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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 476

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 476 (sequence 10)
Language
German
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476 beutcnbfte Grundbuch bei* jüdischen Lehre ist, weil er zwei Jahrtausende hindurch das jiidische Leben geordnet und geregelt hat, mithin sozusagen ein kanonisches Ansehen genießt; das sind aber Züge, die dem Talmud nur von außen her anhaften, iusgesammt nichts Anderes, als ein Produkt der Zeit, denn diese erst hat es dargethan, daß der Talmud zmn Grundbuch des Judenthnms geworden und daß er seit seinem Entstehen von keinem andern jüdischen Werke überholt worden ist. Das kanonische ^Injeöen des Talmud ist ein rein nebensächliches Moment, das ebensogut hätte ansbleiben können, ohne daß der Talmud als litterarisches Erzeugniß eines ganzen Volkes und einer ganzen Epoche dadurch im Werthe beeinträchtigt worden wäre, ein Moment, welches im Grunde geuonnuen doch nur vorn Talmud als Ganzes betrachtet ausgesagt werden kann, da dieses Riesenwerk sofort einen andern Charakter gewinnt, wenn es in seine Bestandtheile zerlegt wird, wenn nach der anatomischen Prozedur gleichsam der Geist aus demselben entwichen und nur das Gerippe zurückgeblieben ist. — Wie es mm aber verfehlt ist, an beu Talmud einen Maßstab anzulegen, der ihn als ein einheitliches Werk, als ein in sich abgeschlossenes geistiges Erzeugnis; mißt, ebenso ist es ein Jrrthum, dieses Werk in seiner Gesanuntheit nach einzelnen Ansspriichen, nach „auserlesenen" Stücken benrtheilen zu wollen; es ist dies ein Fehler, den sich zumeist die prinzipiellen Gegner des Talmud zu Schulden kommen lassen, indem sie. befangen von Vorurtheil, geleitet von Böswillen, sich aus dem Talnnld eine Chrestomathie zusanuuenstellen, die Alles enthält, nur das nicht, was Chrestomathie besagt: Gutes und Lehrreiches. Die Wahrheit liegt offenbar in der Mitte der beiden Richtungen : jede Stelle, jeder Allsspruch, jeder Saß des Talmud ist ein Ding für sich, das gleichsam eine Sonderexistenz führt, ein Ding, lvelches an sich schön, geistvoll, erhaben sein kann, welches also durch die Verallgemeinerung, welche das Einzelne in der Regel nicht hervortreten läßt, nur verlieren würde; es fanit aber mitunter auch ein häßliches, nutzloses, ja geradezu schädliches Objekt sein, 1111b ein solches muß eben erkannt und, wenn es erforderlich sein sollte, sogar bloßgestellt werden, keineswegs aber soll es durch die Verallgemeinerung partizipireu an dem Glanze, der das Hohe und Erhabene trifft. Die Sonne, welche die Spitzen und Höhen der Berge verklärt, läßt Schluchten und Abgründe unbeleuchtet und unerwärmt. . . Es tritt somit an jeden Talmudbeflissenen die Aufgabe heran, bei der Lektüre oder dem Studium des Talmud behutsam vorzugehen; es gilt den Stoff zu sondern und zu sichten, den Inhalt zu prüfen und zu erwägen, d. h. mit einem Worte: Kritik zu üben. Es ist uns unbegreiflich, warum man sich in jüdischen Kreisen vor dem Worte Kritik so sehr scheut. Eine gerechte, nüchterne Kritik kann den Werken, die wir zu unserer Natiouallitteratur rechnen, villigerweise nichts auhaben. Es ist natürlich nicht die Rede von derjenigen Kritik, die mit sträflichem Behagen ihre Vorlage zersetzt und zerstört, die da tadelt und spottet und mit Hohn den Mund vollnimmt: Dies ist Haß und nicht Kritik. Wir können uns aber eine Kritik denken, die einzig und allein das bessere Verstäudniß ihrer Vorlage zum Zwecke hat. Diese Kritik macht sich mit Liebe —sagen wir Vorliebe, aber durchaus nicht mit Vorurtheil — an ihren Text heran: ihr ist der Text ein heiliges Vermächtnis;, das nicht veräußert werden darf, ein Ueberbleibsel der alten Zeit, das zum Gegenstände der Pietät geworden ist, ein kostbarer Besitz, gestempelt mit der Marke der Ueberlieferung, lvelche die einzige Handhabe ist, vermittelst welcher man ihn an sich ziehen kann. Und mau täusche sich ja nicht, daß ein richtiges Verständnis; auch auf andere Weise zu erzielen ist: eine vielhundertjährige Erfahrung steht hier der Theorie zur Seite. Nur wolle man einem Werke, wie es der Talmud ist, keine Buchstabenheiligkeit zusprechen; man schweige von einer absoluten Werthschätzung dort, wo eine solche sich lächerlich ausnimmt; man verstehe und bewundere, aber man übertreibe nicht und vergöttere nicht. Wir verstehen also unter Kritik nichts Anderes, als eine angemessene philologische Interpretation des Textes, oder mit andern Worten; Die Auslegung des Textes in wissenschaftlicher Weise. Wir wissen es nur alrzmvohl, daß diese Forderung noch lange, lange nicht durchgreifen wird; die Geister sind allzusehr in der althergebrachten dialektischen, oder — nennen wir das Ding beim Namen — pilpulistischen Methode befangen, als daß die Stimme, die zur Ehrenrettung des Talmud und mithin des Judenthums — Judenthum und Talmud sind einmal unzertrennlich — anffordert, vernommen und befolgt werden sollte. Aber wenn wir auch auf keinen durchgreifenden Erfolg rechnen, so wollen wir zunächst doch einen Kampf der Geister heraufbeschwören, einen Kampf der Neuzeit mit dem Mittelalter. Jede geschichtliche Erscheinung, die sich neu ins Leben ringt, muß mit dem Vorhandenen vorerst einen Kampf bestehen; Trägheit und Argwohn werden sich immer für das Alte und Hergebrachte erklären, das Neue und Unbekannte aber verabscheuen, während das Leben und die Schaffenslust vorwärts treibt, unaufhaltsam dem Zweckdienlichen zustrebend. So wenig es nun in der Natur einen Stillstand giebt, so wenig kann das Geistesleben der Völker in einen enggezogenen Kreis gebannt werden; das Leben braucht Kampf und Bewegung, Stillstand ist gleichbedeutend mit Tod. Soll das Judenthum fortleben — und es soll nach göttlicher Verheißung für ewige Zeiten bestehen — soll es trotz seines Alters, trotz der Unveränderlichkeit und der ewigen Verbindlichkeit seiner Gesetzgebung ewig jung und ewig frisch bleiben, so muß es eiuathmen den frischen Luftzug der Zeit, es muß das ewig Wahre und Göttliche seiner Lehre erfassen und festhalten mit jugendlicher Begeisterung. Nicht umsonst haben unsere Weisen das Lernen und Studiren der Thora als oberste Pflicht des Judenthums hingestellt; sie haben die Wichtigkeit des Erkennens und des Wissens in kernigen Sprüchen mit tiefeindringendeu Worten unzählige Mal eingeschärft, denn „das Lernen führt zur That", „nicht die That ist die Hauptsache, sondern das Lernen". Die betrübende Erscheinung von der tagtäglich umsichgreifenden Abnahme der Ausübung der jüdischen Religionsvorschriften ist die Folge des Umstandes, das; unseren Zeitgenossen, besonders aber der Jugend, der Sinn fürs Judenthum — nicht für Religion im Allgemeinen — gänzlich abhanden gekommen ist; wie soll aber der Sinn dafür geweckt werden ohne Lehre und Unterricht? Kanin wagt man es heutzutage, an die Jugend mit der Forderung herauzutreten, daß sie den Text der heiligen Schrift in der Ursprache zu verstehen lerne; von Mischna, Talmud und anderen rabbinischen Schriften ist überhaupt keine Rede mehr. Und doch ist das Judenthum mit dem Talmud innig verwachsen — einen Beweis liefern unsere Feinde, die in ihrem Kampf gegen das Judenthum instinktmäßig zuerst das festeste Bollwerk desselben, den Talmud angreifen. Vergebens verwahrt man sich dagegen, das; der Talmud das Gesetzbuch des Judenthums bilde; wer wollte es in Abrede stellen, das; unser Haus, unsere Gemeinde, unser Gottesdienst, unsere religiöse Praxis nicht auf talmudischeu Bestimmungen beruhen? Man nehme lvelche Schattirung des Judenthums immer, der talmudische Standpunkt ist unverkennbar, und diesen Standpunkt müssen wir auch in der Folge einnehmen, wenn wir nicht nntergehen wollen. Der Geist, der sich in der heiligen Schrift offenbart, ist eben durch den Talmud zmn jüdischen geworden, darum ist nur das talmudische Judenthum lebensfähig, das antitalmudische, wie z. B. das Karäerthum, führt ein schattenhaftes Dasein.

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