Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-27 · Heft 39 (27.9.1895) · p. Seite 466

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 466 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228134--52188-3272970
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

466 „Ich bin ein Verbrecher gewesen," sagte er ihm, „weil ich Dir dar fünf Jahren nicht noch mehr abgeredet habe, aber nun will ich mir das Gewissen erleichtern. Denn D» bist dem Paterski jetzt doch schon etwas weniger schuldig, als Dein Hof Werth ist; mm findet sich wohl ein braver Man», der Dich ans seinen Klane» erlöst und Dir geringere Zinsen abnimmt." Ein solcher Mann fand sich wirklich, der Pope von Solinze, der Vater jenes Hilfspriesters, der bei Janko wohnte; er that's, weil das Geschäft sicher schien und der Sohn seinen Hausherrn pries, schon zn zwanzig Prozent; für Galizien ist das kein Wncherzins. Freilich wußte Paterski, wer ihm das schöne .Geschäft verdorben hatte. „Warte mir, Weihnachtsknchen," herrschte er den Kleinen bei der nächsten Begegnung a», „ich backe Dir zu Neujahr eine Pastete, an der Du ersticken sollst!" Leib kam sehr bestürzt heim, aber bald fasste er Miith und konnte sogar zu seinem Weibe ein Witzcheu darüber machen, freilich war's so dünn und schüchtern, wie er selber: „Ans einem Anderen lassen sich nicht so viel Rosinen heranspressen; er kündigt mir nicht — uttb bis zu Neujahr siud's vier Monate!" Die Fra» jammerte: „Du opferst Dich für diesen Janko! An mich und das Kind denkst Du nicht!" Er schwieg eine Weile und ließ das Wetter austoben, sagte dann aber schüchtern: „Vielleicht — vielleicht mach' ich mit dem Bauern noch einmal ein gutes Geschäft." „Aber wie denn?!" rief sie. Und darauf verstummte er wieder, denn dies Wie war auch ihm nicht klar. & Einige Wochen später wiederholte sich dies Gespräch. Es war au einem Montag Vormittag; Chane zählte die Anzahl Gläschen zusammen, die auf der Schiefertafel, die hinter der Barre au der Wand hing, vom Tag vorher verzeichnet standen; die Sninme war ein glänzender Beweis für den Durst der Leute von Wiukowze. Und obendrein waren sogar drei Gulden baar eingenommen worden. „Wir könnte» »ns vielleicht halten!" klagte sie, und »int müssen wir dieses Janko wegen hinaus." „Ich hoffe," tröstete Leib, „daß u»S Paterski doch da läßt. Ei» Anderer läßt sich doch nicht so viel von ihm gefallen. Und der Janko — siehst Du —" „Nim?" rief sie ungeduldig, als er innehielt. „Er ist schon sechsimdzwanzig geworden," sagte er zaghaft, „ein tüchtiger Mensch, ein großer Hof, gieb Acht, Chane, das trägt zehn Gulden!" „Nicht zehn Kreuzer." rief sie, „so alt und häßlich ist Keine, daß sie diese Bogelschenche nimmt! Das weißt Du selbst sehr gut, willst Dir auS Güte für ihn abplagen, und belügst nur Dich und mich, daß es auch ein Geschäft für uns ist." Der Kleine schwieg verlege», wie immer, wenn er seine schwarze Seele enthüllt sah, dann versuchte er doch zu widersprechen. „Unsinn!" schnitt sie ihm in die Rede, „hast Tu Zeit, so such' lieber einen Bräutigam für unsere Miriam." Weihnachtskuchen riß Mund und Augen weit auf. „Was — was fällt Dir ein," murmelte er bestürzt. „Das ist ja noch ein Kind!" „Bald sechzehn ist sie," erwiederte Chane. „Sieh sie Dir doch mir an!" Und sie wies in den Hof hinaus, wo Miriam eben die Wäsche zum Trocknen anfhängte. Sein Blick folgte ihrer Hand und wurde immer starrer, je länger er hinblickte. Dan» seufzte er tief auf. „Nun?" fragte Chane ungeduldig. Aber der Kleine konnte »och nichts erwiedern; der jähe Schreck preßte ihm die Kehle zu. Und doch war der Anblick, der sich ihm bot, so schön: ein reines, kraftvolles Meirschenkind in der ersten schwellenden Blüthe. Aber das eben war's! Wie so das Mädchen auf den Zehen dastand, das dürftige Röckchen hoch aufgeschürzt, daß darunter das kräftige, runde Bein sichtbar wurde, den Leib zurückgebeugt und die Hände zur Leine erhoben, daß das hochgewölbte Rund des jungen Busens unter dem groben Hemde straff hervortrat — war das noch seine kleine Miriam, wie er sie seit langen Jahren mit denselben Angen zu sehen gewohnt war?! . . . Das mu.ß über Nacht gekommen sein, fuhr es ihm durch's Hirn; daß es nur an seine» Augen lag, den stumpfen Augen, die immer noch angstvoll »ach einem Stückchen Brod umherspähen oder sich ängstlich vor einem drohenden Fanstschlag schließen mußte», die armen Augen, die für dies holdeste, natürlichste Wunder um ihn her keinen Blick haben konnten, kam ihm gar nicht zu Sinne. . . „Was starrst Du so hin?" rief Chane zornig. „Wie sie aussieht, weißt Du ja!" Er konnte nur nochmals tief aufseufzen. Ja, jetzt wußte er's. lind als sich das Mädchen draußen mm wieder auf den Zehen erhob, das nächste nasse Hemde über die Leine zu hängen, und abermals jede Linie des blühenden Leibes hervortrat, fuhr dem Männchen ein Gluthstrom über das graue, faltige Gesicht. „Chane," murmelte er, „sie sollte eine — eine Jacke auzieheii uni»—" „Und?" rief sie. „Und den Rock nicht so aufschürzen," ergänzte er verschämt. „Narr!" brach sie gellend los. „Ist das Alles, was Du zu sagen hast? Soll sie in einem Schleppkleide die Wäsche besorgen? Und was schadet es ihr, wenn Jemand sieht, daß Gott — gelobt sei sein Name! — sie so schön und dick und schwer hat werden lassen?! Ein Anfall ihres bösen Hustens unterbrach sie; es währte lauge, bis sie fortfahren konnte: „Schaden bringt's ihr nur, wenn's nicht die Rechten sehen: Leute, die einen brave» Jungen haben . . . Warum sorgst Du nicht dafür?!" Es war für den kleinen Mann gut, daß das Gespräch unterbrochen wurde; in die Schänkstube vorn trat ein Bauer, den Chane zu bedienen ging; Leib konnte in der Schlafstube bleiben, die nach dem Hofe lag und die Gedanken im wirbelnden Hirn zu ordnen suchen. Wenn er dabei nur nicht immer nach der Tochter hätte blicken müssen! — Der Anblick befremdete und beklemmte ihn immer wieder. Kein Kind mehr — das war Alles, was er zunächst dachte. Dann erst kam, winzig, schüchtern und allmählich aufschwellend, ein Hauch von Stolz und Glück in dies vergrämte, zertretene Gemüth: Chane hat Recht, sie konnten Gott danken, daß Miriam so geworden war, nicht blos gesund, sondern auch schwer und dick! Das heißt: nicht etwa unförmlich, kein Fettklumpen, wo ihm ein Vater, dem er sie antrug, antworten könnte: „So eine Frau noch weiter aufzunudeln, ist mein Sohn nicht reich genug," — aber saftvoll rmd quellend, wie eine eben gereifte Birne, und dabei so wuchtig, daß sich im Hofe — er sah es deutlich — kein Grashalm mehr regte, auf den der nackte braune Fuß getreten war, sondern für immer zerdrückt am Boden haftete. „Ein schiveres Mädchen," — das ist das Schönheits-Ideal dieses Voltes, das es, gleich so Vielem, was seine Seele erfüllt, sie beflügelt und »iederzieht, ans der fernen, heißen, auf ewig verlorenen Heimath mitgebracht hat. Miriam war schwer lind schon darum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.