Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 471 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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471 In den Sommermonaten der Jahre 1878/79 wohnte in Charlottenburg der Inhaber eines Auskunftsbüreaus in Berlin, Namens Leopold, aus Neustettin gebürtig; dieser hatte den 70 er Krieg als stellvertretender Zahlmeister mitgemacht und als solcher das Eiserne Kreuz am weißen Bande erhalten. — Frau Stadtälteste Carlssohn hier, früher in Dirschau, ist Inhaberin des Louisenordens für Pflege der Verwundeten von 1870. Bei dem Sedanfeste war dieselbe vom Komitee abgeholt worden, um mit noch anderen dekorirten Damen im Zuge mitzufahren. Zittau, 23. September. S. Neubauer. * Ich habe den Feldzug von Anfang bis Ende mitgemacht, bin Ritter des Eisernen Kreuzes II. Klasse, bin in der letzten Schlacht bei St. Quentin schwer verwundet worden und folge dessen Invalide. Ich habe mit meinen zwei Brüdern den Feldzug mitgemacht, alle drei bei einem Bataillon im 2. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 28 und in folgenden Schlachten und Gefechten: Gravelotte, Amiens, an der Hallue, Bapeaum, St. Quentin, Cernirung von Metz, Gefecht bei Berteaucourt, Gefecht bei. Meuse la haute, am Jomkipur, Gefecht bei Mareoning, Gefecht bei Sapignies, Gefecht bei Tertry-Pouilly. Ich habe auch den Feldzug 1866 mitgemacht als junger Soldat, da ich freiwillig zum Militär ging im Alter von 18 Jahren. Honnef a. Rh., 8. September. Michael Meyer, Metzger. NB. Ich habe vier Söhne, wovon der älteste schon bereits 2 Jahre als Freiwilliger beim 7. Königs-Husaren-Regiment dient und der zweite i beim selbigen Regiment im nächsten Herbst eintritt. D. O. i Bon Herrn Siegmund Kayser hier, der 1870/71 an dem Feldzug theilgenommen, sind mir nachstehende Mittheilungen zugegangen. Louis Bernhardt aus Goldberg i. M.. beim Ausbruch des französischen Krieges erst neunzehn Jahre alt, von kleiner aber kräftiger Statur, meldete sich bei dem Mecklenburgischen Jäger-Bataillon als Freiwilliger, wurde aber nicht angenommen, da er das vorgeschriebene Militärmaß nicht besaß. Durch diesen Mißerfolg ließ er sich nicht zurückhalten, meldete sich bei dem Mecklenburgischen Grenadier-Regiment Nr. 89, fand daselbst sofort Aufnahme, wurde ausgebildet und im Oktober mit dem Regiment nach dem Kriegsschauplatz dirigirt. Als Kleinster im ganzen Regiment nahm er an allen Gefechten desselben Theil, ist unverletzt nach Beendigung des Krieges heimgekehrt. Ein älterer Bruder des Bernhardt war bereits als Reservist beim Ausbruch des Krieges eingezogen. Albert David aus Sternberg in Mecklenburg diente 1868/69 als Einjährig - Freiwilliger beim Königs - Grenadier - Regiment in Stettin, wurde als Unteroffizier mit Qualifikation zum Reserveoffizier entlassen. Beim Ausbruch des Krieges meldete er sich in Stettin bei seinem bisherigen Regiment, wurde bald Vize-Feldwebel, erhielt bei Metz das Eiserne Kreuz. Später hatte er sich besonders dadurch hervorgethan, daß er einem höheren Offizier, in einem von Franzosen besetzten Dorfe, der bereits gefangen, mit seiner Truppe zu Hilfe kam und ihn befreite. Von dem Offizier wurde dem General die Meldung seiner Befreiung durch die Tapferkeit des Feldwebels gemacht und seine Ernennung zum Offizier befürwortet. Die Aufnahme in dem Regiment scheiterte aber doch daran, daß bisher kein Jude als Offizier dem Regiment zugetheilt werden durfte. Jedoch auf höhern Befehl wurde seine Ausnahme im Regiment vollzogen. Später, in seiner tzeimath, wurde er von dem verstorbenen Großherzog Friedrich Franz II. nach Schwerin'befohlen und wegen seiner guten Führung und Tapferkeit belobt, derselbe dekorirte ihn selbst mit dem Mecklenburgischen Verdienst-Kreuz. Parchim, 24. September. Albert Elkan. Ich stand während des Feldzuges 1870/71 als Gemeiner beim 1. Bad. Leib-Grenadier-Regiment, 12. Kompagnie (Garnison Karlsruhe). Bei meiner Kompagnie dienten neun Juden, von denen drei Aus- Zeichnungen erhielten, einer den Zähringer Löwen-Orden mit Schwertern, einer das Eiserne Kreuz 2. Klasse und ich die silberne Verdienstmedaille und die badische Friedrich-Militärverdienstmedaille (letztere die höchste badische Auszeichnung, die wir vor dem Feinde erhalten können) und zwar mit dem Diplom für allgemeine Tapferkeit während des Feldzuges. In obigem Regiment haben etwa vierzig Juden den Feldzug mitgemacht und sind etwa dreißig Prozent dekorirt worden. In der Regimentsgeschichte bin ich ehrend erwähnt und ich lege Ihnen als Beleg einen Auszug derselben bei, bestehend in einem kleinen Heft, das im Schulunterricht gebraucht wird. Daß ich aber auch mit den Herren Antisemiten nicht vül Federlesens mache und mir von denselben nicht viel gefallen lasse, werden Sie aus den beiliegenden Flugblättern ersehen, die ich seinerzeit herausgab, als ich von den Herren ohne allen Grund in gemeinster Weise angegriffen wurde. Hochachtungsvoll Graben (Baden), 19. September. Heinrich Baer. In den „Anhaltspunkten zum Unterricht über vaterländische Geschichte" (Karlsruhe 1888) heißt es Seite 27: „Einer der Kühnsten war Grenadier Baer (aus Graben). Da ihm ein Granatsplitter sein Gewehr aus der Hand geschlagen, führte er ein Chassepotgewehr. Zwei Franzosen, welche er beim Sturm auf der Bahnlinie persönlich gefangen, mußten ihm die nöthige Munition sammeln und zutragen. Gehen die Patronen auf die Neige, so ruft Baer zum allgemeinen Gaudium immer wieder mit drollig höflicher Geberde: Allons, Messieurs, des cartouches! Diensteifrig springen stets von Neuem die Beiden herbei." Daß man nicht nur mit der Waffe in der Hand dein Vaterlande dient, bewiesen schon während des vor 25 Jahren geführten Feldzuges alle Diejenigen, welche für die Verwundeten und die hilflosen Hinterbliebenen der Gefallenen sorgten. Zur Unterstützung der in ihrer Erwerbsfähigkeit beschränkten Invaliden spendete der Kommerzienrath Salomon Lachmann unter dem Namen Salomon Lachmann- Stiftung einen Fonds von 30,000 Mark, dessen Verwaltungsbehörde das Kriegsministerium, Departement für das Jnvalidenwesen bildet. — Der frühere erste Vorsteher der Berliner jüdischen Gemeinde, Geheimer Kommerzienrath Magnus, hatte die Ehre, für die Victoria-National- Jnvalidenstiftung, welche nicht nur die erwerbsunfähig gewordenen Krieger, sondern auch andere Funktionäre, Aerzte u. s. w., sowie die Hinterbliebenen Gefallener unterstützt, unter deren erlauchtem Protektor, dem nachmaligen Kaiser Friedrich lange Jahre zu wirken. — Unsere Glaubensgenossen waren überall in den Komitees mit vertreten, welche den während des Winterfeldzuges von 1870/71 in Feindesland Kämpfenden Liebesgaben und den Verwundeten Charpie und Linderungsmittel sandten. Berlin, 23. September. M. F. Sollen die Juden Mission treibend _ Von Dr. N. Samter. (^^^^ontesquieu macht dem Jndenthnm den Vorwurf, es sei A^SiV' bekehrungssüchtig und habe diese seine Bekchrnngssncht, zum Verderben der Menschheit, auf die Tochterreligwn, das Christenthllln, vererbt?) Ganz im Gegensätze hierzu stellt es Lalnenncns geradezu als einen Mangel des Jndenthnnls hin, das; es gar nicht auf Ausbeutung seilles Glanbeils bedacht sei?) Wer hat Rechts Lehrt das Judenthum, sich abzuschliesten, oder die Gotteslehre alten Völkern zu verkünden? Diese Frage ist besoilders lebhaft vor eiiligeil Dezenllieil in England, dem klassischen Laude der Missionen, ventilirt lvorden. Der berühmte Sallskritist Max Müller hatte im Herbst 1873 in der Westminsterabtei einen Vortrag über Mission gehalten, worill er behauptete, alle Religiollell, welche feine Missionen trieben, seien entweder todt oder denl Tode geweiht. Er setzte anch das Jndenthnlll als eine Religion, welche prinzipell jede Propagalida verwerfe, 1) Lettrespersanes,l. LXXXVI (Oeuvres, tome VI,p. 228 edit. Parrelle). 2) F. de la Mennais, Essai sur l’indifterence en matiere de religion, tome III, Paris 1823, p. 44.