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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 473 (sequence 7)
Language
German
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473 ihre alten Wohnungen wieder aus. „Da lacht, der im Himmel thronet, uild der Herr spottet ihrer" (Psalm 2, 4).16) So sehr man daher auch von der Ueberzeuguug durchdrungen war, daß das Reich Gottes dereinst die gesammte Menschheit umfasse» werde, so hielt mau doch das Cerenioniolgesetz nur den eigentlichen Israeliten gegenüber für verbindlich; von allen klebrigen erwartete man nichts weiter als die Annahme der jüdischen Gottesmid Morallehre, der sogenaimtcii sieben uoachidischen Gebote. In der That haben auch während der Glanzperiode des jüdischen Proselylismus die sogcnaimten „Gottesfürchtige»", welche die überwiegende Mehrzahl der Uebertretenden ansmachten, mir wenige Geremonialgejetze, wie etwa den Sabbath und einige Speisevorschriste», beobachtet.^) Auf diese Dhatsache können sich diejenigen berufe», welche auch in unserer Zeit den liebertritt z»m Judenthum erleichtern möchten. Es ist bis jetzt nur ein schüchterner Versuch nach dieser Richtung hi» gemacht worden. Auf der Rabbiuerkoufereuz zu Philadelphia, 1809, stellte W ise den Antrag, von den Prosclyten nicht mehr die Beschiieidnug als obligatorisch zu verlange»; in Amerika erklärte sich anßcr dkin Anlragsleücr besonders Bernhard Felsenthal,18) bei uns in Deutschland Abraham Geiger^) für den Antrag. Obgleich es ans der Konferenz zu keinem Beschlüsse gekommen ist, so scheint man doch in Amerika eine laxere Praxis zu üben; wenigstens erkläre ich mir so die von Felscnthal verbürgte Thatsache, daß dort der liebertritt von Christen zum Jndenthnm häufiger vorkomme als der von Juden zum Christenthum.^) Solle» wir auf diesem Wege sortschreiteu, oder ist wirklich davon eine Zerstörung des Judcuthums zu befürchten? I. Darmesteter behauptet cs. Er sagt: „Mit Cercmouieu keine Proselyte», ohne Ceremoiiien kein Judcnthum".^) Sein Landsmauu Hippolyte Rodrigues ist anderer Meinung. Tie Ceremonialgcsetze hallen nach ihm nur de» Zweck, den Monotheismus im jüdische» Volke zu befestigen; jetzt, >vo dieses Ziel erreicht ist, haben sie keine Existenzberechtigung mehr und siird blos ein Hinderniß für die Ausbreitung unseres Glaubens.^) Wir »»aßen lms kein Urtheil darüler an, iver von Beiden im Rechte ist. Es ist eben eine Prinzipienfcage, ivelche Orthodoxe und Reformer von einander trennt. Da sich aber Niemand der Ueberzengung verschließen kann, daß ein Judeuthniil mit Ceremouialgesetz für Nichtjudcn »»annehmbar ist. so läßt sich von vornherein vermlitheu, daß Erstere die Mission abwcisc», Letztere ihr frelmdlich gegenüberstchen werde». Das trifft im Allgemcinen auch zu; jedoch sind auch konservative Männer, wie z. B. Hermann Adler, bckehrungslustig, während sich gerade der Borkämpfer einer radikalen Reform, Samuel Holdheini, als Missiousfeiud bekannt hat.^) (Schluß folgt.) '0) Aboda Sara 2 a—3b; Tancliuma, u'lSEw'SS 8 6, Theil V, S. 16 a ed. Buber. >7) Vgl. des. I. Bernays, die Gottessürchtigen bei Juvenal (Ges. Abh Bd. II, Berlin 1888, S. 71-80). 'S) B- Felsenthal, zur Proselytenfrage im Judenthum, Chicago und Breslau 1878, S. 29. ») Jüdische Zeitschr. für Wissenschaft und Leben VIII., 1870, S. 24. a') B Felsenthal, Kritik des christlichen Missionswesens, Chicago 1869, S. 14. 2i) I. Darmesteter, les prophetes d’Israel, Paris 1892, S. XIII. **) H. Rodrigues, les trois tilles de la Bible, Paris 1867, p. 329. 2S) S. Holdheim, Predigten über die Religion, Band II., Berlin 1853, S. 158. Antisemitismus und Schule in Oesterreich. Brünn, im September. OTfeWifl schießt die verderbliche Saat des Antisenlitismus bei uns in die Halnre. Mit Schändern hören wir von den Großthaten der antisemitischen Ochlokratie tu unserer Reichs- Hauptstadt, mit ihren Führern Lueger und Schneider an der Spitze. Aber auch in den andern Hauptstädten unseres lieben Oesterreich beginnt die Mode dieses allsgehenden Jahrhunderts zu grassiren, itnb welln Einer gar zu dumm wld gar nichts nlehr ist, so tarnt er doch wenigstens Antisemit sein. Es giebt bei ilns einen verschämten tntb unverschänlten Antisenlitismus, einen Antisemitisnnls beiderlei Bekenntnisses. Der erstere nennt sich deutsch-nationale Partei lind will mit dieser politischen Bezeichnling dein schamlosen Kinde unserer Zeit eilten andern Namen geben. Die deutsch-nationale Partei, welche sich gelegentlich aber auch mit den ärgsten Hassern des delltschen. Namens, mit beit fanatischen Jungtschechen verbündet, tuifl das Deutschthnm fetten, indeln es dieses vom Judeuthum reinigt, ohne daß freilich einem solchen dentsch-nationalen Verstände, wenn er überhalipt vorhanden ist, einleuchtet, daß in unfern Ländern mit gemischter Landessprache, z, B. in Mähren, ans dessen Verhältnisse wir besonders Rücksicht llehnleil, das ganze Teutsckthunl langst begraben wäre, wenn cs die vielgeschmähten Jllden nicht gerettet hätten. Beweis dafür mag die soeben stattgehabte Reichsrathswahl im Stüdtebezirke Olmütz—Proßniz sein, wo der deutsche Kandidat Engel, ein wackerer und ehrenfester Charakter, nur mit den Stimmen der Juden gegen den tschechischell Kandidaten durchdrallg. Als Lohn hiersür werden unfere jüdischen Btitbrüder von beit „dankbaren" Deutsch-Nationalen verhöhnt und von den Tscheche)! natürlich boykottirt. So können wir Inden mit den Worten des Propheten sprechen: „Um Leeres habe ich nlich benlüht, tun Eitles meine Kraft verschwendet." Bon den Deutschen so untreu behandelt, von den Tschechen gehaßt und verfolgt und in ihren materiellen Bestrebungen geschädigt, ziehen sich die Juden natürlich innner mehr ans sich selbst zurück; denn auch von den sogenannten Deutsch-Liberalen, die ihren Liberalismus längst dem Ehrgeize einiger Personen geopfert haben, ist nichts inehr zu erwarten. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so hat diese Partei für innner ansgespielt. Nirgends aber spiegeln sich diese traurigen Verhältnisse so deutlich ab, wie in nuferer Schule. Es ist nichts Ungewöhnliches mehr, daß sich die Schüler nuferer Gymnasien und Realschulen in zwei Parteien spalten: in Juden und Nichtjudcn. Die Schule, dieser erhabene Ort des Friedens und der Wissenschaft, ist zunl Tummelplätze der bösen Leidenschaften geworden, welche das Antlitz unserer Jugend in besonders häßlicher Weise verzerren. Was auf den Gymnasien und Realschulen gesüet wird, das entwickelt sich auf der Universität zur verderblichen Ernte. Unsere israelitischen Studenten ziehell aus dem Haß, der ihnen hier mit verzerrtem Gesicht entgegenstarrt, eine doppelte Folgerllng, entweder sie werfen sich der Sozialdemokratie in die Anne, oder sie schließen sich zu jüdischen Vereinen znsalnmen, tute wir einige an unsern Universitäten schon haben; ihre Zahl wurde nun auch durch die Gründung einer „jüdisch-akademischen Lesehalle" in Wien vermehrt, deren Statuten mir soeben vorgelegt wurden. Es mag fraglich sein, ob unsere jüdischen Studenten Damit etwas erreichen werden, ob damit der von allen Guten herdeigesehnte Friede wenigstens unter unserer Jugend wird wiederhergestellt werden; genug, sie üben mit der Bildung dieser Vereine einen Akt der Selbstlvehr, tntb auch das ist zu'loben. Wir glauben aber, daß es besonders an den Mittelschulen (Gymnasien und Realschulen) Pflicht des Lehrers ist, Alles zu

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