Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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59. Äahrgang. llr. 39. Berlin, 27. September 1895. Der Gemeindebote. Weilckge %\xx „ALLgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 6. Berlin, 23. September. Gestern fand die erste Sitzung der Repräsentantenversammlung nach den Ferien statt. Die Väter unserer Gemeinde hatten sich vollzählig versammelt. Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls der vorigen Sitzung berichtete der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, daß durch Frau Emma Pakscher dem jüdischen Krankenhause ein Geschenk von 6000 Mark gemacht sei. Der Vorstand theilte in einem Schreiben mit, daß er in der vielbesprochenen Angelegenheit betreffend die Anstellung jüdischer Lehrerinnen an städtischen Schulen, entsprechend dem seinerzeit gefaßten Beschluß der Versammlung, sich mit einer Petition an den Kultus-Minister gewandt habe, eine Antwort darauf jedoch bis heute noch nicht eingelaufen sei. Eine Besprechung dieser Angelegenheit wird bis zu dem vom Ministerium zu erwartenden Bescheide ausgesetzt. Die merkwürdige Beschwerde eines Gemeindemitgliedes, des Inhalts, daß in der Synagoge Kaiserstraße zu wenig Predigten gehalten würden, wird durch die darauf erfolgte Beantwortung seitens des Vorstandes für erledigt erklärt. Herr Abraham Adolph Ruß und dessen Ehefrau haben aus Anlaß des 25 jährigen Jubiläums ihrer Firma der Altersversorgungsanstalt die Summe von 12,000 Mark überwiesen mit der Maßgabe, dafür ein Zimmer zu errichten als Abraham Adolph und Lina Ruß-Stiftung. Die Schenkung wird mit Dank acceptirt, desgleichen eine Schenkung des Herrn Max Barsch all in Höhe von 5000 Mark an die Armenkommission, nach beliebigem Ermessen an nothleidende Frauen zu vertheilen. — In die gemischte Deputation für die Wahl eines Rabbiners werden von der Versammlung die Herren Landsberger und Geheimrath Dr. Mareuse gewählt. Die Deputation ist damit auf neun Mitglieder verstärkt und wird nun hoffentlich bald an ihre Arbeit gehen. — Ueber den folgenden Punkt der Tagesordnung: Prüfung der Einsprüche gegen die Wählerliste, berichtet Herr Justizrath Dr. Tiktin; derselbe beantragt, den Gegenstand in geheimer Sitzung zu berathen, da es sich um Einsprüche solcher Personen handle, die mit ihren Steuern im Rückstände seien und deshalb in die Wählerliste nicht ausgenommen wurden. Nach kurzer Debatte beschließt die Versammlung dem Anträge des Referenten entsprechend. Herr Louis Sachs berichtet alsdann über einige Vertragsbedingungen beim Ankauf des Grundstücks Lützowstraße 16 und Potsdamerstraße 1185. zwecks Baues einer Synagoge. Demgemäß verpflichtet sich die Gemeinde, die Kosten für Stempel, Kaufvertrag und Auflassung des Grundstücks zu tragen. Dem Verkäufer soll dagegen die Verpflichtung auferlegt werden, den übrig gebliebenen Theil des Grundstücks nicht zur Anlage von Fabriken, lärmenden Gewerbebetrieben und öffentlichen Vergnügungslokalen herzugeben. Der erste Theil des Antrages wird widerspruchslos angenommen, bei dem zweiten wird auf einigen Seiten gewünscht, das Wort „öffentliche" fortzulassen. Es wird schließlich dem Vorstand überlassen, sich hinsichtlich dieses Punktes. mit dem Verkäufer ins Einvernehmen zu setzen. — Der Vertrag mit der Gesellschaft, welche bisher das Leichen-Fuhrwesen besorgt, ist durch die erfolgte Liquidation derselben hinfällig geworden, wird aber bis zum 1. Oktober 1896 unter den alten Bedingungen verlängert. Für Pflasterarbeiten auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee werden 1361 M. bewilligt, desgleichen für Weißensee 2000 M. Von verschiedenen Herren wurde bemängelt, daß die Pflasterungen bezw. Reparaturen kein Ende nehmen, und deshalb eine baldige Revision nöthig erscheine. Ebenso werden bewilligt für Reparaturen von Grabsteinen in der Ehrenreihe auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee 1519 M., für die Abhaltung von Festgottesdienst in der Friedhofs-Synagoge zu Weißensee 150 M, für die Anlage eines Klosets auf dem Grundstück der Kaiserstraße 500 M., für Zeichensubsellien in der Knabenschule 1120 M. und 250 M. jährlich für Vermehrung des Zeichenunterrichtes. Für den Religionsverein Bene Brith werden 1000 M. bewilligt für die Zeit vom 1. Oktober 1895 bis 1. August 1896. Für den „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" schlägt der Vorstand 300 M. Subvention vor, die Repräsentantenversammlung aber 500 M., nachdem die Herren Louis Sachs und Geheimrath Kirstein in warmer Weise dafür plaidirt hatten. Diese Bewilligung wird sicher allgemeine Zustimmung finden. Es werden 300 M. bewilligt mit der Maßgabe an den Vorstand, die Summe auf 500 Mark zu erhöhen. Alsdann wird Bericht erstattet über die Rechnungsabschlüsse verschiedener Spezialverwaltungen, nämlich der Beerdigungsanstalt, der Synagoge Lindenstraße, des Siechenhauses, der Kommission für das Quellbad, der Kommission für Beschaffung des Koscherfleisches, der Waisenkommission. Mit Ausnahme der Quellbad-Verwaltung und der Waisenkommission weisen sämmtliche Abschlüsse einen Minderverbrauch an Ausgaben auf. Die Versammlung genehmigt nachträglich die Etatsüberschreitungen und ertheilt sämmtlichen Abschlüssen Decharge. Nur die erhebliche Ueberschreitung des Etats der Waisenkommission wird Seitens des Vorstandes für sehr bedenklich erklärt, von Seiten der Herren Oppenheim, Ruß, Dr. Blumenthal, Leonhard Sachs dagegen vertheidigt. Infolge eines dringlichen Antrages wird beschlossen, die Maurerarbeiten am Neubau des Hospitals für den Versöhnungstag zu inhibiren. Zur Entschädigung der Arbeiter werden 200 M. festgesetzt. Aus der geheimen Sitzung in die öffentliche Sitzung verlegt wird noch ein Punkt, betreffend Festsetzung von Maximalgehältern für Beamte der jüdischen Gemeinde. Die Versammlung nimmt jedoch nach kurzer Berathung von der Aufstellung eines Normalbesoldungsetats Abstand. Damit schließt die öffentliche Sitzung. In der geheimen Sitzung wurde hauptsächlich die Angelegenheit der Prüfung verschiedener Einsprüche gegen die Wählerlisten besprochen. Drei Beschwerden wurden zurückgewiesen, eine als berechtigt anerkannt. 2/D Berlin, 24. September. Der Ausschuß des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes versendet in diesen Tagen das nachfolgende Cirkular an sämmtliche jüdische Gemeinde - Vorstände im Deutschen Reiche, an Rabbiner, Lehrer, Freunde des D. I. G. B. und alle sonstigen Personen, von denen zu erwarten steht, daß sie den Bestrebungen für die Hebung des Religionsunterrichtes Unterstützung zu leihen sich geneigt finden werden. Bei der von Allen in gleichem Maaße gewürdigten Bedeutung der Religionsunterrichtsfrage dürfen wir wohl die Hoffnung hegen, daß dieser Ausruf der guten Sache dienen möge, der sich die „Gemeinde - Unterstützungs - Kommission" feit einer Reihe von Jahren, ohne Berücksichtigung des religiösen Standpunktes der Bittsteller, widmet. Der Wortlaut des beherzigenswerthen Aufrufs ist folgender: „In dem immer anwachsenden, die Geister verwirrenden Kampfe um das tägliche Leben bietet der überwiegenden Mehrzahl der Menschen die Religion die wichtigste Waffe gegen Versuchungen aller Art. Wie verhält es sich aber mit der religiösen Unterweisung innerhalb des deutschen Judenthums? Wir haben die traurige Thatsache festzustellen, das achthundert kleine und kleinste Gemeinden des Religionsunterrichtes entbehren. Dieser schreiende Mißstand ist wahrlich nicht den Mitgliedern dieser Gemeinden zur Last zu legen. Stehen doch ihre Pflichten mit ihren Kräften in solchem Widerspruche, daß die Mitglieder nicht selten bis zu 600 Prozent der Staatssteuern aufbringen müssen, um nur den dringendsten Kultusbedürfniffen zu genügen. Die jungen Leute aus solchen Gemeinden aber treten ohne religiöse und deshalb auch ohne sittliche Festigung in das Leben hinaus und fallen daher um so leichter der Versuchung zu ungesetzlichen Handlungen anheim. Wir mögen noch so sehr die Solidarität zurückweisen, die uns Juden aufgebürdet wird — sie wird uns immer wieder von außen aufgezwungen. Als schwache Minderheit innerhalb des großen Vaterlandes werden wir stets von der öffentlichen Meinung für jedes Vergehen des Einzelnen aus unserer Mitte verantwortlich gemacht werden. Aus dem Gesichtspunkte