In dringenden Fällen sind schon Darlehen in ein bis zwei Stunden vermittelt worden. In vielen Fällen wird der Borger von Niemandem wie den: Sekretär gesehen. Zumeist führen zwei Mitglieder des Vorstandes als Untersuchuugskomitee die Recherche, und die Bewilligung erfolgt mit Stimmenmehrheit seitens des Vorstandes. In den ersten Jahren litt die Gesellschaft unter dem Mißstand, daß Borger wie Bürgen sie als einen Halbbruder der hiesigen wohlthätigen Gesellschaft ansahen und daß es schwer war, die wöchentlichen Rückzahlungen durchzusetzen, lieber die Prosperität der Gesellschaft giebt indeß die Thatsache am bestell Auskunft, daß sie in sieben Jahren über eine Million Mark ausgeliehen hat, hierbei sind ca. 16,000 Mark verloren gegangen. Die Darlehensempfänger rekrutiren sich aus folgenden Ständen: Es sind darunter 15 Höker, 8 Obstverkäufer, 6 Händler, 3 Pantoffelmacher, 3 Jlllveliere, 3 Schuhmacher, 2 Faiseure, 2 Pfandleiher, 2 Schneider, Buchhändler, Tabakshändler, Uhrmacher, Maschinisten u. s. w. Von der Beliebtheit der Gesellschaft in maßgebenden Kreisen giebt die Thatsache Kunde, daß die Jahresversammlung mit Bewilligung des Oberbürgermeisters von Melbourne in der Magistrats- und Stadt-Halle stattfand. Die Parlamentsmitglieder I. F. Levien, I. A. Jsaacs und St W. Best leihen der Gesellschaft ihre werkthätige Hilfe. Von Nah und Fern. Für den blinden Parteifanatismus der Konservativen ist die Mittheilung des Korrespondenten der „Hamburger Nachrichten" charakteristisch, wonach ihm ein hochstehender, durch und durch gebildeter, ehrenhafter Konservativer allen Ernstes versicherte, Flora o>aß, die vielgenannte Dame in der Hammerstein-Affaire, sei Agentin der Alli.-mce Ismölite gewesen und habe in deren Auftrag den edlen Freiherrn zu Grunde gerichtet. — In Murowanno Goslin wurde am 17. September die neuerbaute Synagoge, zu welcher der Herzog von Sachsen-Altenburg 500 Mark, Oberamtmann Franz Zeysing zu Schloß Pila bei Bingen am Rhein 300 Mark gespendet hat, durch den Rabbiner Dr. Bloch aus Posen, der eine ergreifende Rede hielt, feierlich ein geweiht. Der Feier wohnten auswärtige Glaubensgenossen, ferner Pastor Lubke, Bürgermeister Hartmanu, Rektor Freymark, sowie mehrere hiesige angesehene Bürger bei. — Der antisemitische Weicherer Fritz Sedlatzek aus Breslau, von dessen Praktiken wir bereits nähere Mittheilung machten, ist in Zürich verhaftet worden. Die Angelegenheit hatte in Breslau ein besonderes Aufsehen erregt, weil Sedlatzek eine Nolle zu spielen verstand. — Die Antisemitenblätter, die sich als Gegner des Wuchers auszugeben pflegen, haben den Fall Sedlatzek, in dem es sich um die grauenhafteste Auswucherung Hunderter von unmündigen Kindern handelt, theils überhaupt unterschlagen, theils ohne Erwähnung der Eigenschaft Sedlatzek's als Antisemitenführers mitgetheilt. — Ein Hauptagitator der Jauer Antisemiten, Schmiedemeister Bänsch, ist als Spitzbube entlarvt worden. Er hatte bei Einkäufen, die er mit Vorliebe bei einem Führer der Freisinnigen machte. Verschiedenes heimlich mitgehen heißen, was die von der Polizei vorgenommene Haussuchung zu Tage förderte — In Folge einer Eingabe des Herrn Rabbiner Dr. Bamberger an den Magistrat in Schildberg um Verlegung der im nächsten Monat auf die jüdischen hohen Festtage fallenden Wochenmärkte hat der Magistrat mit Zustimmung des Bezirksausschusses zu Posen festgesetzt, daß die Wochenmärkte statt am 3. und 10. Oktober am Mittwoch, dem 2. bezw. 9. Oktober abgehalten werden sollen. — Der Rechtsanwalt Dr. Jsaac Cohen in Hamburg, eine sehr bekannte Persönlichkeit, Mitglied des deutsch - israelitischen Repräsentanten- Kollegiums, ist nach längerer Krankheit im Alter von 54 Jahren in der letzten Nacht aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene, welcher von sehr armen Eltern stammte, hatte sich durch Fleiß emporgearbeitet und durch gediegenes Wissen sowie Ehrenhaftigkeit eine ausgedehnte Praxis erworben. — Herr B. Fränkel in München hat dem Rabbiner Dr. Werner zu Talmud Thora - Zwecken den Betrag von 10,000 Mark zugehen lassen, aus deren Zinserträgen Talmudgelehrte und junge Leute, welche sich dem Rabbinatsberufe widmen, unterstützt werden sollen. — Der Israelit Prister in Vrabec (Kroatien) wurde zum Gemeinderichter ad honores ernannt. — Der rumänischen Regierung haben wir schweres Unrecht zugefügt! Dr. H. Tiktin ist nicht zum Professor des neuen Lyceums in Jassy ernannt worden, weil er sich der an seine Ernennung geknüpften Bedingung, zum Ehristenthum überzutreten, nicht unterwerfen wollte. Es ist bereits ein Rumäne christlicher Konfession an seiner Stelle gewählt worden. — Der antisemitische Anarchist B outeil he in Paris, der am 5. d. M. die Bombe im Bankhause Rothschild niederwarf, erschien am 26. d. vor dem Zuchtpolizeigericht. Bouteilhe erklärte, daß die Bombe nicht gefährlich gewesen sei, er hätte nur erschrecken und in nachdrücklicher Weise gegen Rothschild protestiren wollen. Bouteilhe bestritt, die Absicht zu tödten gehabt zu haben. Hierauf erfolgte das Zeugenverhör. Der Zuchtpolizeigerichtshof verurtheilte Bouteilhe zu drei Jahren Gefängniß und 100 Francs Geldstrafe. — Während des letzten Jahres erhielten die folgenden englischen Juden Ehrungen: Sir Israel Hart, der viermal Bürgermeister von Leicester war, wurde in den Ritterstand versetzt, Alderman Faudel Phillips und Sir Francis Montefiore wurden zu High Sheriffs von London bezw. von Sussex ernannt, während der Alderman und Sheriff Samuel zur Vertretung der Schiffsbesitzer bei der Thames Conservancy gewählt wurde. — Nach der offiziellen Statistik der Wilna er Gesundheitsämter verzehrt jeder christliche Einwohner der Stadt jährlich 151 Pfund Fleisch, während der Verbrauch der jüdischen Bevölkerung nur 123 Pfund pro Kopf im Jahre beträgt. Es giebt kein besseres Zeichen für das Elend der Juden. — Alljährlich entsendet die Universität Tomsk Studenten der Medizin nach Sibirien, um daselbst den Sanitätsdienst zu organisiren. In diesem Jahre wollten sich jüdische Studenten an dieser Mission betheiligen, der Rektor der Universität weigerte sich indessen kategorisch, sie in der Kandidatenliste aufzunehmen, mit der Erklärung, daß die jüdischen Studenten keine Ansprüche auf die Unterstützung der Universität Tomsk hätten. — Wie liebenswürdig die russischen Regierungsbehörden sein können, sobald gewisse Interessen in Frage stehen, beweist folgende Mittheilung: „Wie von zuständiger Seite mitgetheilt wird, hat die Staatsregierung während der Dauer der Nischni-Nowgoroder Industrie- und Kunst-Ausstellung im Jahre 1896 allen Personen jüdischer Konfession ohne Ausnahme, also auch ausländischen Juden, den unbehinderten Aufenthalt in Nischni-Nowgorod gestattet." Das glauben wir! Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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