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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-04 · Heft 40 (4.10.1895) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 40 (4.10.1895)
Date
1895-10-04
Page
Seite 472 (sequence 6)
Language
German
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472 nnf beit Aussterbeetat, obgleich er so liebenswürdig tmir, demselben >wch eine ziemlich lange Lebensdaner zu proguostiziren?) Diese Behauptung rief unter der englische» Jndenschaft begreiflicherweise eine nicht geringe Erregung hervor, und Hermann Adler, der jetzige Ehies Rabbi von Großbritannien, trat ihm in seiner Chanukkapredigt desselben Jahres energisch entgegen?) Um aber aber Welt darzuthun, welches die wahre Aufgabe des Jndenthinns sei, gründete mau in London einen Verein zur Ausbreitung des Judenthmns unter den Völker», von dessen Thätigkeit allerdings nichts bekannt geworden ist. Freilich, Biax Müller kennt das Judenthnni zu wenig; er weiß nicht, das; den taluindischeu, proselytenfeindlich klingenden AnSspriichcn, die er irgendwo anfgelesen hat, viele andere entgegenstehen, welche das gerade Gegentheil ansdrücken. Aber er hatte doch die Kenngthnnng, das; der (orthodoxe) Redakteur des „Jeivish World" seine Partei nahm?) Er hätte auch Moses Mendelssohn, Samuel Reggio, I. B. Levinsohn und vielleicht noch manche andere Autoritäten als Zengen für die Wahrheit seiner Behandlung nnführen können: — jedenfalls ein Beweis, daß auch innerhalb des JndcnthnmS die Sache kontrovers ist. Wenn inan aber auch unter den Juden hierüber streitet, so ist doch selbstverständlich Niemand der Meinung, daß eine propagandistische Thätigkeit religionsgesetzlich verboten sei. Ein solches Verbot wäre ja eine arge Verkennung unseres heiligsten Berufes. Jn> Pentateuch und in den Propheten wird Israel ein Volk von Priestern, ein Missionsvolk, genannt, das der Welt Licht und Heil bringen soll. Teinentsprechend heißt es a»ch im Talmud, die Juden lebte» deswegen im Exil, um die Völker zur reinen Gotteslchre zu führen?) Was wollen dagegen einige talnindische Aussprüche besagen, die wenig proselytensrenndlich laute»? Jedenfalls berechtigen sie Levinsohn nicht zu der sonderbaren Behauptung: derjenige sei ein srvinnier Narr l.-tlllL' Ten). welcher Andersgläubige bekehren wolle?) Ebeusowenig ist aber Max Müller im Recht, wenn er behanptet. es sei dem Inden niemals eingefallen, „fremde Leute zu seiner nationalen Verehrnngsweise zu bekehren." 8) In den drei Jahrhnnderten, welche zwischen der Makkabäischcn Erhebung und dem Bartochba-Kriegc liegen, hat das Judenthnni eine ebenso energische wie erfolgreiche Propaganda entwickelt. Damals zählte» dieProselhtm nach Millionen»j, und Ernest Havet meint, die Welt wäre jüdisch geworden, wenn die Gesetzeslehrer sich hätten entschließen können, die klcbertretcnden vom Eereinonialgesetz zu dispensiren?") Erst die furchtbare Katastrophe, ivelche unter Hadrian Über Israel hereinbrach, bereitete der jüdischen Missionsthätigkeit ein jähes Ende. Seit dieser Zeit wurde der Uebertritt zinn Jndenthni» wie Mord geahndet. Wie damals ein Versuch der Inden, Proselhte» zii machen, aufgenonnnen worden wäre, mag man ans folgender Anekdote, die der Talnind gelegentlich mitlheilt, entnehme». Ein Kaiser fragte R. Tanchnni: „Warum werden wir nicht Alle ein Volk?" Der Rabbi ch F. Max Maller, Oll Mission®, London 1873, p. 35. 4) 1s Juilaism a missionary faitii V A sermon preaclied at the Baysrvater Synajjogue, Ilec. -10, 187:i. i Abgedruckt im „Jeivish Chronicle" vom 30. Januar 1874) -') ,"y. Max Müller, Chips from a German workshop, tome IV, London 1875, p. 310, 6) Pesachim 87 h. 7) I. B. Levinsohn, Wilna 1828, p. 49. s) Essaps, Band I, Leipzig 1869, S. 222. 9) Vgl. E. Schürer, Handbuch der Neutestamentlichen Zeitgeschichte, Leipzig 1874, S. 604 1") lit'vue politique et litferaire, 13. I'evrier 1875, p. 770. Genau dasselbe behauptet schon Leon dnModenn, eü. Reggio, S 59 erwiederte: „Wir Inden sind beschnitten, wir können nicht werden wie ihr; aber laßt ihr euch doch beschneide», wenn ihr uns gleichen wollt!" Da sagte der Kaiser: „Du hast gut geantwortet; zum Lohne sollst Du auch — den wilde» Thieren vorgeworfen werden!"") — Das römische Gesetz blieb nicht blos wahrend des Alterthnms in Kraft, sondern es wurde auch von den christlichen Staaten des Mittelalters und der Neuzeit übernoinnie», und noch im achtzehnten Jahrhundert kam es vor, daß Christen wegen ihres Uebertrittes zmn Jndenthmn den Tod erlitten.'^) Den Inden selber brachten solche Uebertritte, da sie natürlich immer als die „Verführer" angesehen wurden, die größte Gefahr. Sie waren infolge dessen so eingeschüchtert das; viele Rabbiner den Rath gaben. Nichtjuden, die sich zum Uebertritt nieldeten, der Obrigkeit zu denunziren!13) Auf der andern Seite war die Synagoge, nachdem der letzte Versuch, die nationale Unabhängigkeit wiederzngewinneii, gescheitert war. vor Allem darauf bedacht, durch strenge Abschließnng die jiidische Eigenart inmitten der Zerstreuung zu bewahren. Daher wurden die Bedingungen, unter welchen Proselyten anfgenommen werden sollte», möglichst erschwert. Während noch R. Jehnda, ein Schüler Akibas und Zeitgenosse Hadrians, die Proselytentanfe allein, ohne Beschneidung, für ausreichend erachtet hatte,») verlangte schon dessen Sohn, R. Jose, daß der Uebertretende auf das ganze Gesetz, bis auf alle „Snbtilitäten der Schriftgelehrten" verpflichtet werde,15) und diese Forderung ist gesetzliche Norm, Halacha, geivorden. Also auf der einen Seite stellte der Staat den Uebertritt znm Jndenthum unter das Mordgeseh, auf der andern Seite suchte die Synagoge denselben durch strenge Aufnahmebedingungen zu erschweren: was Wunder, daß während langer Jahrhunderte nur einige Wenige es wagten, Juden zu werden! Die eine Schranke ist jetzt gefallen. Es herrscht Gewissensfreiheit, und der Staat ivürde einer jüdischen Propaganda keinen Widerstand entgegensetzen. Sollen wir nnnmehr die Pforten unseres Heiligthums weit öffnen, um die Anßenstehenden znm Eintritte einznladen? Wir werden schwerlich Erfolg haben, so lange die strengen Proselytengesetze noch als gütig anerkannt werden. Schon unsere Alten haben eingesehen, daß unter den Nichtjuden ganz und gar keine Neigung bestehe, „das Joch der Gesetze" auf sich zn nehmen. Diese Ueberzengniig kommt besonders drastisch in folgender Aggada zum Ausdruck. Am Ende der Tage sitzt der Heilige (gelobt sei er!) mit der Thora im Schooße, um Gericht zu halten. Die Völker nähern sich und verlangen Lohn für ihre guten Werke. Auf die Frage Gottes: „Habt ihr das Gesetz beobachtet, das ich auch euch angeboten?" antworten sie: „Nein! hättest d» es uns aber so aufgezwungen wie den Israeliten, so würden wir es auch angenonnnen haben." „Nun gut," erwiederte Gott, „ich will noch einen Versuch machen: Beobachtet zunächst das Lanbhüttengesetz; es gehört zn den leichteren Vorschriften." Die Völker bauen sich Laubhütten und beziehen sie auch, als aber die Sonnengluth durch die halbgedeckten Dächer brannte, wurde es ihnen unbehaglich, und sie suchten schleimigst ") Sanhedrin 39 a. Vgl. N. Samter, Der Uebertritt zum Judenthnni Eine rechtsgeschichtliche Studie. (Allg. Zeitung des Judenthums 1894, S. 509 fg.) '^ M. Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden des Mittelalters und der neueren Zeit, Bd. III, Wien 1888, S. 155. ") Jebamoth 46 b. ’5) Bechoroth 30 b.; Tosefta Demai 2, 5.

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