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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 475 (sequence 9)
Language
German
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475 eliminiren. So wurden der Spitalprimaraugenarzt, Herr Dr. Kuzel, und dessen Sohn, einer der fähigsten Beamten im Finanzministerium, im Range als ältester Nnterdirektor, Knall und Fall aus dem Dienste entlassen. Es bleibt fraglich, ob Fürst Ferdinand von gleichem bulgarischen Geiste wie seine Kronräthe erfüllt ist. Uns ist der Fürst als eifriger Katholik betmntt; somit wird er wohl jener Propaganda fides der Prawoslawny kühl gegenüberstehen — allein dessen Unterschrift fignrirt auf allen Akten der Intoleranz und der Rechtsentziehuilg. Der nimmermüde antisemitische Spiritus wird nicht rasten und nicht ruhen, bis er die Juden einem völligen Zustande der Gesetzesuud Rechtlosigkeit ansliefern wird. Nun aber wollen wir uns die spagnolischen Jude,. selbst näher besehen — die sogenannten deutschen und polnischen Inden kommen ihrer geringen Zahl wegen nicht in Betracht. Die Spagnolen stehen im Verhältnisse zu den übrigen Landeseinwohnern wie 30,000:3,000,000 (also 1 pCt.); ihre Vermögensverhältnisse sind im Allgemeinen so niedrig, dag sie zur Führung eines europäischen Familieuhanses kaum ansreichen würden. — Die Zahl der Wohlhabenden beträgt kaum pCt. Ihre Genügsamkeit erspart ihnen den harten Kampf ums Dasein und die Türkei, welche die Erwerbsquellen ihrer Unterthanen nicht 511 unterbinden pflegte, war den Juden eine gütige fürsorgliche Regierung. Allei,l die Bulgaren können es kaum noch vertragen, das; noch Juden unter ihnen leben - und mißgönnen ihnen jedes Unternehmen, wobei irgend ein Nutzen herausschallt. Bei alledem könnten die Russifizirllng, die Anschläge gegen die Gleichberechtigung keine solchen Fortschritte allfweisen — wenn die Juden selbst ihre bürgerlichen Rechte z,l wahren wüßten. An, schlimmsten ist es mit den Juden Sofias bestellt, welche in der Intelligenz und Weltanschauung sehr zllrück sind. Die wenigen Extremfortschritller haben ihren Sinn auf ganz andere Dinge gerichtet. Kein Wunder, wenn keine thatkrüftige Repräsentanz an die Spitze der Genwinde Sofias tritt, ebensowenig kann es noch Jemand befremden, daß die Führerrolle, die Sofia zufallen müßte, gar keine Träger für diese Würde und Bürde findet. Die Gemeinden zweiten Ranges wie Philippopel lind Rustschuk besitzen wohl die geeigneten Elemente — allein nicht auch die Möglichkeit, die latlfendeu Angelegenheiten an Ort und Stelle zu prüfen und zu behandeln. Deswegen protestirteu die bulgarischen Jllden, welche ja keine Ahnung von alledem, was sich in der Hauptstadt für sie vorbereitet, nicht gegen alle Rechtsverletzungen. Die Gemeinde in Sofia ist nunmehr eine Masse von Schafen ohne Hirten — ohne Leiter — nur der stellvertretende Chacham Jzchak Bakisch leitet monoton sein Amt und spricht den streitenden Parteien zweimal wöchentlich Recht. Die jüdische Schule wird von keinen, sachkundigen Manne inspizirt — und ist dieselbe seit zwei Jahren auf eine Knabenschule reduzirt. Wir wollen von den Lehrresultaten nicht sprechen. Bei diesem Chaos, bei dieser Zersetzung der Gemeinde in Sofia, scheint die Besetzung des Großrabbinats in die Ferne gerückt, obschon die Nothwendigkeit eines inlponirenden Vertreters der bulgarischen Inden inuner dringender wird. Nach einer Version, welche hier cirknlirt, will die Gemeinde in Sofia gar nicht mehr zur Besetzung dieses Postens schreiten, und die Regierung, ungleich der Stambulowschen, sieht es sogar recht gern, wenn die jüdische Gemeinde keine wissenschaftliche Autorität und keine Achtung gebietende rabbinische Repräsentanz besitzt, welche die Maßnahmen der Regierung zu beobachten in der Lage ist. An dieser Stelle möchte ich jenen Rabbiner warnen, loelcher durch Bittgesuche an den Prinzen wie an die Regierung in so häßlich devoter Weise sich um die hiesige Stelle beworben und mit Telegrammen diese seine Kandidatur zu forciren sucht. Das unschickliche Verhalten tritt besonders in einem an die Gemeinde gerichteten Telegramm hervor, in dem derselbe der Gemeinde kund und zu wissen thut: er sei bereits reisefertig und wolle drei Monate unentgeltlich in Sofia weilen, um die Schule einzurichten! — Natürlich wurde diesen, Manne gar nichts erwiedert. Wollen wir hoffen, daß das Gesagte alle andern Kandidaten von einer derartigen Sturn,- und Drang,verbung abmahnen wird. Resumiren wird nun, was wir in, Interesse unserer Brüder in Bulgarien als dringend erachten. In erster Linie muß das Großrabbinat so rasch als möglich besetzt werden mit einen, Manne von hoher Intelligenz, großer jüdisch-talmudischer Gelehrsamkeit, um mit Kopfeslänge über die Chacham'm, der Balkanhalbinsel hervorzuragen, damit sie ihn ehrfürchten und von rhu, Lehre anuehmen. Der Oberrabbiner muß mehrere fremde Sprachen beherrschen, um der Regierung, welche so viel von ihren Kenntnissen hält, zu imponiren. Der Oberrabbiner darf nicht der Flaumbartzeit angehöre,, und muß in hervorragenden Ge,neiuden ein Rabbinat bekleidet haben. Ter Oberrabbiner n,nß nicht der neuen, sondern der entschieden fron,,neu Richtung angehören, jedoch werden die Spagnolen nicht davor zurückschrecken, wenn der Gottesdienst in würdiger und nwderner Form abgehalten wird. Auch die Reorganisation aller Gemeinden dürfte seinen, organisatorischen Talente auhein,fallen. Allein mit allen diesen Arbeiten wird eine selbst hochbegabte Natur nicht fertig und erheischen die 22 Gemeinden noch einen z,veiten Lokalrabbiner, welcher das Rabbinatssekreiariat, die städtlsch-rabbinischen Agenden und die Direktion der jüdischen Schale zu versehen haben wird. Dieser Rabbiner soll aus der jünger,, Generation entnonnnen werden — ebenfalls einer der Tiichtigsten. Den Kostenpunkt, welcher hier ein wahrer Stein des Anstoßes werden kann, da es die inateriellen Verhältnisse nicht gestatten, n,achte man durch die Allianz israelite universelle gedeckt wissen, jene illnstre Körperschaft, die Jahr ans Jahr ein Tansende für die Sofianer Inden ansgiebt. Die Alliance braucht ihr Budget nicht zu überschreiten, sondern den, neuen zlveiten Rabbiner die Direktion der Schale, ,nie deren Honorar zn übertragen, wodurch die leidige Affaire zu Gunsten der Gemeinde, zn Gunsten der hohen Ziele der Alliance und zn Gunsten der Erleuchtung der Geister geordnet werden ,uird. Aber auch den Inden in Bulgarien, wie den Sofianern im Allgemeinen gilt mein Vorwurf, daß dieselben die Zeit, ihre Zustände und ihre Situation verkennen und vergessen, daß sie, wie es scheint, die Wahl des Rabbiners als ihres Oberhauptes deswegen zu hintertreiben suchen, da dieselbe ans einen Tedesco resp. Richtspagnolen fallen nüißte. Mögen diese ihren unbegründeten allm Groll, welcher noch vom Mittelalter her seine schlinnnen Früchte zeitigte, fahren lassen und sich ausraffen zur Wahl eines weisen Lehrers, ehe es zu spät ist! Aas Tatmndstudinm, wie es ist und wie es sein sollte Von Prof. Dr. Samuel Krauß in Budapest. fei’ Talmud hat das Mißgeschick, von Freund und Feind verkannt zu werden. Seine Verehrer halten ihn heilig, nicht in Folge der vielen trefflichen Lehren, die darin enthalten sind, nicht vermöge des Wissensschatzes, der wie in keinem andern Werke hier anfgespeichert liegt, sondern weil er nächst der Bibel das be-

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