Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- Seite 470 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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470 erhabene!'. Weltanffasstmg etwas lernen können, mögen Alle, die es angeht, selbst benrtheiten. Das alte Israel kannte keinen Bnnd der Landwirthe nnd keine agrarischen Gesellschaften, es stellte alle Menschen nnd alle Berufe nnd alle Erwerbsarten ans gleiche Stufe, es kannte keinen Vorzug des Einen vor dem Andern, keine Gliederung mit» Trennung der Stande nnd Klassen, keine „Liebesgaben" als an die wirklich Bedürftigen nnd Armen im Lande. Test' ist das Lanbhiittenfest auch heute noch ein lebendiger Zeuge. In der Ausdehnung aber, welche die Propheten der Idee dieses Festes gegeben haben, liegt hinwiederum das beredteste Zeugnis; für die weltgeschichtliche Mission Israels, welche unsere Gegner so gerne zu bespötteln versuchen, wie für den universalistischen Grundzng des Jndenthnms, welchen es bis auf diesen Tag beibehalten hat und in alle Zukunft nach einem schönen Worte Herders, der nicht blos Dichter, sondern auch christlicher Generalsuperiniendent war, beibehalten wird „bis zur letzten Entwickelung des großen, noch unberührten Knotens aller Erdennationen hinaus." Deun „so etwas laßt sich nicht dichten, solche Geschichte mit Allem, was daran hängt nnd davon abhangt, kurz, solch ein Volk laßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten". Nie Woche. B e r l i n, 1. Oktober. >7^^roßes Aufsehen erregte in der letzten Woche eine Rede des berühmten Rechtslehrers Professor Dr. Sohin, der übrigens c? der orthodox-protestantischen Richtung angehört, auf dem 28. Kongreß für innere Mission in Posen. Das Thema der Rede lautete: „Ter Ehrist im öffentlichen Leben". In der Rede sagte Sohm n. A.: „So wenig es eine christliche Naturwissenschaft geben kann, so wenig kann es geben ein christliches Recht. Trauungszwang, Taufzwang ist nicht christlich, ist ein Widerspruch in sich selbst. Luther hat das christliche Recht verbrannt, damit das Christenthum frei werde. „Weg mit dem christlichen Rechte!" Das ist das Urtheil der Reformation. „Weg mit dem christlichen Staat!" Das ist das Urtheil der Welt, geschichte. Der christliche Staat ist längst vorüber. In unseren Tagen hat man den Versuch gemacht, in abgeschwächter Form die Idee des christlichen Staates zu erneuern. Die Beibehaltung der heutigen Klassenherrschaft ist das Ziel politischer Parteien. Auch darüber ist die Weltgeschichte hinweggegangen. Keine Sünde bleibt ungestraft. Was die Väter sündigten, wird an den Enkeln heimgesucht. Die Folge des christlichen Staates der vierziger und fünfziger Jahre ist die Sozialdemokratie. Der Haß der Massen gegen das Christenthum, gegen Christus, gegen die Geistlichen, der deren Arbeit so sehr erschwert, ist eine Folge der Idee des christlichen Staates. Daher weg mit dem christlichen Staat. Der Staat ist etwas Natürliches. Christus gehört zu keiner politischen, ja zu keiner kirchlichen Partei. Die christliche Liebe giebt auf Rechtsfragen und damit auch auf die soziale Frage keine Antwort." Diese Ausführungen des berühmten konservativen Kirchenrechtslehrers werden gewiß auf Seite seiner eigenen Gesinnungsgenossen lebhaften Widerspruch finden. Tie Idee vorn christlichen Staate ist die Grundlage des ganzen konservativen Parteiprogramms und ihre Ablengnung ist eine vernichtende Kritik der Ziele des konservativen Antisemitismus. Nicht minder sind diese Ausführungen von Bedeutung, für die, die nicht müde werden, das Wort Treitschke's zu wiederholen, die Juden feien das Unglück der Welt. * Mit den Wahlen im ersten A'ahlkörper, die in Wien ohne Störung der Ruhe vollzogen wurden, sind die Gemeinderathswahlen abgeschlossen. Es wird ilns über das Ergebnis; gemeldet: „Bei den letzten Wahlen waren 46 Mandate zu besetzen. Das Ergebniß entspricht ungefähr den Vorausberechnungen. Die Liberalen errangen 32 Mandate, die Antisemiten 12; ein Gewählter ist Wilder, und wegen eines Mandates in Neubau erfolgt noch Stichwahl zwischen dem Liberalen und dem Antisemiten. Bisher hatten die Antisemiten im ersten Wahlkörper sechs Mandate, sie gewannen mithin sechs neue Mandate Der Gemeinderath besteht jetzt aus neunzig Antisemiten, 46 Liberalen und einem Wilden. Nachdem die letzte Stichwahl abermals zu Gunsteu der Antiliberalen ausgefallen ist, verfügen Letztere thatsächlich im Gemeinderath über die so heiß ersehnte Zweidrittelmehrheit." * In Ungarn gehen die parlamentarischen Kämpfe um den Rest der Kirchengesetze wieder an. In dem Abgeordnetenhanse in Budapest begann gestern die vierte Berathnng über das von; Magnatenhause nicht bewilligte Gesetz, betreffend Konfessionslosigkeit nnd den Uebertritt von! christtichen zum jüdischen Glauben. Die liberale Partei beschloß, den Gesetzentwurf betreffend die freie Religionsübnng in der früheren Fassung, nnd die Aufrechterhaltnng der Rezeption der Inden in der Fassung des Magnatenhanses anznnehmen. Die Unabhängigkeits- Partei und die Parteilosen beschlossen, den bisherigen Standpunkt festzuhalten, ebenso die Nationalpartei, welche der Jnartiknlirnng der Konfessionslosigkeit im Gesetze auch jetzt nicht znstinnnt. Schließlich nahm das Abgeordnetenhaus mit großer Majorität die Vorlagen über die Rezeption der jüdischen Religion, sowie über die freie Religionsübnng unverändert in der Fassung des Ausschusses an. Kriegserinnerungrn. Berlin, 29. September. Sndem mir die Veröffentlichung der uns zugesandten Kriegserinnerungen fortsetzen, möchten wir im allgemeinen nur Folgendes bemerken: Die volle Kriegsstärke mit Reserve und Landlvehr war 1870 bis zu 3 Prozent eingezogen. Aus einzelnen Plätzen, wie Spenge, waren 20 Prozent, ans Kattowitz 14 Prozent, ans 6 Orten 10 Prozent, ans 4 Orten 9 Prozent jüdische Soldaten in das Heer eingetreten. Durchschnittlich waren die Juden mit 3 Prozent der Bevölkerung vertreten, und damit ist der volle Antheil der jüdischen Deutschen an dem Kriege 1870 erwiesen. Wenn die Antiseniiten gleichwohl fortfahren, die Kriegstüchtigkeit der Jllden und ihren Antheil an den Siegen des großen Jahres herabznsetzen, so kann uns dies ziemlich gleichgiliig sein. Wir wollen aber darum doch nicht aushören, im Interesse der geschichtlichen Wahrheit nnd der Gerechtigkeit die Thatsachen für sich selbst sprechen zu lassen. * Anbei eine Mittheilung über S. Alexander Müller, der im Kriege mit dem Eisernen Kreuz geschmückt wurde; derselbe wurde bei Gravelotte durch Granatsplitter und Säbelhieb verwundet. Als Rekonvaleszent kam er am 12. Oktober zum Feld-Regiment vor Metz zurück. Am 23. Dezember 1870 hat er an der Hallue mit einer Abtheilung ein Geschütz vorübergehend genommen mit dem Ruf: „Heute ist ein Tag für die Ostpreußen, entweder das eiserne oder das hölzerne Kreuz!" Am 3. Januar 1871 hat er bei Bapeaum den verwundeten Hauptmann aus dem Feuer gebracht. Elbing, 16. September. * Rabbiner Dr. Silberstein.