Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Aufbau eines neuen Krankenhauses, zu welchem aus dem Reiche 60,000 M. als Spenden eingegaugen sind, geschenkt. Der Minister hat bereits seine Genehmigung dazu ertheilt. An diesem Krankenhause sollen zum ersten Mahl in Deutschland jüdische barmherzige Schwestern in Thätigkeit treten. — Der älteste Einwohner der Stadt Mrotschin ist unser Glaubensgenosse, der Kaufmann Salomon Hirsch. Derselbe steht im 114. Lebensjahre und ist körperlich und geistig noch verhältnißmäßig rüstig — Kleine katholische und evangelische Knaben in Czersk vertrieben sich kürzlich die Zeit damit, die Fenster der Synagoge mit Steinen einzuwerfen. In kurzer Zeit hatten sie 24 Fensterscheiben zertrümmert. Nach der Ursache ihrer Ungezogenheit befragt, antworteten sie: „Die jüdischen Knaben haben nach dem Kreuze geworfen, wir wollen ihnen das abgeben." - Die jüdische Gemeinde in Tuchel erbaut auf ihrem Friedhofe ein neues Wärterhaus, dessen Kosten auf 3000 Mark veranschlagt sind. — Zum Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Rogasen ist Dr. Auerbach jr. aus Halberstadt einstimmig gewählt worden. — In Wreschen ist ein neues Gemeindestatut entworfen und von der Kgl. Regierung zu Posen bestätigt worden. Nach demselben ist das Vorstandskollegium von fünf auf vier und das Repräsentantenkollegium von 15 auf 11 Mitglieder reduzirt worden. r. Aus Schlesien, 30. September. In Betreff des Wechsels der Konfession bei Schulkindern hat die kgl. Regierung zu Breslau neuerdings folgende Verfügung an die Landräthe und Kreisschulinspektoren ihres Bezirks erlassen: „Bei Verhandlungen, die durch Konfessionswechsel von Schulkindern veranlaßt wurden, haben wiederholt unklare Auffassungen zu Weiterungen und Unzuträglichkeiten geführt. Wir sehen uns deshalb zu der Bestimmung veranlaßt, daß nur dann ein Konfessionswechsel als vorliegend zu erachten ist, wenn der Vater oder dessen berechtigter Stellvertreter sein schulpflichtiges Kind in einer anderen Konfession als bisher zu erziehen beabsichtigt und die hierauf bezügliche Willenserklärung vor dem kgl. Landrath abgiebt Diese letztere ist lediglich vor dem kgl. Landrath persönlich abzugeben und nicht von Lehrern oder Schulaufsichtsbeamten zur Uebermittelung an die gedachte Behörde entgegenzuuehmen. Dasselbe Verfahren ist inne zu halten, wenn ein Kind beim Eintritt in die Schule einer andern Konfession als der des Vaters zugewiesen werden soll. Auch in allen denjenigen Fällen, in denen Schulkinder entweder beim Eintritt in die Schule dem schulplanmäßigeu Religionsunterrichte eines Lehrers anderer Konfession zugeführt werden oder innerhalb der Zeit ihrer Schulpflicht an einem andern schulptanmäßigen Religionsunterricht als dem bisherigen theilnehmen sollen, ist die von dem Vater bezw. dessen Stellvertreter hierauf bezügliche Willenserklärung vor dem königlichen Landrath persönlich abzugeben«. —Herr Kaufmann Saul Cohn aus Ratib or hat dem dortigen Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 62 aus Trentschin in Ungarn, wo er sich z. Z. zum Kurgebrauch aufhielt, 100 Mark gelegentlich der Sedanfeier angewiesen und in dem an den Magistrat gerichteten Telegramm dem Bedauern Ausdruck gegeben, an der dortigen Feier des großen nationalen Gedenktages nicht theilnehmen zu können. — Fabrikbesitzer Adolf Schück und seine Ehefrau, geb. Braun, welche am 21. d. Mts. ebenda ihre silberne Hochzeit feierten, haben aus diesem Anlaß 500 Mark der Armenkasse zur Vertheilung an die Ortsarmen überwiesen. — Frau Sam oje, die Wittwe des im Juni in Ratib or verstorbenen Fabrikbesitzers Max Samoje, hat folgende Stiftungen ausgeworfen: 1000 Mark für die Stadt Ratibor, 1000 Mark für die jüdische Gemeinde, 100) Mark für den jüdischen Waisenunterstützungsverein, 500 Mark für den jüdischen Armenunterstützungsverein, 300 Mark für den jüdischen Frauenverein, 500 Mark für die Taubstummenanstalt, 200 Mark für die grauen Schwestern. - Bei dem Erinnerungsfest an Sedan, welches der Gasthofbesitzer Schrom (Volksgarten) in Frankenstein arrangirt hatte, hielt der Abgeordnete Ahlwardt die „Festrede" Nach einem Hoch auf den Kaiser gedachte der Redner besonders des Sedantages, der ein einiges Deutschland geschaffen u. s. w. Am Schluß des ^stündigen Vortrages forderte er zu eifriger Agitation für den Antisemitismus auf. — Der Vorstand und das Repräsentanten-Kollegium der israelitischen Gemeinde in Kosel beschlossen, vom 1. Oktober d. I. an Stelle des jetzigen zweiten Kultusbeamten, welcher in den Ruhestand tritt, einen neuen anzustellen und die Stelle mit 1200 Mark Jahresgehalt auszuschreiben. — Die verwittwete Frau Johanna Hausdorff in Myslowitz hat anläßlich des Hinscheidens ihres Ehegatten dem dortigen israelitischen Krankenpflege- und Beerdigungsverein 300 Mark zugewendet und an die jüdischen Ortsarmen Geldbeträge in Höhe von 10—15 Mark vertheilen lassen. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 30. September. Durch das Ergebniß der Gemeinde rathswahlen ist nun die Zahl der antisemitischen Gemeinderäthe au« 91 gestiegen, und es ist also die Wahl Dr. Luegers zum Bürgermeister von Wien als nahezu gewiß vorauszusehen; aber die Wahlerfolge sind den Antisemitenführern stark zu Kopf gestiegen, und ihr Uebermutl nimmt geradezu lächerliche Formen an. Dr. Lueger sagte u. A. bei einer antisemitischen Siegesfeier in Margarethen.- „Ich kenne mein Bol; von Wien", und diesem Ausbruche von Cäsarenwahn fügte er di'. Versicherung bei, „den letzten Sieg haben alle Völker der ganzen Erdk gesehen". Es war auch im antisemitischen Lager geplant gewesen, der Abschluß der Wahlen und die Siege der Antisemiten mit einer Illumination zu feiern. In der Parteileitung schien man aber zr befürchten, daß doch allzuviele Fenster unbeleuchtet bleiben würden, den: dieselbe ließ in ihren Organen publiziren, daß eine solche Jlluminatior. nicht ihren Wünschen entspreche. Begründet wird dieses gewiß sehr vorsichtige Verbot des „Herrn von Wien" damit, daß mit einer Jllumi Nation „nur der Rachsucht und dem Denunziantenthum im liberaler- Lager (!) Stoff gewährt und mancher der wackersten Gesinnungsgenosse: zwecklos bloßgestellt würde". Es dürfte wohl auch noch ein anderer uneingestandener Grund hinter dem Verbote stecken. Dagegen aber befaßt man sich in den antisemitischen Kreisen bereits sehr lebhaft mit der Ehrungen, die man nach der Bürgermeisterwahl Herrn Lueger bereiter will. Es ist geplant, die eventuelle Uebersiedelung desselben ins Rath Haus zu einem großen Spektakel zu machen. Die Antisemiten sollen von Margarethen bis zum Rathhause Spalier bilden, antisemitische Damen sollen ihm Blumen — natürlich weiße Nelken — streuen, und Abends endlich soll ein Fackelzug und eine Serenade der antisemitischen Gesangvereine vor dem Rathhause stattfinden. Es wird sich jedenfalls gut ausnehmen, wenn Wien, das die Aufhebung des Konkordats mit Illumination und Fackelzug begrüßte, nun den Sieg des Klerikalismus in gleicher Weise begeht. — Als allerneuestes Agitationsmittel kolpornren die antisemitischen Agitatoren das Gerücht, eine sehr hochgestellte Dame habe an Lueger einen Brief gesandt, in welchem sie den Antisemitenführer zu den Erfolgen seiner Partei beglückwünscht und ihn auffordert, auszuharren im Kampfe für die heilige Sache des Christentbums. Wie verlautet, gründet die Antisemitenpartei ein neues, großes, christliches Tageblatt, für welches bereits 200,000 fl. gezeichnet sein sollen. — Großes Aufsehen erregt hier jetzt eine „Affaire" des antisemitischen Agitators Dr. Peter Libor Gerl, der als Konkursmassenverwalter des Hoflieferanten Maresch 32,000 fl. einkassirt, den Gläubigern aber nicht abgeführt hat. Der Gerichtskommisfar fand in der Kasse des Advokaten blos 400 fl. Die Verwandten Gerls sind bestrebt, die Konkursmasse schadlos zu halten. — Zu Pohrlitz in Mähren ist vorigen Donnerstag einer der hervorragendsten Schulmänner Wiens, Dr. A. I. Pick, eines plötzlichen Todes gestorben. Zu Neustadt an der Meltau in Böhmen geboren, trat er nach Absolvirung der sogenannten „Philosophie" in Prag, weniger dem inneren Berufe als den äußeren Verhältnissen Raum gebend, in die juridische Fakultät ein, denn Neigung und Befähigung zogen ihn zu dem Studium der Mathematik und der Naturwissenschaften hin, denen sich auch sein ganzes Interesse zuwendete. Im Wiener physikalischen Kabinet lenkte er bald durch seine Leistungen die Aufmerksamkeit auf sich, und seine Kollegen, von denen namentlich der spätere Hofrath Krischek ihm eine bleibende freundschaftliche Gesinnung bewahrte, erkannten bereitwillig seine ungewöhnliche Begabung und Tüchtigkeit an. Aber Einen nach dem Andern sah er in Amt und Stellung eintreten, die ihm aus konfessionellen Gründen versagt blieben. Er kam dann als Assistent an die Sternwarte; aber obwohl ihm Direktor Littrow immer herzliches Wohlwollen bewies, mußte er doch bald erkennen, daß auch da an ein Borwärtskommen nicht zu denken sei. So übernahm er in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre ein Privatinstitut für Knaben, welches er durch längere Zeit in blühendem Zustande erhielt, bis ihn die Ungunst der Zeiten und der Mangel an Befähigung für die geschäftliche Seite dieses Berufes zwangen, denselben aufzugeben. Er wurde hierauf provisorisch als Professor an die neuerrichtete k. k. Lehrerinnen-Bildungsanstalt berufen, aber verschiedene Verhältnisse, sowie sein vorgerücktes Alter verhinderten die definitive Anstellung. Seine beiden Lehrbücher für Arithmetik, sowie sein Leitfaden für die astronomische Geographie sind Musterwerke und eine wc lehren einiger Hirsch 1888 ji aufgelö falls o chätigk. 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