Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 479 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228135--52210-3272993
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

479 der Zwieoren, und zehen will und den? Talmud- Ifen wäre, rsicherung, Volke und rind. bei der in den es; auch dabei zu ar. Jetzt Lhristin!" t in die singst te sie sich Verdienst, kannte — nd Stack Geschäft. Ls ist ja ldest, bei Gott!" u* : weil w Mond in einen i! Und teil, ben : kündigt Bettler!" e bisher „Er wird mir nicht kündigen," tröstete Leib. „Und wenn auch, so findet sich eine andere Pacht!" Und als sie nun unter heftigen Thränen, die jählings das welke Antlitz überströmten, den Kopf schüttelte, faßte er ihre Hand und seine Stimme klang fast feierlich: „Weißt Du nicht, was Er kann? Er, der Allerbarmer, kann mehr, als den kleinen Leib eine andere Schänle finden lassen!" „Wegen eines häßlichen Bauern!" stieß sie leidenschaftlich, fast unverständlich hervor, so sehr erstickten Groll und Thronen ihre Stimme. Er versuchte zu lächeln. „Nun ja," sagte er schüchtern, „häßlich ist der Janko und ein Bauer auch. . . Aber," fuhr er dann fort und die Stimme festigte sich, und auf den vergrämten Zügen glomm es wie ein Leuchten auf, „um des Janko willen habe ich es ja nicht gethan, sondern um Seinetwillen, gelobt sei Sein Name! Hat Er uns nicht befohlen: „Liebe beiuen Nächsten, wie dich selbst, auch wenn er ein Fremdling ist?!"... Und auch um meinettmllen hat es sein müssen! Siehst Du, ich frage sonst nicht viel nach mir, so wenig wie die Andern — Alle, Alle treten sie auf mir herum, und auch Du, Chane, auch Du bist oft — Du hast ja gewiß immer Recht — nun, unzufrieden bist auch Du oft mit mir. . . Aber dies Eine muß mir bleiben." Sie hielt im Weinen inne und blickte ouf; seine Stimme klang so seltsam voll, wie sie es kaum je zuvor an ihm wahrgenommen. „Was meinst Du?" murmelte sie. „Daß Er mit mir zufrieden ist und daß ich Ihm ins Auge schaneu kann! Wenn ich so frühmorgens hier stehe" — er deutete auf das Fenster, das gegen Osten ging —, „die Gebetriemen um Stirn und Arm. und die rothe Sonn' gebt drüben über Halicz auf und schaut zu mir herein, dann ist mir immer zu Muth, als schaute Er mich an, durch und durch, und bis in mein tiefstes Herz hinein. Und während mein Mund die Gebete flüstert, spricht mein Herz: „Da bin ich, Ewiger, ein schwer geprüfter Mann unb Dein geringer Knecht, aber was ich dazu vermag, damit Tein Name auf Erden durch Erfüllung Deines Willens geheiligt werde, geschieht!" Und um auch ferner so reden zu können, Hab' ich dem Janko die Sach' mit dem Solinzer Popen vermittelt. Glaubst Du, Er weiß das nicht? Vielleicht läßt Er uns deshalb doch zu Grunde gehen; Sein Rathschluß ist unerforschlich; aber bis es geschieht, hoff' ich auf Seine Gnade. Sei getrost, Weib, Er wird uns Brod und einen braven Eidam senden!" Er setzte die Mütze ans das, nach Sitte der Strenggläubigen glattrasirte, nur voll einem verschossenen Käppchen geschützte Haupt und faßte den Stock. „Leb wohl! Bis Abend bin ich zurück!" „Noch ein Wort." sagte sie. „Ueber Ihn?" fragte er abwehrend. „Nein . . . Mein Vater selig pflegte zll sagell: „Sei klllg rmd hilf Dir selbst, dann hilft Dir auch Gott!" Und mein Vater selig war auch ein frommer Mann . . Aber etwas Anderes will ich Dir noch sagen. Du kannst ja Mendele auch von unserer Absicht reben, den Eidam bei uns anfzllnehmen, dem jungen Paar und, so Gott will, den Killderchen für einige Jahre Unterhalt zll geben. Aber das darf ilicht die Hauptsache fein. Denn erstens ist ja jetzt Alles ungewiß, und selbst tnenn es sich wieder ordnet, so fiuben wir doch schwerlich einen frommen, kräftigen, braven Jüngling, der sich m solche Armuth Hineinsetzen will. Der findet ja, wenn er sich mit der Kost als Mitgift begnügen will, leicht Besseres. . „Aber kein solches Mädchen!" wandte er ein. „Sind wir Christen?" erwiederte sie. „Kennt man bei uns die Dummheiten mit der „Liebe"? Heirathet mall bei mls der Schöllheit wegen? Wenn ein Mädchen brav und gesund ist, so fragt man nicht nach dem Gesicht! Darum mußt Du Mendele vor Alleur fragen, ob er uns llicht Einen weiß, der ein Mädchen mit Geld vergeblich suchen würde. Ich meine einen ältlichen Wittwer mit vielen Kindern, oder einen kranken Mann, der Pflege braucht . ." Er taumelte zurück, als hätte ihll ein Schlag getroffen. „Chane!" schrie er auf. „Uilser blühendes Kind!" „Glaubst Du," fragte sie mit zuckenden Lippen, „daß es mir leicht fällt? Aber was hältst Dll für die größere Süllde gegen Gott: daß wir sie einem solchen Manne geben, oder daß sie ledig bleibt? Ulld was für ein größeres Unglück: daß sie durch eineil solchen Malm versorgt lvird oder mit lms betteln muß? Also — Du ulllßt es Mendele sageil! ... Es llluß ja llicht hellte sein", fügte sie bei. als sie sah, wie bleich er geworden, „aber geschehetl lllllß es. Hörst Du?" Er llickte nur. „Dann lieber hellt als morgen!" würgte er erldlich hervor, lmd die krunlulen Beine hasteten vorwärts. Aber nicht lange; als er die letzten Häuser des Dorfes hinter sich hatte und das Wäldchen betrat, das sich an der Straße gegen Halicz hinzieht, schlich er inlmer langsamer dahin, und das Köpfchen mit denl dünnen, grauen Bart senkte sich immer tiefer auf die Brllst. Endlich hielt er ganz an, blickte sich scheu um, als hätte er Heimliches vor, und schlich ins Wäldchen. Dort sank er auf bem Wurzelwerk einer Bliche nieder und begann zu weinen — zll weinen — stromweise brachen ihm die Thränen aus den Augeii und ranneil über die gefurchten Wangen. Das war eine Seltenheit bei dem Männchen; er hatte seit langen, langen Jahren nicht mehr geweillt, seit jenem Tag vor fünfzehn Jahreil, wo er sein eillziges Bübchell begrabeil. Nur zweijährig war das Killd geworden, war immer schwächlich gewesell, hatte lloch nicht sprechell gelernt, unb doch war ihm sein Tod wie ein Schwert dlirch's Herz gegangen. Denn der Arzt hatte ihul gesagt, daß feinem Weibe keine Mutterfreuden mehr gegönnt seien, und mir eine Tochter haben, feinen Sohn, der das Geschlecht fortsetzt und die „Jahrzeit", den Todestag der Eltern, durch sein Gebet heiligt, ist das tiefste Weh, das den frommen Juden treffen kann. Er hatte nie geglaubt, daß ihm je ein ähnliches Weh zubestimmt sein köllnte, nnb mm war es doch so gefonnnen. . . Leib Weihnachtsknchen meinte selten, und darum erleichterten ihm die Thrällen allch diesmal das Herz, lvie eiilsi nach dem Begrübniß des Knaben. Und diesmal noch weit mehr, denn nun war's ja nur erst eine Gefahr für sein Kind, die ihll so schmerzvoll erschüttert, freilich weit mehr der Gedanke, daß er dazu vernrtheilt sei, die Gefahr mit eigener Halld auf das theure Haupt zll teufen. Aber er ersparte ihul dies vielleicht, unb die Gefahr war ja lloch nicht da.. . Er band den morschen schwarze:: Tuchgürtel los, der seinen Kaftail zusanlmellhielt, unb benutzte ihn als Taschentuch, sich die Thräueu abzutrocknen. Daß der Gürtel abfärbte unb ihm über das faltige, nun geröthete Antlitz seltsame, schwarze Striemen zog, sah er nicht. So saß er, nachdem sich das wohlthätige Gewitter enttaben, noch lange mit ftUleiu Antlitz, mit gestilltem Herzen lmter der Bliche. Nllr zllweilen noch brach ihm ein verspätetes Thräulein aus den Lidern unb rann übers Gesicht; er wischte es hastig weg, daß die Strielnen nun vollends seltsame Figuren auf Stirn n'.ld Wangeil bildeten. Das war, als ihn der Gedanke iiberfam : „Und ich Esel Hab' mich gefreut, daß sie nicht jüdisch aussieht. Was nutzt ihr das? Soll sie denn einen Christen heirathen? Unb könnt's ihr allch Hinein Loth an dem Centner ersparen, den sie dnrch's Leben schleppen wird? Hält' es mir was erspart? Und wenll meine Beine grad'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.