Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Untersuchung den wirklichen Mörder, den Müllergesellen Csomor, der seine That gestand, bereits eruirte und schon hinter Schloß und Niegel habe. Der geistige Urheber des Mordes soll der Vater des Kindes sein. - Der Grundbesitzer Max Engel und seine gesetzlichen Nachkommen wurde in Anerkennung seiner Verdienste auf dem Gebiete des Handels und der Industrie in den ungarischen Adelsstand erhoben — Professor Dr. Ignatz Kunoß wurde zum Direktor des orientalischen Handelslehrkurses ernannt. — In der Woche vor dem Neujahrsfeste sind in den Gemeinden Neuhäusl, Jolsva, Temesvür, Großbecskerek Tempelweihen abgehalten worden. XSfi? Klausenburg, 23. September. Kaiser Franz Joseph, der augenblicklich zu den Manövern in Klausenburg (Siebenbürgen) weilt, empfing dort Deputationen aller Konfessionen, die zugleich Vertreter der verschiedenen nationalen Elemente sind. In seiner Erwiederung auf die Ansprache des Oberrabbiners Dr. M. Eisler sagte der Kaiser, es diene ihm zur Befriedigung, daß die Israeliten auch in den siebenbürgischen Theilen Ungarns ungestört die ihnen durch das Gesetz und den Schutz des Königs gesicherten Rechte genießen. Der Kaiser zweifelt nicht daran, daß die Israeliten sich auch fernerhin durch Bezeigung gemeinnütziger Thätigkeit sowie selbstloser patriotischer Gefühle der Achtung ihrer Mitbürger und der königlichen Gnade, auf welche alle Unterthanen ohne Glaubensunterschied rechnen könnten, würdig zeigen. Auf die Ansprache des Obergespans Beldi antwortete der Kaiser, er wisse, daß in der Erfüllung der Aufgabe. betreffend die Förderung des Wohles der Bevölkerung, der konfessionelle Unterschied keine Scheidemauer bilde, sowie daß nur die Pflege wirklicher Vaterlandsliebe und die Achtung vor dem Jeden gleich schützenden, aber auch gleich verpflichtenden Gesetze und nützliche Arbeit dem Staate Kraft verleihen und das wahre Wohl der Bevölkerung sichern. Mögen diese goldenen Worte des Monarchen überall, vor Allem in Wien selbst, beherzigt werden! Amerika. 8. New-Aork, im September. Dem großen Tageblatt „Morning" entnehmen wir folgende interessante Schilderung der streikenden russischen Juden in dieser Stadt. Während des letzten Monats waren ca. 40,000 Menschen, Männer und Frauen, die in den verschiedenen Zweigen der Konfektionsbranche beschäftigt sind, zur Arbeitseinstellung geschritten und sie haben damit einen erstaunlichen Erfolg erzielt, mehr als sie selbst hofften. Das eigenthümliche Ansehen dieser Streiks, die einander einen Monat lang fast unausgesetzt folgten, war die außerordentliche Nüchternheit und Friedfertigkeit der Streikenden, die freilich zum weitaus größten Theil eingewanderte russische Juden waren. Nur sechs von diesen Tausenden wurden wegen Betrunkenheit in der ganzen Zeit arretirt und noch weniger wegen Friedensbruch oder irgend einer Gewaltthätigkeit; man bemerkte nicht, wie bei anderen Streiks, ein Steigen des Schnapskonsums in dem Viertel, das die Feiernden bewohnen, und bei den fast täglichen Massenversammlungen, war der Verbrauch von Spirituosen auf die leichtesten Biere beschränkt. Obwohl Tausende von Streikenden täglich in und um Walhalla Hall versammelt waren von den Schneider-Northerbord, trank doch kaum einer etwas anderes als Selter oder Limonade. In der einen Stadt leben ca. 100,000 russischjüdische Einwohner, aber der Konsum der berauschenden Getränke ist nach allen Zeugnissen weit unter dem, was eine gleiche Masse von anderer Nationalität verbrauchen würde. Von Nah und Fern. Ende Februar d. I. brachten verschiedene Zeitungen Notizen über die mangelhafte, nicht tadelfreie Kassenführung des Charlottenburger Vereins gegen Verarmung, und zwar speziell gegen den Kassirer des genannten Vereins, Herrn Stadtrath a. D. Rudolf Jsaac, welche geeignet waren, die Ehre dieses Herrn anzugreifen. Das nach diesen Vorgängen eingeleitete umfassende Ermütelungsverfahren hat keinerlei Beweise dafür erbracht, daß eine strafbare Handlung des damaligen Kassirers Herrn Stadtrath a. D. Rudolf Jsaac vorliegt, und die Strafkammer des Landgerichts II hat daher beschlossen, auf Erhebung einer Anklage zu verzichten. — In der vorigen Woche berichteten wir aus Breslau von einer Wucheraffäre, deren Held, einer der lautesten Antisemiten Breslaus, sich durch Flucht in die Schweiz der gerichtlichen Verantwortung entzogen hat Wie uns nun aus Breslau mitgetheilt wird, ist am Sonnabend in derselben Angelegenheit der Bruder des Flüchtlings, Kaufmann Paul Sedlatzek, der sich ebenfalls in der antisemitischen Gilde besonders hervorthat, verhaftet worden, weil er sich des Wuchers in zahlreichen Fällen schuldig gemacht hat. Es sollen nicht weniger als etwa 400 junge Leute ermittelt worden sein, mit denen Sedlatzek gewuchert hat — Kommerzienrath Moritz Teichmann in Leobschütz vollendete in dieser Woche sein 80. Lebensjahr. Ihm verdankt Leobschütz zum Theil die jetzt dort bestehenden Wollwaarenfabriken, den Industriezweig, der einen großen Theil der Bevölkerung in Stadt und Kreis ernährt, indem er als einer der Ersten eine solche Fabrik hier errichtete. In richtiger Würdigung dieser Verdienste hat die Stadtverordnetenversammlung in geheimer Sitzung beschlossen, Herrn Kommerzienrath Teichmann zum Ehrenbürger der Stadt Leobschütz zu ernennen, und wurde ihm das Diplom darüber von einer Deputation überreicht. — An der Jakobsonschule in Seesen (berechtigte lateinlose Realschule) fand unter dem Vorsitz des Herzogl. Regierungskommiffars Herrn Gymnasialdirektors Prof. Dr. Brandes aus Wolfenbüttel die Reifeprüfung statt. Zehn Primaner bestanden dieselbe. — Die antisemitische „Deutsche Wacht" in Dresden brachte unter der Spitzmarke „Ein Schneideraufstand in Berlin" einen Artikel, in welchem die Firma Baer und Sohn in Berlin des betrügerischen Geschäftsbetriebes beschuldigt wurde. Der Inhaber dieser Firma, Emil Baer, klagte wegen dieses beleidigenden Artikels. Als Urheber desselben bezeichnete der Angeklagte Herrn Paul Dehn in Friedenau, Inhaber eines litterarischen Büreaus. Das Urtheil lautete auf 300 Mark Geldstrafe, event. 20 Tage Gefängniß. — Der Firma Scheven in Bochum ist der „Rh.-W. Ztg " zufolge von türkischer Seite aus der Antrag gemacht worden, den Bau einer Wasserleitung für Jerusalem in Palästina zu übernehmen. Die Wasserleitung, die in die Stadt und zum Haram aus der Gegend südlich von Bethlehem noch jetzt Wasser bringen muß, geht auf ein hohes Alterthum, zum Theil vielleicht auf die Zeiten Salomons zurück. — Seit längerer Zeit gingen bei der Polizei-Verwaltung in Dortmund anonyme Drohbriefe ein. In den meisten Fällen hieß es: Nieder mit dem Judenpack. Es lebe die Anarchie. Nieder mit den Steuern. Gefängniß und Polizei-Verwaltung sollen in die Luft gesprengt werden. Bomben sollen gelegt werden Sämmtliche Polizei-Beamte sollen erhängt werden u. s. w. Bisher hatte man den Thäter nicht ermitteln können, doch auf einmal lief in vergangener Woche eine Steuerreklamation ein, deren Schrift und Tinte genau mit denen der Drohbriefe übereinstimmte. Durch die angestellten Nachforschungen wurde ermittelt, daß diese Drohbriefe der hier wohnende Winkelkonsulent Franz Joseph Brandt geschrieben und abgesandt hatte. Derselbe wurde festgenommen und dem königlichen Gerichtsgefängnisse zugeführt. — Der frühere Redakteur der „Deutschen Reform", der Antisemit Wald in Hamburg, hatte derzeit in der genannten Zeitung und in Extrablättern Schmähartikel ergehen lassen, in denen unter andern Personen auch ein Arzt in Ottensen und ein Kaufmann in Eimsbüttel in höchst beleidigenden Ausdrücken angegriffen wurden. Er wurde deshalb wegen Beleidigung angeklagt und, da er für seine Behauptungen auch nicht den geringsten Wahrheitsbeweis zu erbringen vermochte, zu vier Wochen Gefängniß verurtheilt. — Laut Reichsrathsgutachten vom 7./19. Juni 1895 unterliegt es nunmehr keinem Zweifel, daß die außerhalb des russischen Ansiedelungsrayons-Ortsangehörigen jüdischer Kaufleute 1. Gilde überall im Reiche für die Dauer ihres Gildenscheines das Wohnrecht besitzen. — Man schreibt aus Konstantinopel, 14. September: - In der Familie des allgemein verehrten Groß-Rabbiners von Konstantinopel, in dessen Hause in Couskoundjouk am Bosporus, fand in voriger Woche eine Doppelhochzeit statt. Der Sultan benutzte diese Gelegenheit, um dem würdigen Herrn ein besonderes Zeichen seiner Gunst zu erweisen, indem er demselben ein reiches Geschenk übersandte. — Der bekannte Rabbiner Rev. Osias Hochglück, früher in Poughkeepsie und in Newark, N. I., ist von der Kongregation Tempel Benai Israel einstimmig zum Rabbiner gewählt worden. Hochglück war zwei Jahre in Hamburg und zehn Jahre in St. Gallen (Schweiz) als Ober-Kantor angestellt und hat sich in Europa durch Veröffentlichung mehrerer deutscher und hebräischer Kompositionen einen Namen gemacht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwit; in Berlin.