Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1895)
- Date
- 1895-10-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 40. Allgemeine Berlin» 4. Oktober 1895. eitung öes Audenthuins. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements -Preis: Durch Buchhandel, PostoderdirektvonderExpeditioninBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.AM. Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHUippfon-Konn. Verlags-Expedition: Lerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS Zudeiithums", Berlin! 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. InhüÜ. Leitartikelr Zum Laubbütteufeste. — Die Woche. — Kriegserinnerunaen. — Sollen die Juden Alission treiben? Von Dr. N. Samter. — Antisemitismus unb Schule in Oesterreich. — Zur Lage der Juden in Bulgarien. Bon Dr. S. R. Vierer. — Das Talmudstudium, wie es ist und wie es sein sollte. Von Prof. Dr. Samuel Krauß. — Feuilleton; Leib Weihnachtskucheu und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Pankow. Aus der Provinz Posen. Aus Schlesien. Wien. Budapest. London, St. Petersburg. Melbourne. — Bon Rah und Fern. — Miseellen.. Jum Fautchüttenfrste. Berlin, 2. Oktober.!^l/it dem Sukkothfeste schließt der Kreis der großen Feste des jSyV Herbstes harmonisch ab. Seine Bedeutmig war ursprünglich eine doppelte: als Erntefeier und als Erinnerung an den göttlichen Schutz während der Wüsteinvanderimg. Beide Momente sind in den Gebräuchen dieses Feiertags symbolisch dargestellt. Es ist natürlich, daß angesichts der Strömung unserer Tage das erste dieser beide» Momente unser besonderes Interesse in Anspruch nimmt. Ist es doch vor Allein die agrarische Frage, die unsere Zeit erfüllt und durchwühlt. Die modernen Agrarier könnten, wenn sie die Bibel mehr lesen als im Munde führen wollten, aus der Art, wie das biblische Gesetz die soziale Frage zu lösen verstanden hat, recht viel lernen. Wir sind nicht der Meinung jenes berühniten Rechtslehrers, der neulich in einer öffenilichen Versammlung die Ansicht ausgestellt hat, daß die Religion mit der sozialen Frage gar nichts zu thun habe, daß die gesellschaftlichen Klassen als solche Recht begehren aber nicht Liebe, welche allein ihnen die Religion geben könne. Wie nun aber, wen» die Religion ihnen Allen in ihren heiligsten Urkunde» und Gesetzen doch dieses Recht znspräche, und zwar ein Recht, tvelches höher steht als die Liebe, oder welches mit ihr im Bunde die gleichen Wirkungen zu üben im Stande wäre? In diesem Sinne hat das Judenthum die soziale Frage aufgesaßt, und gerade das Sukkothfest ist ein sprechender Beweis dafür. Es war ursprünglich ein Natllrfest zum Zengniß des Dankes und der Freude für die glücklich vollbrachte Ernte, also ein rechtes Agrarierfest. Wie wurde es aber im alten Israel begangen? „Das Hüttenfest sollst du feiern sieben Tage, wenn du eingesannnelt hast von deiner Tenne und deiner Kelter, und du sollst fröhlich sein an diesem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levite, der Fremdling, die Waise ipid die Wittwe; denn der Ewige hat dich gesegnet im Ertrag deiner Früchte und in dein Werke deiner Hände." Das Gebot der Fröhlichkeit wird aber dahin erörtert, daß man seinen Dank für die segensreiche Ernte durch Mildlhätigkeit und Erbarmen knndthue. Es wird als ein besonderes Gebot für Israel bei jedem Festtage aufgeführt, daß mail an demselben der Minderbegüterte» und Armen gedenke. Zwei Ceremonien waren es vor Allem, durch die inan das Sukkothfest ansgezeichnet, hat und die zur Erinnernng für alle Zeit beibehalten wurden. Die erste war der Feststraiiß, bestehend ans Palinelizweig, Paradiesapfel, Myrthe und Bachweide. Welchen Ziveck hatte dieser Feststranß? Nach der einen Ansicht sollten die vier Gattungeii die verschiedenen Menschenarten darstellen. Wie die eine Gattung Früchte trägt, ohne Duft zu verbreiten, die andere wieder eine genießbare und zugleich duftende Frucht ist, die dritte aber duftig, jedoch nicht genießbar, und endlich die vierte weder diistend noch genießbar ist, genau so ist es auch unter den Menschenkindcrii. Eine völlige Gleichheit ist nicht herzustellen, und der soziale Friede besteht nur darin, wenn lvir die Eintracht des Feststrarißes uns zum Vorbild nehiuen rmd einträchtig zllsamme» wirke». Aber iroch eine andere Bedeiituiig legen die alte» Rabbinen dem Feststranß bei. Alle Güter, die der Himmel nns gegeben, sind durch ih>l symbolisirt: das vollkonimenste Gilt im Elhrog, der alle Vorzüge in sich vereint: Geschmack, Geruch und Schönheit, das weniger Vollkommene im Liilab, dem der Geruch fehlt, das noch welliger Vollkomiiiene in der Myrthe, der der Geschmack fehlt, das U»vollkonnlieiiste in der Bachweide, die jedes Vorzuges entbehrt. Allch hier eine weise Lehre für die Agrarier, für die alten wie für die lnodernen: Wir sollen die Güter der Erde nicht unterschätzen noch überschätzen, sonder» vielmehr sie wenigstens so achten, daß lvir dem Schöpfer dafür danken, der uns durch sie die Mittel zum Guten gegeben hat. Die zweite Ccremonie besteht i» dem Weilen in Laubhütte» (Sukkoth) während des Festes. Auch hier darf lein sozialer Unterschied obwalten. Gerade die leichte, dürftige Hütte sollte Alle verbinden, weil sie für Alle die gleiche war, für Reich und Gering, und sollte selbst dem Armen, der keine Erntefrellden genoß, es möglich machen, in die allgemeine Herbstfreude einznstiillinen. Erst später wurde dem Ernte- und Dankfeste auch das Freudenfest der Thora angereiht, zum Dank dafür, daß Ulis in der Lehre ein Korrektiv für alle soziale Ungleichheit, ein Buch des Rechtes und der Liebe zugleich gegeben worden ist, in dem alle irdischen Verhältnisse ihre Erörterung und Klüriing finden. Die Propheten Israels haben in ihrer großen weltgeschichtlichen Anffasslnig dem Sukkothfeste noch eine besondere, über das israelitische Volks- und Gemeindeleben hinauSreichmde Bedeutung beigelegt. Das Lanbhütteiifest wird von ihnen als ein Sinnbild der allgemeinen Menschenvereilligllllg (Lukkotlr 8cl>el Leviathan) angesehen. Die Laubhütte der Zukunft soll die ganze, in Bruderliebe geeinte Menschheit rnnfassen. Ob unsere Zeit und unser Geschlecht ans dieser