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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Wie das „Neue Wiener Tagblatl" meldet, hat Baron Hirsch seine Wohlthätigkeitsbüreaus in Galizien, welche seit 1888 jährlich 144,000 Gulden unter dortige Nothleidende vertheilten, aufgelöst Doch bedarf diese Nachricht noch der Bestätigung. Jedenfalls aber hat das mit der Leitung des Baron Hirsch'schen Wohlrhätigkeilsbüreaus hier betraute Damenkomitee, welches seit dessen Gründung im Januar 1889 diesem Humanitären Werke Vorstand, seine Demission gegeben. Die Ursache dieses Entschlusses lag darin, daß das Komitee sich mit einer von Baron Hirsch geplanten Reorganisirung aus sachlichen und persönlichen Gründen nicht einverstanden erklären konnte. Wie verlautet, wird diese Wohlthätigkeitsinstitution demnächst in neuer Form reaktivirt werden. Wie es ferner heißt, hat Baron Hirsch in den letzten Tagen das Präsidium mit einer Zuschrift überrascht, in welcher er die Absicht äußert, einen kleinen Bruchtheil seiner Wohlthätigkeitsfonds behufs Förderung des Schulbesuches durch Bekleidung und Beköstigung armer Schulkinder, wosür der Stiftung keinerlei Mittel zu Gebote stehen, zur Verfügung zu stellen, um auf diese Weise sein seit Anbeginn unentwegt angestrebtes Ziel, die verwahrloste jüdische Jugend Galiziens der Kultur zuzuführen, besser erreichen zu können — Die hiesige Staatsanwaltschaft hat nunmehr endlich gegen den Mechaniker Ernst Schneider mit Bezug auf Aeußerungen, die derselbe in den letzten Wählerversammlungen gebraucht haben soll, Vorerhebungen eingeleitet. Unter Anderem soll der genannte Abgeordnete von den „Juden, die man rösten sollte" re. gesprochen haben. Die Behörde erblickt hierin das Delikt des § 302 — Vergehen der Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Religionsgenossenschaften. Von dem Ausfälle der Untersuchung hängt es ab, ob die Auslieferung Schneiders vom Abgeordnetenhause angesucht wird oder nicht. Der antisemitische Installateur Franz Kraus wurde verhaftet, weil er sich als Obmann des Unterstützungsvereins „Zum heiligen Petrus" der größten Betrügereien schuldig gemacht. Die Wirthschaft, die dieser Mann viele Jahre lang im Verein führte, war eme solche, wie sie raffinirter und verderblicher nicht gedacht werden kann. Die Höhe der unterschlagenen Summen wird sich mangels ordnungsmäßig geführter Bücher nur schwer feststellen lassen. Jedenfalls machen dieselben viele, viele Tausende aus, und der Verein ist ganz und gar ruinirt. — Nur noch einen einzigen neutralen Boden giebt es augenblicklich hier, und das ist der Freudenauer Rennplatz, wo Sonntags um den Jubiläumspreis gestritten wurde; dort scheint sich die vielbegehrte gesellschaftliche Scheidung nach Konfessionen nicht vollzogen zu haben, denn die 40,000 Kronen gewann „Tokio", ein dem Bankier Wahrmann gehöriges Pferd, in einem zwecken Rennen siegte Orvert, der Hengst des keineswegs arischer Abstammung sich erfreuenden Baron Springer, und in einem dritten Rennen passirle als Erster den Pfosten der Jockey Hyams, der trotz seines mosaischen Glaubensbekenntnisses die Pferde des ältesten Adels reitet. B. Budapest, 29. September. Das Budapester Lehrerkasino unterbreitete dem hiesigen Magistrate ein Gesuch, in welchem die Votirung von 1000 Kronen für den würdigen Empfang der Mitglieder des Wiener Lehrerhausvereines verlangt wird. In der Sitzung, in welcher diese Bitte verhandelt wurde, protestirte man gegen die Bewilligung der verlangten Summe mit der Begründung, daß die Volksbildner der Stadt Wien die antisemitische Bewegung favorisireu und es zu befürchten sei, daß die Ausflügler ihre Studienreise zu Agitationszwecken ausnützen werden Erst nach bir Versicherung, daß die Majorität des Lehrerhausvereines liberal sei, und nachdem Garantien geboten wurden, daß sich die Gäste von jeglicher parteigemäßen Agitation und Demonstration fernhalten werden, wurde obige Summe votirt. — Wie wir schon gemeldet haben, hat ein Individuum, Namens Mendelssohn, der auf irgend eine Mendelssohnstiftung ein Anrecht zu haben vorgab und gegen mehrere deutsche Gemeinden schwere Anklagen erhob, die Festnagelung des Max Seabolcsi, des Redakteurs des Egyenlösegs, zum Gegenstände einer Beleidigungsklage gemacht, welche endlich vor dem Geschworenengerichte zum Austrage kommen wird. — Baron Hirsch und seine Gemahlin weilen derzeit in Ungarn und sind Gäste des Fürstprimas Vaszary. — An der schon avisirten Rabbinerkonferenz, deren von den Einberufern nachdrücklichst betonter Zweck es ist, die in Folge des Jnslebentretens der Reformgesetze nothwendig gewordenen einheitlichen Maßregeln festzustellen und einen Rabbinerverband zu gründen. werden mehr als hundert Rabbiner der auf Basis der Kongreßstatuten und des statns quo ante konstituirten Gemeinden theilnehmen, während die Rabbiner der orthodoxen Gemeinden in der von der Durchführungs-Kommission in Vorschlag gebrachten Landes- Generalversammlung über die nöthigen Vorkehrungen Beschlüsse fassen werden. Wenn auch hinsichtlich des Aktionsprogramms dieser beiden separat abzuhaltenden, aber dennoch einen Zweck anstrebenden Generalversammlungen noch keine vollständige Klarheit herrscht, so ist es dennoch mit Bestimmtheit anzunehmen, daß die Beschlüsse unsere speziellen Gemeindeverhältnisse berücksichtigen und keine Veranlassung zu neuen Spaltungen und Wirren bieten werden. Zur Einführung der kirchenpolitischen Gesetze werden nun auch in den einzelnen Gemeinden die nöthigen Vorkehrungen getroffen. Die Vorstehung der Szegediner Religionsgemeinde legt der nächsten Generalversammlung auf Vorschlag des Oberrabbincrs Dr. Löw folgenden Antrag vor, den wir der Aufmerksamkeit sämmtlicher Gemeinden besonders empfehlen wollen.- 1. Die Gemeinde führt die Matrikel weiter, deren Duplikatexemplare im Gemeindearchiv verwahrt werden sollen. 2. Die Eintragungen werden kostenlos vollzogen und die richterlichen, sowie die Gebühren für das Namengeben aufgehoben. 3. Für die Neuvermählten und für die Eltern und die mit Namen zu versehenden Neugeborenen möge ein besonderes ungarisches Gebet gesprochen werden. 4. Die nicht behufs Eintragung in die Geburtsmatrikel angemeldeten Kinder sind nicht Theilnehmer an den Institutionen der Religionsgemeinde und können auf keinerlei konfessionelle Leistungen Anspruch machen. 5. Die Trauungsgebühren werden auf den vierten Theil der bisherigen herab gemindert. 6. Als konfessionell giltige Ehe anerkennt die Religionsgemeinde nur jene, welche vor dem kompetenten Rabbiner geschlossen wurde. 7. Bezüglich der in Folge der kirchenpolitischen Gesetze auftauchenden neueren Fragen, wie gemischte Ehen, Religion der Kinder u. s. w. wird das Gutachten der abzuhaltenden Generalversammlung abverlangt. — Rabbiner Dr. M. Kayserling hat am 24. September sein 25jähriges Jubiläum als deutscher Prediger und Rabbiner der Pester israelitischen Religionsgemeinde gefeiert. — Baron Armin Popper de Pjoohragy, der sich in Oberungarn, wo er über 24 Pfarren das Patronalsrecht ausübt, ungemein großer Popularität erfreut, ist in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete der öffentlichen Angelegenheiten mit dem Komthurkreuz des Franz Josefs-Ordens ausgezeichnet. — Auf Vorschlag des Obergespans kaufte Baron Moritz Hirsch eine größere Besitzung an, die in kleinern Parzellen, zur Hintanhaltung des Sozialismus, unter den günstigsten Zahlungsbedingungen an Kleinbauern verkauft wird. — Bei der Eröffnungsfeier der Universität hielt der Dekan eine sehr bemerkenswerthe Rede. Er betonte zunächst, man kenne in der Aula keinen Unterschied der Geburt, der Konfession oder Nationalität. Die Ideen der Gleichheit seien nirgends so verkörpert als in der Republik der Wissenschaft. Nur Talent und treue Pflichterfüllung stellen Einen über den Andern. Großbritannien» F. London, 29. September. Unser Glaubensgenosse, Baron Henry de Worms, Abgeordneter für Liverpool, der, wie bereits gemeldet, in den Pairsstand erhoben worden ist, gehört zur konservativen Partei und nimmt an dem gegenwärtigen Triumph derselben Theil. Er ist Mitglied des geheimen Rathes der Königin. Allen jüdischen Bestrebungen, so namentlich auch der Anglo Jewish Association, widmet er ein offenes Herz und eine freigebige Hand. Baron Worms hat sehr schnell Karriere gemacht. Er erhielt seine Ausbildung auf dem Kings-College in London. 1885 wurde er zum parlamentarischen Sekretär des Handelsamts ernannt. Diesen Posten bekleidete er bis zum Jahre 1888, in dem ihn das vorletzte konservative Kabinet zum Unterstaatssekretär der Kolonien berief. Baron Worms ist mit einer Tochter des verstorbenen Alderman Sir Benjamin Phillips verHeirathet, der s. Z. für den Lordmayorposten kandidirte. Ohne Apostat geworden zu sein, hat Baron Worms mit 55 Jahren den Rang erreicht, den einst Lord Beaconsfield einnahm. Rußland. & Dt. Petersburg, im September. Wir haben schon berichtet, daß auf persönliche Intervention des Zaren den Gouverneuren der Grenzdistrikte der Befehl ertheilt worden ist, diejenigen Israeliten, welche sich

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