Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 474 (sequence 8)
- Language
- German
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474 vermeiden, wodurch dos religiöse Gefühl der israelitischen Jugend verletzt, die Verachtung unseres Glaubens veranlaßt und der Unfrieden zwischen den Konfessionen gesäet werden könnte. (Siu heilig' Amt ist dem Lehrer anvertrant. Er soll die Jugend nicht nur unterrichten, er soll sie erziehen, er soll ihr Berather, ihr Vertrauensmann sein. Jedes seiner Worte soll er genau abwägen, bevor er es allsspricht, und wohl bedeuten, daß das Wort, das „dem Gehege der Zahne" entflohen, viel Unheil allstiften faim. Wie steht es min nach dieser Richtung? Da nu'iffeu wir freilich sagen, daß nrailche Lehrer vieles gegen lillsere israelitischen Schüler verschuldet haben, was sie taiim verantworten können, daß sie dazu beitragen, das jüdische Glaubensbekenutniß in den Allgell der Schüler herabzusetzen und dessell Verhöhnung und Verspottl'.ng 311 bewirken. Ta spricht z. B. ein Lehrer voll „jüdischem Benehmen," wenn zufällig ein israelitischer Schiller besondere Lebhaftigkeit zeigt. Ja, thun deml dies Schüler des cmbeven Bekenntnisses nicht auch? ltnb was hat das Benehmeil eines einzelneil Schülers mit der Konfession zu thlln? Gebietet diese vielleicht Allillaßmlg oder Frechheit? Eill anberer Lehrer mahnt seine jüdischen Schüler zur „christlichen Denulth". Ist die Tenlllth nur eine christliche, oder ist sie llicht eine allgemein illenschtiche Tugend? Wird nicht an llnserem Lehrer Moses die Tugend der Tenluth besonders gerühmt? Ist die Mahnung zur „christlicheil" Temuth and) „christlich demüthig"? Ein anderer Lehrer weist wieder in nicht missverstehender Weise ans den „Geschäftsgeist" der Jlldell hin, als ob unsere Mitbrüder des anberen Bekenntnissen llicht auch gerne gute Geschäfte machten! Einem Anderen sind lvieder llnsere Feste zli viel oder enl Dorn int Auge. So arbeiten gerade oft die Lehrer darallf Hill, das religiöse Gefühl unserer Jugend zu vernichten, während doch das erste Gebot der Erziehung ist, „religiös-sittlich" 311 wirken. Wir verkennen freilich folgendes nicht: Ter Antisemitismus bei unseren Lehrern imb Beamten überhaupt hat absolut keinen konfessionellen Untergrund; wir feiuien sehr viele antisemitische Lehrer und Professorell, welche, lveiln natürlich das Auge der ..Oberen" llicht wacht und welin sie schön geschützt sind, über Religion nnb ihre Vertreter überhaupt in llicht sehr ehrbaren Ausdrücken sich äußern. — Nicht oft genug kanll es lviederholt lverden, was bei uns Antisemitismus genallnt wird, ist eine Spielart der ^ozialdenlokratie, ein Allsflllß der allgemein herrschenden Uuzllsriedenheit, ein Aufdruck des MißlNllths darüber, daß es materiell unserer Beamtenschaft sehr schlecht geht. Uni nur Eines zu erwählien; man verlangt von dem Beamten und insbesolldere vom Lehrer, er möge sich standesgelnäß kleiden, und doch langt dazll das Gehalt eine^ mit nicht allzu zahlreicher Fanlilie. wie soll ich sagell, gesegneten Lehrers nicht ans. So wird der Lehrer oft zu seinen mit mehr GlückSgütern bedachten Schülern in einen sozialen Gegeilsatz gebracht, der sich namentlich den Inden gegenüber oft feindselig und gehässig äußert. Es ist bei uns Sitte, welligstens in wohlhabenderen Familien, Schüler zu Hanse von Lehrern unterrichten zu lassen. Unsere Glaubensgenossen pflegen in der Wahl ihrer Hauslehrer oft eine sehr unglückliche Hand zu zeigen, indem sie ihre Kinder von wütheuden Antiseuuten unterrichten lassen, die es aber dadurch geworden sind, weil das Ameublement in jüdischen Häusern etwas glänzender ist, als sie cs sich anschasseil können; der Antisemit mag den Jtlden nicht, aber sein Geld nimmt er sehr gern. So wird gerade durch die Lehrer das Gegentheil von dem bewirkt, was durch sie geschehen soll. Sie sollerl friedlich wirten, und sic fördern den Haß, sie sollen von der Höhe der Wissenschaft ans Menschen bilden, und sie stellen sich ans den niedrigen Standpunkt des Konfessionalismus, sie sollen versöhnen und sie verbittern; und wenn dann die. jungen Männer mit Verbitterung und Haß im Herzen auf de Universität konnnen, was ist die Folge? Viele unserer jüdischen Studenten werfen alles ab, was sie an Religion mahnt, sie werden geradezu religiöse Nihilisten, andere werden in eine exclusive Stellung getrieben, welche auch nicht der Humanität förderlich sein kann, bei bei andern bewirken Demüthigung und Spott eine gänzliche Vernichtung jeglichen Mannesbewußtseins; die jungen Männer aber christlicher Konfession werden die Helden des Antisemitismus, d. i. eines thierischen Rassentriebes, welcher dem Stärkeren, dem numerisch Mächtigeren allein das Recht einräumt. Aus dem Gesagten ergiebt sich wohl, wo die Keime zu suchen sind für die Feindseligkeit, welche unsere Jugend spaltet. Aus dem Gesagten ergiebt sich aber auch, daß nur Lehrer, welche vorurtheilslos sich der hohen Würde ihres Amtes bewußt sind, im Stande sein werden, unsere Jugend zu dem zu erziehen, was die Römer hunianitas nannten, zu dem, was unsere Bibel so schön bezeichnet mit dem Worte: Men scheu söhne. Austriaciis. Jur Lage der Juden in Bulgarien. Von Dr. R. Vierer in Sofia. (^Vypifer Ländchen, welches durch die breite Wasserstraße der Donau vom rumänischen und russischen Nachbarreiche geschieden wird, nimmt betreffs der jüdischen Angelegenheiten einen krebsartigen Gang. Es gewinnt den Anschein, als sollten nach und nach alle jene jndenfeindliche Verordnungen und Gesetze auch hier in Russophilien in Anwendung kommen. Niemand konnte es vorhersehen, daß Stoilow der Rcchtsgelehrte, Stoilow, der einzige Advokat, welcher die Wrazzaer Blutlüge als solche hinzustelleu gewagt (was andere Advokaten nicht 311 thun gewillt waren), es zugeben würde, den Inden ihre gewährleisteten Rechte zu nehmen. Uns liegt eine von Stoilow und dem Fürsten genehmigte Verordnung. Prawilnik, vor, welche mit der Art der Entsendung und der Auswahl von Aerzten sich beschäftigt, die auf Staatskosten ein Spezialfach im Auslande frequentiren. Da heißt es lmter den Attesten, die ein solcher Medicus beizubringen hat, vor Allein — daß er ein Bulgare sei, im Lande wohne und einen Taufschein ausweise. Man sieht also ganz deutlich, wie der Moskowitismus oder der Rumänismus auch nach Bulgarien eingeschleppt wird. Die spaguolischen Juden haben in der kurzen Zeit eines einzigen Jahres das Recht verloren, als Richter und Staatsanwälte, als Notare zu flingiren, als Aerzte einen höheren Grad durch die Speziälisirnng 31t erlangen, respektive vom Staate hierzu unterstützt zu werden. Ihre Schulen lverden nicht mehr subventiouirt. In der Hauptgemeinde in Sofia verschlvinden die jüdischen Vertrauensmänner aus der Gemeindennd Landesbank-Verwaltung und sind selbst im Rathe der „Handelskammer" nur durch einen einzigen, ganz unfähigen Menschen vertreten. Bedenkt man noch jenen beispiellos dastehenden Judenhaß in der Schulverwaltung, welcher es trotz mehrmaligem Einschreiten seitens der Gemeinde nicht gestattete, daß den jüdischen Gymnasialschülern jüdischer Religionsuutericht ertheilt . werde, und man kann schon aus den Anfängen erkennen, was für einer Zukunft die Juden Bulgariens entgegen gehen. Ferner berichtete man aus glaubwürdiger Quelle, daß das Verbot der Anstellung voll Juden im bulgarischen Staatsdienst seit Januar l. I. in einem Bi nisterrathe beschlossen, und. zur gemeinsamen Pflicht gemacht lvurde, die noch im Dienste befindlichen zu