Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 477 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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477 ckhschätzung 'rstehe mtb als eine , oder mit lschaftlicher rum; noch llzusehr in Sine} beim e Stimme, lthums — ansfordert, : auch ans lachst doch er Neuzeit;c sich neu cn Kampf das Alte abscheuen, t, unanfnn in der -leben der il braucht ob. Soll ißmui für der Unsetzgebung m frischen;d;c seiner Stndiren sie haben Sprachen enn „das , sondern ^reifenden :t ist die ers aber igion im aber der Kaum 8 heran- ) zn ver- Schriften hum mit : Feinde, terst das ens verlich des er Hans, ris : licht welche pimtt ist er Folge der sich nd zum )euthum n, fuhrt An uns liecht es, diesen Lebensnerv nicht verkümmern zu lassen, sondern ihn zu hegen und zu pflegen. Der Talmud soll wie ehemals unser Leben und Denken beherrschen, er soll jenes verschönern, dieses schärfen. Er soll wieder einziehen in Haus und Schule, dein reifen Alter ein würdiger Gegenstand der Forschimg, der Jugend ein anziehendes Studium sein. Die führenden Männer und die Lehrer des Judenthums müssen es verstehen und müssen Alles aufbieten das Interesse dafür zn wecken. Und dieses zu bewirkendst die kritische Methode allein im Stande. Wir wollen keineswegs eine Verflachung des Talmndstudiums, vielmehr eine Vertiefung desselben. Die trockenste Halacha bietet des Lehrreichen und des Interessanten genug dar; jede Halacha hat eine Geschichte, sie ist zu einer bestimmten Zeit ausgetreten. hat einen blos theoretischen oder einen praktischen Werth, sie erhielt sich oder erhielt sieh nid)t für die Tauer, besteht jetzt noch in Rechtskraft oder nicht, sie ist ans der heiligen Schrift gefolgert oder eine rabbinische Tradition, sie ist an einen Namen geknüpft oder sie ist anonym gehalten, sie ist in hebräischer oder aramäischer Sprache abgefaßt, steht nicht vereinzelt da, z. B. in der Mischna, sondern kommr auch z. B. in Thosefta, in Sifra, Sifre oder sonst in einer alten Quelle vor, und zwar mitunter in abweichender Form in eineranderen Umgebung, sie wird anders aufgefasit im jerusalemischen, anders im babylonischen Talmud, sie hat sachliche Parallelen in der griechischen, römischen oder persischen Gesetzgebung, sie hat eine polemische Spitze gegen das Heidenthum oder — obzwar selten — gegen das Ehristenthum, sie reflektirt ruhige oder kriegerische Zeiten, sie ist kulturhistorisch, in religiöser oder ethischer Beziehung merkwürdig — kurz, bei richtigeur Verständnisz ist keine Halacha so tunten, daß sich ein an modernes Studium gewohnter Jüngling mit Uumnth von ihr abwenden müßte. Vollends aber der Midrasch und die a g ad i scheu Partien des Talmud — wie fesselnd, wie lehrreich! welch' erhaben poetische Sprache nnb doch wie kindlich einfach! Das muthwillige Spiel der Phantasie wechselt ab mit der nüchternsten Logik; ein kurzer sinniger Denksprllch folgt auf eine verschwommene Heiligenlegende; eine interessante historische Notiz reiht sich mintitteb bar au den häuslichen Zwist irgend eines Kleinkrümerpaares an; bald lesen wir die Charakterzeichnung eines mächtigen römischen Imperators, bald die halsbrecherischen Sprünge eines Jongleurs; bald befinden wir uns im Gewühl der großen Weltstädte Rom, Alexandrien, Antiochien, bald zwischen den düsteren Trümmern Jerusalems und Samariens; Historisches, Geographisches, Mathematisches lösen sich ab; überall Leben nnb Mannigfaltigkeit, überall Witz tmd Geist, nirgends wird's einförmig und widerwärtig. Alljährlich widmen sich zahlreiche jüdische Jünglinge dem Studimn der klassischen Alterthumswissenschaft, und viele unserer Glaubensgenossen haben sich bereits auf diesem Gebiete hervorgethan. Nun würde aber ein beträchtlicher Prozentsatz dieser Alterthumsforscher gewiß auf die jüdische Alterthumskunde entfallen, meint es unsere Talmndisten verstünden, die rabbinische Wissenschaft auf die Höhe anderer philologischen Disziplitten zu bringen. Die großen Begründer der modernen jüdischen Wissenschaft, Rapoport, Zunz, Frankel, Dukes mtb Andere haben den Weg gezeigt, der in das Innere des Talmud führt; die Nachkommen kömtten nunmehr ganz in denselben eittdringen. Neben der wissenschaftlichen Seite des Talmud müssen wir hier anch seine Bedeutung als Quellenwerk für die Religion des Jndenchums in Augenschein nehmen. Unsere Theologen und unsere Rabbitteit rekurriren bei jeder ztt erörternden religiösen Frage bekanntlich auf den Talmud. Daß jeder Rabbiner int Stande ist, wenn es noth thut, den Talmud einznsehen, galt bisher für selbstverständlich. Aber schon werden Klagen laut, daß eine jüngere Generation von Rabbinern auf dem Plan erscheint, welche diese vorausgesetzte Fähigkeit nicht besitzt. Man verzeihe uns die Offenheit, mit der lvir dieses heikle Thema behandeln, aber „es ist gut ein Wort ztt sprechett zur rechten Zeit". Die Klage ist leider nur allzusehr begründet und wir müssett darauf reflektiren, ohne die Absicht ztt haben, irgettdwie böses Blut zu machen. Auch diesem Hebel wäre abgeholfen, wenn die althergebrachte Methode des Talmudunterrichts der von uns empfohlenett kritischett Platz machett würde. Die modernett Rabb'uter, die zumeist eine akademische Bildung besitzen, köunett sich den Talntnd nicht zurechtlegen, sie können sich mit seinem Geiste nicht befreunden, er hat für sie kein Jitteresse. Junge Leute, die in Gymnasien und ans Universitäten mit der festgefügten Grantmatik einiger Sprachen bekannt wurden, hören nun in jüdisch-theologischen Anstaltett den Talmud in einer Sprache, die jedweder Regel Hohn spricht; er findet hier verschttörkelte Formen und Wortbildtmgett, die ihn fremdartig anmuthen. Der Talmudjünger befaßt sich mit einem Texte, den er nicht korrekt lesen kann, nnb sein Lehrer ist ebenso daran. Tie vernachlässigte fehlerhafte Aussprache des Talmndischett ist übrigens ein erbgesessener Fehler, der bereits vor 900 Jahren von dem berühmten Sprachforscher Abulwalid Merwan ibtt Ganach gerügt wnrdc. Wie sehr wenig aber unsere Rabbinerschulen das Bedürfnis; fühlen, diesem Hebel abznhelfen, beweist der Umstand, daß wir über das Talmudische außer einem kleinen Ansätze Luzzatos noch keilte Grammatik besitzen. Wie viel wäre für das Talmudstudium schon dadurch gewonnen, wenn der Vortragende feinem reifen Hörerkreise zeigen würde, daß trotz Ungebundenheit, Regellosigkeit mtb Dekomposition der Genius der Sprache sich auch hier nicht verleugnet, daß die scheinbar unerklärlichen Formen nach auch sonst giltigen Sprachgesetzen geschaffen sind, daß z. B. die Sprache des babylonischen Talmud mit dem mandäischen Dialekt der syrischen Sprachgruppe die größte Aehulichkeit habe, daß der erwähnte Dialekt nur vermittelst des Talmudischen verstanden werden kann — kurz, wenn er Gesetz und Regel anfzeigen würde, anstatt das feine Sprachgefühl vieler seiner Schüler durch seilt Kauderwelsch zu verletzen. Natürlich hätte er dann weniger Zeit, sich in Spitzfindigkeiten und Haarspaltereien zn ergehen, die endlosen Diskussionen der vielen „Waffenträger" des Talmud mit dem vielen nutzlosen Geklirre müßten dann zum Opfer fallen. Man glaube nur nicht, daß damit der Talmud minder gut ausgelegt wäre; der einfache Wortnnu genügt in den meisten Fällen, und der ist auf philologischem Wege am leichtesten ztt fittden. Aber selbst angenommen, daß dadurch die vom Talmud unzertrennliche Dialektik tticht zur vollen Geltung käme, so wäre der Schade doch nicht zu beklageit, da eben diese spitzfindige Dialektik es ist, die den Lernenden am meisten verwirrt und ermüdet, und die von den sonstigen Disziplinen, mit denen er sich befaßt, so sehr absticht, daß ihm das Studium des Talmud ordentlich zur Last fällt. Man weiß aber, was es zu bedeuten hat, wenn die studirende Jugend ben Lehrgegenstand lästig findet: sie lernt ihn mit Widerwillen, sucht Uou ihm sich zu befreien, es ist ihr nur darum zu thun, das Examen in irgend einer Weise zu bestehen, wobei sie bett Lehrer auf mannigfache Art zu hintergehen versteht. Das heutige System des Talmudunterrichts hat in der That diese Unbeliebtheit des Gegenstandes zur Folge. Während die anderen Fächer aus freiem Antriebe betrieben werden, studirt man den Talmud nur zwangsweise. Und dies natürlich nur so lattge und so weit, als der Zwang ausgeübt wird; hört dieser durch die Entlassung oder den Austritt ans der Schule auf, so ist es auch mit dem Studium des Talmud aus. Zudem ist es bei dem heutigen Lehrsystem unmöglich, aus dem Talmud ebenso ein bestimmtes Pensum obligatorisch zn machen, wie es mit anderen Lehrgegenständen der Fall ist; dies macht wiederum die Flucht Demjenigen leicht, der entrinnen will.