Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 464 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228134--52186-3272968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wissenschaftlichen, artistischen »nd Humanitären Interessen — wenn dies nicht das Wesen eines Volkslebens ausmacht, was dann? Macht es etwa der Alkoholismus, besonders der sonntägliche, auS und das damit in Verbindung stehende sorglose Jndentaghineinlebe»? Sollte es nicht mit Dank begrüßt werden, daß ein Theil der Bevölkerung durch sein Beispiel eine deutliche Lehre ertheilt, wie man durch Nüchternheit, Mäßigkeit, Fleiß und Sparsamkeit es zu Etwas bringt? Was kann P. nur damit meinen, wenn er dann fortsährt: „Zu fordern wird allerdings sein, daß, iver als Gleichberechtigter angesehen werden will, sich auch ganz ans den Boden des Gemeinschaftslebens stellt"? Es bleibt nichts übrig, als an das religiöse Moment zu denken. Und richtig, er leistet sich den Satz: „Wer von Religions wegen gehindert ist, mit Anderen zu Tische zu sitzen — also das meint der Philosoph Panlsen in erster Linie mit dem hochtrabenden Worte „Gcineinschaftsleben", daß man ja auch Alles esse, was alle Anderen essen — „oder in der Schule am Sonnabend die Feder an znrühren, der schließt sich selber aus, und es ist thöricht, unter dem Titel der Toleranz solche anmaßliche Abschlicßnng gelten zu lassen, und daß eine Religion, zu deren Wesen eine bestinnnte Verstümmelung des Körpers oder eine besondere Form der Tödtung der Schlachtthiere gehört, Gleichstellung mit der Religion civilisirter Völker beansprucht und durchsetzt, ist auch eine seltsame Thatsache. Wer durch solche Tinge — man denke durch solche das eigentliche Wesen des Volkslebens betreffende Dinge — sich selber außerhalb stellt, der darf sich nicht beklagen, wenn er draußen bleibt; wer aber entschlossen ist, sich der ganzen Lebensgemeinschaft des Volks anznschließen, dem soll seine Herkunft und seine religiöse Ueberzengnng kein Hindernis; sein." Es ist wahrlich schwer, gegenüber dieser hochmüthigen Sprache die Ruhe zu bewahren und den Zuruf zu unterdrücken: Wie kommt der kleine Epigone dazu, eine Religion zu lästern, die der Quell von Weltreligionen geworden, der es zu danken ist, daß die Religionen der Völker ihres heidnischen Charakters entkleidet worden »nd somit diese selbst den erheblichsten Theil ihrer Civilisation erhielten, wie kommt er dazu, eben diese Religion der Gleichstellung mit der civilisirter Völker für unwürdig zu erklären? Und wie, wenn gerade die jüdische Schlachtart diejenige wäre, welche, wie viele namhafte Kapazitäten behaupten, sich vortheilhaft vor der Rohheit der gewöhnlichen Weise der Thiertödtung auszeichnet, wenn das Speisegesetz nicht nur, wie gleichfalls von hervorragenden Aerzteu festgestellt, der Gesundheit am förderlichsten wäre, sondern auch jene sittliche Selbstbeherrschnng mit herbeigeführt hätte, die das jüdische Volk vor derjenigen selbstmörderischen Genußsucht bewahrte, der andere Völker zum Opfer fielen, wenn auch die Beschneidung — wie Panlsen das treffliche Buch von Alfred Nossig belehren konnte — nicht mir hygienisch, sondern auch sittlich von heilsamster Bedeutung wäre, wie, wenn in all diese» Gesetzen eine Weisheit sich bärge, von der eine durch muckerhafte Intoleranz eingeengte Pcofessorcnweisheit sich nichts träumen läßt? Doch wenn wir gleich von solcher Weisheit nicht zu viel Wiffen verlangen dürfe»: Zweierlei dürfen wir von ihr unter allen Umständen fordern — logisches und konsequentes Denken; aber wir vermissen Beides. Sie sagt mit gnädiger Miene: „Wer aber entschlossen ist, sich der ganzen Lebensgemeinschaft des Volkes anznschließen, dem soll seine Herkunft und seine religiöse Ueberzengnng kein Hinderniß sein." Wenn nun aber meine religiöse Ueberzengung dahin geht, daß ich Moses und den Propheten mehr zu glauben habe als Herrn Panlsen, und also nicht nur an den Lehren, sondern auch den Gesetzen des Judenthmns festzuhalten mich nicht entbrechen kann, so soll mir dies, ivas eben meine ehrliche religiöse Ueberzengung ist, kein Hindernis; sein, d. h. ich kann ihr gemäß leben, vorausgesetzt, daß ich mich zugleich der ganzen Lebensgemeinschaft des Volkes anschließe. Wie ist dies jedoch möglich, wenn — wie P. früher gesagt — mit diesem Anschluß an die ganze Lebensgemeinschaft des Volkes die Aufgebung all' der religiösen Observanzen gemeint ist, welche aber hinwiederum meiner religiösen Ueberzeugung nach für mich verbindlich sind? Kann es einen schlimmeren Cirkel geben? Ferner muß doch ein Philosoph konsequent denken. Was sagt nun aber P., allerdings 470 Seiten vorher? Er rühmt die charaktervolle Tapferkeit, welche trotz tausendfältigen Druckes an ihrer Ueberzengung festhült (II. S. 23); müßte er somit nicht auch die charaktervolle Tapferkeit, mit der die Inden trotz aller Bosheit und Unduldsamkeit durch die Jahrtausende an ihrem Bekenntniß festhalten, würdigen und preise», statt sie „anmaßlich" zu schelten? Panlsen sagt ferner, allerdings wieder 300 Seiten vorher: „Es ist ihm (dem Demüthig-Freiinüthigen) ein Stolz, sich zu Denen zu bekennen, die um des Rechtes und der Wahrheit willen geschändet werden, »nd er achtet es für eine Ehre, mit ihnen Schmach und Verfolgung zu leiden" (das. S. 95). Daß aber die Inden, wie kein Volk auf Erden, diesen Seelenadel bethätigt, dafür hat er kein Auge, dagegen will er so huldvoll sein, uns unter gewissen Bedingungen unsere Herkunft nicht in Anschlag zu bringen! Wir danken für diese Huld und verbitten sie uns — wir sind stolz auf unsere Herkunft und achten es für eine Ehre, zu den von Herr» Panlsen Geächteten zu gehören. Indes; hören wir, was Panlsen, freilich wieder an Stelle», wo er offeiibar an das Judenthum noch nicht gedacht hat, über Toleranz und Intoleranz äußert. „Fremde Art ertragen und verstehen ist Bildung. Es wäre nun eine schöne Aufgabe für die höheren Schulen, zu dieser Bildung zu führen. Die Masse des Volks sieht über die Grenzen des eigenen Volksthnms kaum hinaus rc." (II., S. 178). Wie reimt sich nun diese edle Doktrin mit dem, was der Universitätslehrer seinen Jüngern i» der Ethik über das Judeuthnm vorträgt? Wie derb weiß ferner Panlsen die Intoleranz als einen Habitus zu geißeln, der einerseits im „Heerdentrieb", andererseits in dem „Hochmuth und Unfehlbarkeitsdünkel der Menschen" seine natürliche Wurzel habe. „Die Masse der Menschen wird ihrer Sache nur sicher, wen» die Umgebung einmnthig denselben Weg geht, denselben Gedanken denkt. Daher verlangt sie, daß Jeder sich ihr anbeqneme, Abweichung wird als Störung peinlich empfunden, und deshalb werden alle Mittel angewendet, die geeignet scheinen, den Abweichenden entweder zum Anschluß zu bringen oder ihn aus dem Gesichtskreis zu entfernen. Bei den Führern der Masse wirkt der Hochmuth in demselben Sinne." (Das. S. 148.) Ich glaube, man braucht nur Panlsens Auslassnnge» über das Judenthum zu lesen, um den letzten Satz vollkommen veranschaulicht zu finden. Dagegen glaube ich nicht, daß die Masse, über die sich Panlsen so erhaben dünkt, von solch unduldsamer Denkart erfüllt sei. Rein, die Masse mit ihrem gesunden Sinn ist tolerant, nur wird sie von gewissen Führern irregeleitet. Ganz besonders seinem Verhalten zui» Jndenthnm widersprechend ist, was Panlsen an verschiedene» Stellen eigens über religiöse Toleranz sagt. II., S. 558 heißt es: „Als Erbe der Kirche hat der Staat die Sitten- und Glaubenspolizei . . . überkommen und verwaltet. Der Liberalismus ist die große Reaktion gegen diesen Jrrthum, und hierin liegt sein Verdienst »nd seine historische Nothwendigkeit. ... Je mehr es um Bethätignng des eigenthnmlichen und Persönlichen Lebens sich handelt, desto stärker werden die Bedenken gegen öffentliche Regulirnug . . .. desto nothwendiger die Vorkehrungen zl»n Schutze der Freiheit." F.-rner daselbst: „Die