Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 schulen betreffend. Schon im vorjährigen Berichte wurde mitgetheilt, daß die Regierungen zn Münster und Minden dem Wunsche, künftighin bei Schulrevisionen bitrd) die Kreisschulinspektoren den Prüfungen im jüdischen Religionsunterricht die Lehrpläne des Verbandes zu Grunde zu legen, bereitwilligst entgegengekommen waren. Nur die Regierung zu Arnsberg hatte sich ablehnend verhalten. Der Verband nahm dm auf Veranlassung, in einer längern Eingabe bei dem Kultusminister vorstellig zu werden und ihn zu bitten, daß er die Bestrebungen, für den jüdischen Religionsunterricht in ganz Westfalen eine einheitliche Basis zu schaffen, fördern möge. Am 8. Oktober 1894 theilte darauf nach eingehender Prüfung der Pläne und der in denselben empfohlenen Lehrbücher der Oberpräsident der Provinz Westfalen im Aufträge des Kultusministers mit, daß er „die Bezirksregierungen der Provinz ermächtigt habe, die Einführung der von dem Verbände ausgearbeiteten Lehrpläne für den jüdischen Religionsunterricht in den Volksschulen der Provinz ... zu genehmigen." Dem seitens des letzten Gemeindetages gewordenen Aufträge, für die von dem Ausschuß angeregte Gründung eines Peniionsfonds für Lehrer und Kultusbeamte, bezw. deren Hinterbliebenen die entsprechenden Vorarbeiten zu machen, ist der Verband durch Ausarbeitung eines Statutentwurfs gerecht geworden, welcher dem diesjährigen Gemeindetag zur Berathung und Beschlußfassung vorliegt Der Schwerpunkt der Verbandsthätigkeit im verflossenen Geschäftsjahre lag naturgemäß auf dem Gebiete des Kultuswesens. Der erste Theil des von Dr. Vogelstein bearbeiteten Gebetbuches erschien im August 1894 und gelangte noch in demselben Monat an zahlreiche Verbandsgemeinden zur Versendung. Die betheiligten Kreise haben sich ausnahmslos in sehr anerkennenden Worten über das Buch geäußert, das in jeder Beziehung den gehegten Erwartungen entspricht. Für die Vortrefflichkeit des Buches spricht wohl auch die Thatsache, daß dasselbe heute, also kaum ein Jahr nach seinem Erscheinen, in 2300 Exemplaren, und zwar nicht allein in Westfalen, verbreitet ist. Zudem wird das Buch auch in Stettin demnächst zur Einführung gelangen. Aehnliche Kundgebungen liegen auch von verschiedenen außerwestfälischen, deutschen Gemeinden vor. Am meisten aber spricht für die außerordentlich beifällige Aufnahme, welche das Buch in den betheiligten Kreisen gefunden hat, der Umstand, daß von allen Seiten die möglichst baldige Herausgabe einer billigen Schulausgabe des Gebetbuches dringend gefordert wird. Bereits ist von der bedeutendsten westfälischen Gemeinde, Dortmund, und der Jnspektorenkonferenz ein entsprechender Antrag für den diesjährigen Gemeindetag bei uns eingegangen. Dasselbe gilt von dem gleichfalls den diesjährigen Gemeindetag beschäftigenden Antrag des Ausschusses aus Annahme des im Manuskripte vorliegenden zweiten Theiles des Gebetbuches, der voraussichtlich noch im Laufe dieses Geschäftsjahres zur Ausgabe gelangen wird Ebenso wird die Agende im Laufe der nächsten Monate erscheinen. Oesterreich-Ungarn. £3 Wien, 23. September. Die Ihnen bereits bekannte Entscheidung des dritten Wahlkörpers für die Kandidaten des Gemeinderathes der Kommune Wien ist bezüglich der meisten Bezirke mit fast mathematischer Genauigkeit so gekommen, wie sie vorauszusehen war. Nach Allem, was an wühlender Maulwurfsarbeit der Fortschrittsgegner, an Verhetzung und Bethörung der Menge vorangegangen ist, konnte an einen Stimmungswechsel der Wähler kaum mehr gedacht werden. Der Antisemitismus unserer Tage wird zweifellos dereinst eine Stelle in den Handbüchern der geistigen Epidemien finden, und der Psychiater wird daraus ein nicht uninteressantes Material der Völkerpsychologie zur Verfügung stellen können. Vorläufig aber schreitet er in der Gegenwart mit der Arroganz der Gesundheit herum und hat es bereits so weit gebracht, daß er der Gesammtheit des dritten Wahlkörpers unserer Stadt seinen Jnfektionsstoff inokulirt hat. Jetzt wird die Wühl- und Hetzarbeit mit den gewohnten Mitteln weiter betrieben bei den Wählern des I. und I I. Wahlkörpers, die aus dem gebildeten Publikum zusammengesetzt sind; daß der Ausgang der Wahlen im III. Wahlkörper, der vollständige Sieg der Antisemiten, hier die tiefste Entrüstung der besser Denkenden hervorgerufen hat, ist begreiflich. — Der Kultusvvrstand soll beschlossen haben, im Innern der Stadt einen großen Tempel zu bauen. Es finden Unterhandlungen mit dem Grafen Bellegarde, Besitzer eines gleichnamigen Riesenhofes in der Landskronengasse statt, um diesen Hof zu erwerben und an dessen Stelle das neue Gotteshaus aufzuführen. Dasselbe würde dann mehr im Centrum der Stadt liegen und soll es zugleich auch von drei Seiten her Eingänge erhalten. — Die Affaire Munk betreffend das Rencontre mit vier Offizieren ist nun in ein neues Stadium getreten. Bekanntlich hat die Anzeige Munkes beim Generalkommando wegen Einschränkung der Frerheit und Beschimpfung den Erfolg gehabt, daß alle vier Offiziere, welche an dem Rencontre in der Kärntnerstraße betheiligt gewesen sein sollen, eruirt wurden. Diese vier Offiziere haben nunmehr gegen M. Munk eine Ehrenbeleidigungsklage eingebracht, da sie von ihm der Feigheit geziehen worden seien. Die Verhandlung über diese Klage findet Anfangs nächsten Monats statt — Ein Akt empörendster Rohheit spielte sich in diesen Tagen in einem Vororte Wiens ab, der in seiner Bestialität wahrhaft ganz geeignet ist, für die ärmere jüdische Bevölkerung Wiens, die durch ihren kümmerlichen Erwerb stets mit den ärgsten Elementen der Großstadt in engem Kontakt ist, das Aergste zu befürchten: der ehemalige Hausirer Israel Meisels, Hernals, Gschwandtnergasse Nr. 8 wohnhaft, ein gebrechlicher und kränklicher Mann von 77 Jahren, ging durchs die Teichgasse in Hernals, als plötzlich ein junger Bursche, der ihm aufgelauert haben mochte, auf ihn zusprang und ihm einen Stoß in die Magengegend versetzte. Der alte Mann taumelte und siel zu Boden. Man eilte dem Greise zu Hilfe und trug ihn in den Flur des Hauses Nr. 8 der Teichgasse. Der in der Nähe wohnende Arzt Dr. Höflich wurde rasch berufen, doch im Verlaufe von drei Viertelstunden verschied der alte Mann. Der Bursche befindet sich bereits in den Händen der Behörde; es ist ein Schneidergehilfe namens Josef Lutzak, der sich schon des Oesteren durch seine antisemitischen Schmähungen im Bezirke bemerlbar machte. — Zu Gerichtsadjunkten wurde u. A. Herr Hugo Feigl in Neustadt ernannt. Ferner wurde der Kreisgerichts-Adjunkt Jonas S okal in Stanislau zum Rathssekretär ernannt. — Wie die „Wiener-Zeitung" mittheilt, hat der Kaiser der bekannten Schriftstellerin Frau Ottilie Bondy in Anerkennung ihrer vieljährigen und ersprießlichen gemeinnützigen Wirksamkeit das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Frau Bondy, eine geborene Brünnerin, erfreut sich ob ihrer hervorragenden Charaktereigenschaften und ihrer unermüdlichen, erfolgreichen Thätigkeit auf frauenwirthschaftlichem und pädagogischem Gebiete der wärmsten Sympathien. Als vieljährige Präsidentin des Wiener Hausfrauenvereines hat sich Frau Bondy große Verdienste erworben. — Die Ernennung des Gewerbe-Inspektors Michael K u lka zum Gewerbe-Oberinspektor in der VI. Rangklasse ist in allen Kreisen mit aufrichtigen Sympathien begrüßt worden. — Der bei der Donauregulirungs-Kommission in Verwendung stehende Baurath Siegmund Taussig ist zum Oberbaurath ernannt worden. 6. Budapest, 20. September. Die Seeschlange taucht nicht mit solcher Bestimmtheit zeitweise auf, wie das Märchen des Ritualmordes. In der heutigen Zeit glauben schon die alten Dorfweiber daran nicht, aber es finden sich noch Leute, deren Urtheilskraft auf einem viel liefern Niveau steht und die den Versuch machen, das Blutmärchen aufzufrischen. Einen solchen Versuch lesen wir in dem klerikal-antisemitischen „Magyar Allam." In Garam-kis Sallo schickte — so erzählt der phantasiereiche Berichterstatter des „M. A." — „ein Landwirth sein sechsjähriges, katholisches (!) Töchterchen in das Wirthshaus des Juden (!) Julius Adler um Branntwein. Das Kind kam aber nicht mehr zurück. — Am fünften Tage fand man die Leiche desselben in einem sehr arg zugerichteten Zustande. Die Haut war von dem Kopfe und der Brust abgeschürft; der ganze Körper war mit vielen von einem langen Messer (!) beigebrachten Schnittwunden bedeckt. Bei der Sektion (?) wurde konstatirt, daß das Kind 3—4 Tage hungerte und an den Füßen aufgehängt geschlachtet wurde. Im Körper und im Herzen war kein Tropfen Blut. Die Kleider und der Körper waren nicht blutig (die rituelle Blutabnahme ist gewiß). „Bemerken muß ich noch," — so sagt der Berichterstatter des „M. A." — „daß an dem Tage, an welchen! das Kind verschwand, sehr viele Juden, unter diesen ein Schächter (!) in das Wirthshaus kamen, daß ein Müllergeselle den Juden Adler dort sah, wo die Leiche aufgefunden wurde." „Trotz alledem," — klagt der gewissenhafte Reporter, der in seiner Heimath Christen- und Nächstenliebe predigt — „geht der Jude frei herum." Nur ein Fleischhauergeselle wurde verhaftet, weil sein Hemd und seine Schürze blutig waren " So lautet der Bericht des eifrigen Hetzkaplänchens, dessen Gewissen- > Hastigkeit so weit ging, daß er zu bemerken vergaß, daß die behördliche