Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 467 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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467 schön, aber als sich mm Leib ihr Antlitz besah, so gespannt »nb aufmerksam, als tauchte es heut' zum ersten Mal vor ihnr ans, war er offenbar auch davon entzückt; er schloß die Augen, wiegte den Kopf hin und her; ein stolzes Lächeln glomm um die dünnen, blassen Lippen auf und hob die sonst abwärts geneigten Mundwinkel. Doch auch ein niinder befangener Richter hätte an diesem frischen, runden Gesicht seine Freude habe» mögen: die Züge freilich derb, aber wohlgebildet; über dem stark hervorspringenden, eigensinnigen Kinn der kräftige, rothe Mund; die Nase fein geschwungen; die großen, runden, braunen Augen strahlend von unschuldigem Feuer und Frohsinn; um die niedrige Stirn die Fülle des röthlichen, natürlich gelockten Haars, das sich schwer zu Zöpfen fügte und im Sonnenlicht wie ein schwankender, schimmernder Schein um das Haupt wob. Dies helle Goldroth ist unter den Jüdinnen des Ostens sehr selten; sie sind, wenn hellhaarig, fahlblond oder fuchsroth; aber der Schnitt der Nase, das Feuer der Augen erwies deutlich, welchen Blutes sie war. Das übersah der beglückte Vater; im Gegentheil — „sie sieht gar nicht tvie ein jüdisch Kind aus!" dachte er und die Mundwinkel hoben sich noch stärker. Wer wollte den Aermsten, dessen ganzes Leben ihm mit Geißelhieben die Erkenntnis; ins Hirn geschrieben hatte, daß „jüdisch aussehen" ein Unglück, die sichere Antveisung auf tausendfachen Schmerz und Schimpf sei, um dieser thörichten Schwäche willen schelten! Und nun fiel ihm auch bei, was ihm der alte reiche Robert David Münzer, der Besitzer der Sagemühle bei Halicz, einige Tage vorher, als er vor dein Hause angehalten und sich von Miriam als Labung in der Sonnengluth ein Glas essigsauren Moldauers hatte reichen lassen, lächelnd gesagt: „So was gedeiht nur im Dorf!" Auch Herr von Paterski hatte ihm einmal zugerufen: „Leibko, Deine Chane hat Dich betrogen! Das kann nicht Deine Tochter sein!" Er hatte es nur eben für ein Witzchen des Herrn gehalten — damals, wo er das Geschäft zwischen dem Popen von Solinze und dem Janko noch nicht vermittelt, ivandte ja der Gnädige Zuweilen noch einen Scherz an ihn — jetzt glomm ihm der Sinn ans; er nickte befriedigt. Denn das; ihn; seine Chane untreu gewesen wäre, daran dachte er ebenso wenig, als daß etwa die Sonne jemals von; Himmel gefalle»; er schloß daraus nur, daß auch der Edelmann das „christliche" Aussehen seines Kindes bemerkt. Da irrte er freilich; Paterski hatte nur in seiner rohen Art das Stannei; darüber ansdrückcn wollen, das; dem schivächlichen Paar ein so kraftstrotzendes Kind beschieden war. Aber auch Chane war einst blühend gewesen und nur durch die allzufrühe Heirath, den Druck der Noth rasch gewelkt, — und zudem erweist sich die Lebeusfülle dieses Stammes, dessen Zähigkeit mit nichts zu vergleichen sein würde, wenn nicht sein Unglück fast ebenso groß wäre, gerade zumeist an den Frauen. Die jüdischen Jünglinge des Ostens schwächlich, klein, engbrüstig, ganz so, wie es ihre Lebensverhültnisse bedingen, aber die Mädchen stark, voll üppiger Kraft, räthselhaft anmuthend in diesem Dunst und Moder mißachteter Armuth und Niedrigkeit — aber zugleich jede eine Lösung des Räthscls, wie dies Volk all die ungeheure Drangsal hat überdauern köinren. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mittheilungen. ----- Am 7. Tischri (25. September) wird Dr. Seligmann Baer in Biebrich a. Rh. das Alter von 70 Jahren erreicht haben. Wern: seine Gemeinde ihn als ihren Lehrer beglückwünschen wird, so haben dies auch in den weitesten Kreisen, in denen die jüdische Wissenschaft noch ihre Vertreter findet, auch alle Diejenigen zn thun, welche in Dr. Baer die erste zeitgenössische Autorität auf dem Gebiete der Masorah anerkennen Allerdings ist gerade dieses jüdische Wissensgebiet an: meisten unallgebaut geblieben — und nicht allein in der Gegenwart, sondern auch in früherer Zeit. Diese Vernachlässigung der Masorakfi) hat sich bitter gerächt. Die allererste Zusammenstellung für den Druck ihres Materials haben wir aus den Händen eines Apostaten entgegen nehmen müssen. Jacob b. Chajim, der um 1520 aus Tunis nach Venedig kam, besorgte die Korrektur der rabbinischen Bibel v. 1.1525, für welche er seine nach handschriftlichen Aufzeichnungen bearbeitete Masorah nebst einer Einleitung lieferte. Bei der Herausgabe des Talmuds beschäftigte ihn noch Bromberg mit der Korrektur; aber schon in der Justinianischen Ausgabe des Talmuds am Ende der Ordnung Toharoth wird er als Christ erwähnt, und diese Angabe wird von Elia Bachur in der zweiten Vorrede zu feinem rHEEH fHDto bestätigt, indem er von ihm schreibt: „früher, in Israel, hieß er Jakob."-) In meinen Vorlesungen habe ich auf einige Steller: hingewiesen, in denen Jacob b. Chajim von seiner Christologie beeinflußt war. Nach ihnr erstanden noch bedeutende Kenner der Masorah, wie der bereits genannte Elia Bachur, ferner Salomo Norzi, Verfasser des klassischen Werkes 't' nim welche englische Christen, Freunde des überlieferten Schrifttextes, übersetzen wollten, und Lonsano, Verfasser des bereits selten gewordenen JTTlfi *718* In unserem Jahrhundert, das auf diesem Gebiete Wolf Heidenheim und Sal. Frensdorff — dessen Handbuch der Masorah" leider ein Torso geblieben ist — als Autoritäten aufzuweifen hat, war es wieder ein von Juden herstamrnender christlicher Gelehrter, der die Schrift-Masorah nach Handschriften neu herausgab. Dieses aus drei Bänden in groß Folio bestehende Riesenwerk ist von Dr. Christian Ginsburg hergestellt und in der kleinen Auflage von 260 Exemplaren (jedes für den Preis von 15 Pfund Sterling käuflich) gedruckt worden. In der That konnte nur in England ein solches Werk, für das Beaconsfield allein viele Tausende beisteuerte, geschaffen werden. Und wir sollen auch dieses Mal ruhig mit ansehen können, wie gerade in unserer Zeit, in der man nach langem Anstürmen gegen den überlieferten Schrifttexl, wieder besonnener wird, zu diesem zurückzukehren, zum zweiten Male von nichtjüdischer Hand die Schätze der Masorah an's Tageslicht gezogen werden, und zudem noch zu einem Preise, der die allgemeine Anschaffung ganz unmöglich macht! Nun, der Jubilar, von dem diese Zeilen sprechen, ist die einzige jüdische Autorität der Gegenwart, welche die masoretische Wissenschaft beherrscht. Was er bereits hierfür geleistet hat, zum Theil in Gemeinschaft mit Franz Delitzsch, ist den Fachmännern rühmlichst bekannt. Noch aber ist sein Werk der Masorah, dem er seine ganze Geisteskraft gewidmet, ungedruckt, weil die Kosten des Druckes, die etwa 2000 Mark betragen würden, fehlen. Ich sprach bereits oben von Schätzen der Masorah; allerdings es sind solche, die nicht meßbar und nicht wägbar, aber von hohem Werthe sind. Die Masorah bildet, wie bereits jener Weise der Mischnah lehrt, einen Zaun um die Thora. Daher wohlan, ehren wir den Meister, ehren wir sein Werk. Sollte sich nicht unter den Reichen und Begüterten eine genügende Anzahl von Männern finden, welche die erforderliche Summe durch einzelne Beiträge aufzubringen geneigt wären? Gewiß, man hat doch^für so viele Zwecke Gelder bereit und sie werden für das Hochheiligste in unserer Wissenschaft sicher nicht fehlen. Hoffentlich bedarf es nur dieser Anregung, welche um so eher in die Wirklichkeit umgesetzt werden dürfte, wenn ich hinzufüge, daß der von mir geleitete Verein Mekize-Nirdamim die Drucklegung besorgen würde. Hierdurch könnte der zweifache Zweck erreicht werden: das Masorah-Werk zu einem billigen Preise abgegeben und so weiteren Kreisen zugeführt werden; zugleich aber dürfte sich noch ein Fond ergeben, um dem Jubilar an seinem Lebensabend eine Freude zn bereiten. Berlin, 16. September. Dr. A. Berliner. x) Ein eklatantes Beispiel hierfür biete ich nächstens in ausführlicher Weise. -) rnvnst inatw ’nn Dpr1 snp; bmw'z D’isb rrn TH2M* Die letzten zwei Wörter (biblisch in Chaggai 1,6) hat Nagel bei Semmler S. 39) falsch übersetzt und sich lächerlich gemacht: C>ui ckuduin vocatus est In Israel e Jacobus Sit auiina eius addita faseiculo celebri!