Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 465 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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465 Gebiete des geistigen, des häuslich-familienhaften und des geselligen Lebens sind durchaus iudividualisirt-persönlicher Natur, und ihr Werth beruht wesentlich auf ihrer Jndividualisirung. . . . Fühlen und Denken, Glauben und Meinen, Sitte und Lebensgewohnheit in Haus und geselligem Verkehr" sind auch „der Ueberwachnilg und Beeinflussung durch Gesetz und Polizei weniger zugänglich", und „soweit derartige Versuche dennoch stattfinden, wirken sie leicht störend und verderblich." Ferner S. 565: „Unter solchen Umstände!! ist die Einmischung des Staates in das religiöse Leben mehr und mehr unmöglich geworden. Fürsten und Machthaber fötiuen als Menschen Religion haben und als Einzelne auf Einzelne in diesen! Sinne wirken. . . . Wenn sie aber als Inhaber staatlicher Macht mit staatlichen Mitteln ihre persönlichen Ueberzengnngen und Empfindungen auszubreiten unternehmen, dann sind die Wirkungen für die Einzelnen, für die Religion und für den Staat verderblich. Für die Einzelnen . . .: Lohn und Strafe, Gunst und Zurücksetzung, sind nicht die Mittel, auf die Ueberzeugnng zn wirken; was sie bewirken, ist Furcht und Begierde. Irdische Furcht und Begierde sind aber das Gegentheil religiöser Empfindung, und der Schein der Religion tobtet die Sache. . . . Und so ist die Wirkung staatlicher Protektion, daß die Aufrichtigen abgeschreckt, und dagegen die, denen ihre Seele feil ist, angelockt werden." Und doch!vill Paulsen, etwa 70 Seiten vorher, den Juden nur für die Preisgebnng ihrer religiösen Ueberzengnngen, die ja lediglich ihre „individnalisirtesten" Verhältnisse betreffen, die staatliche Gleichberechtigung zuerkannt und gewahrt wissen? Und die „feilen Seelen", die auf solche Weise aus den jüdischen Kreisen „augelockt werden", sie stören ihn nicht? Und noch einmal kommt P. (das. S. 567) darauf mit den Worten zurück: „Die Ursache (für die trotz aller verderblichen Folgen unabgeschreckten Versuche, auf das Religionsbekenntniß einzmvirken) liegt einerseits in der natürlichen Neigung zur Intoleranz, andererseits in der verblendenden Wirkung der Macht. Jedermann wünscht, daß seine Umgebung seine Ansichten theile oder ihnen sich uuterordne, und zwar ist dieser Wunsch um so stärker, je weniger die Ansichten auf objektiven Gründen ruhen, je mehr sie Sache der Neigung und des Willens sind." Und ein Mann, der so bestimmte und gesunde Theorien über Toleranz verkündet, zeigt sich, wo es gilt, sie in der Praxis zn bethätigen, so voll des Borurtheils und der Unduldsamkeit! Kein Volk blieb weiter vorn Proselyteumachen, das ja im Grunde auf Intoleranz zurückgeht, entfernt, als das jüdische, und doch hat keines mehr durch Intoleranz zu leiden und selbst von Predigern der Toleranz wie Paulsen. Nach alle dem werden wir. uns nicht verwundern dürfen, wenn P. seine Erörterung über düs Judenthum mit dem Satze schließt: „Voraussetzung der Assimilirung ist übrigens, daß nicht beständig neuer Zuzug von Osten her eindringt; die Schließung der Grenze wird also nothwendige Forderung der Friedenspolitik auf diesem Gebiete sein." Wie hoch die von P. so verächtlich behandelte „Masse" in ihrer ethischen Gesinnung über dem Ethiklehrer von Beruf stehe, hat die ansehnliche Reichstagsmajoritüt gezeigt, welche letzthin gegen solch inhumane chinesische Grenzsperre ihre Stimmen abgegeben. Es ist bedauerlich, daß ein Autor, der eine Ethik schreibt, wichtige Schriftdenkmäler.dieser Wissenschaft nicht kennt. So hat P. offenbar nicht einmal vom Alten Testainent eine rechte Kenntniß. Wäre er darin unterrichtet gewesen, so hätte ihn doch wohl sein Judenhaß nicht zurückgehalten, z. B. II S. 273, wo er mit großem Ernst die Wichtigkeit der geschlechtlichen Moral gegenüber den laxen Anschauungen älterer und neuerer Zeit betont, darauf hinznweisen. daß der Pentateuch auch in diesen! so außerordentlich bedeulsameu Punkte die uiufassendsten und vortrefflichsten Gesetze ausgestellt. Von einem Ethiker wäre ferner zu fordern gewesen, daß er von den anerkannt ethisch werthvollen „Sprüchen der Väter" (Mischua Aboth), überhaupt eine Ahnung von der talmudischen Ethik habe. Er würde aus diesen alten ehrwürdigen Quellen gar manches Vortreffliche haben lernen können, so z. B.: „Richte^deinen Nebeumenschen nicht eher, als bis du in seine Lage gekommen." (Aboth II, 5.) „Beurtheile jeden Menschen nur nach der möglichst günstigen Seite." (Das. lt, 6.) Und vor Allen!: „Dem schönen Lehren muß em schönesHaudelu entsprechen." (Jebam.63b.) e_ M iiMumnimm MMIM! 1- Kg 1IW! tili W m I * 1 FEUILLETON fl! nyaiimmnimm EäSlIlmMllmHI <-1 n MIliMMMWWMWMmIlMwlMMnm! nnMlMmIlMIMkMlMWMwsn^MnkMM ---1 I-1 jiüiiniMiiisxz lüflfllilimüll&Ss 1-> Leib Meihnachtslruchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) der dieser Vertrag wurde auch eingehalten. Monat für Mount tonnte Leib dein Herrn die fällige Rate überbringe». „Mir scheint," sagte Herr v. Paterski argwöhnich, „Du holst es beim Armenier oder gar beim Erdkugel; diese elenden Mensche» arbeiten ja jetzt, mir zum Trotz, zu neunzig Prozent!" Er irrte; Janko brachte das Geld selbst ans, durch gute Ernten begünstigt, aber doch unter unsäglichen Blühen. Kein Knecht hätte sich so »ähren, so kleiden möge»; selbst die Hütte war an den Hilssprcdiger vermiethet, de» Pater Jephrem bezahlen musste, weil er selbst jetzt nur »och in aller Frühe uüchler» war; Janko schlief Sommers und Winters im Stall. Und so gearbeitet halte noch Niemand in Wiukowze; Morgens war er mit de» Hühnern ans und sank erst spät Abends ans das armselige Lager. „Unsere Hunde haben's besser," sagten die Nachbarn verächtlich, denn sein Thun erschien ihnen nicht bloS eines Hofbesitzers unwürdig, sondern auch thöricht: wie konnte ei» Mensch seinem Schicksal entgehen wollen?! Nur die Mitleidigsten fragten zuweilen auch: „Wie kann inan ein solches Leben ertragen?" Hörte Janko davon, so lächelte er nur: er hatte sich in diese Anstrengung und Entbehrung hineingewöhnt, wie Andere ins Prassen, und dann fehlte cs ihm ja auch an Freuden nicht. Er hatte täglich eine gute Stunde, von elf bis zwölf, die Mittagsstnnde i» Ost- Galizie», wo alle Arbeit ruht; da saß er in der Schänke, aß sei» Brod, trank Wasser dazu und unterhielt sich mit dem Leib und der Miriam. Spielsachen brachte er ihr nicht mehr; er hatte nun keine Zeit zum Anscrtigen, sie zum Spielen; die Zwölfjährige mußte der Mutter in der Wirtschaft beistehen. Aber sie lachte noch wie früher und ihm leuchtete das düstere Antlitz, so oft er dies Lachen hörte, um das Kind zn erheitern, fiel sogar ihm ein Scherz ei»; cs kam ihm selbst hinterdrein sonderbar vor, aber es war so. Die Miriam konnte ihn zn Allem bringen, sogar sich zuweilen Fleisch oder einen neuen Kittel zn gönnen, aber sie that's nur, wenn sie wußte, daß das Geld für den nächste» Ersten beisaimnen war. Vielleicht dankte er dieser einen Tagesstunde die Kraft, daß daran nie ei» Heller fehlte, bis ein volles Sechstel abgezahlt war. Nun begann auch der kleine Leib zu hoffen. Sei» Weib, wurde immer kränklicher und siechte endlich sichtlich an der Auszehrung dahin, Noth und Sorgen drohten ihm über den Kopf zu ivachsen, aber er hatte noch immer Zeit, sich um den Janko zn bekümmern.