Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 462 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Landwehr-Regiment Nr. 59 (später Division Kummer). Derselbe wurde als Unteroffizier eingezogen und wurde bald darauf Feldwebel. Während des ganzen Feldzuges vertrat derselbe die Stelle eines Offiziers und übernahm in dem Gefechte bei Conywy am 13. Januar 1871, da alle andern Offiziere fehlten, das Kommando der Kompagnie. Im Uebrigen verweise ich Sie auf Nr. 22 des 58. Jahrgangs Ihrer Zeitung, in welcher der Verstorbene im Sprechsaal selbst das Alles veröffentlicht hat. Krotoschin, im September. L. K. 4 Auf Ihren Artikel in Nr. 33 der geschätzten Zeitung des Judenthums Bezug nehmend, bin ich auch in der Lage, einen Beitrag zur Tapferkeit jüdischer Soldaten zu liefern. Der Kaufmann Mos. Heinberg von hier hat den Feldzug 1870/71 von Anfang bis zu Ende mitgemacht. In nicht weniger als 16 Schlachten hat er mitgekämpft, dabei in den blutigsten. Für seine unerschrockene Tapferkeit und dafür, daß er seinem Hauptmann das Leben gerettet, erhielt er das eiserne Kreuz. Stadtoldendorf, 10. September. S. Braun, Lehrer. * Wie wohl in israelitischen Kreisen bekannt, hat das Großherzogthum Mecklenburg nur verhältnißmäßig wenig jüdische Mitbürger, und konnte naturgemäß auch nur eine geringe Anzahl solcher in den Krieg von 1870 71 senden. So zogen aus Schwerin, welches die größte israelitische Gemeinde unseres Landes besitzt, nur zwei jüdische Soldaten ins Feld, von denen einer, Siegmund Jonas vom 14. Jägerbataillon, in der Schlacht von Beaugancy, am 2. Dezember 1870, den Heldentod starb. Seinen Wunden erlag ferner H. Kaspar aus Stavenhagen, welcher beim 2. Hanseatischen Infanterie-Regiment Nr. 76 diente. Ich kann diesen Bericht nicht schließen, ohne eine geschichtliche Reminiszenz, welche wohl geeignet wäre, den Ehrabschneidern, welche uns Juden Mangel an Vaterlandsliebe vorwerfen, die Unhaltbarkeit ihrer Verleumdungen zu beweisen. Bis zum Jahre 1813 war den Juden der Militärdienst in Mecklenburg verwehrt, wie ihnen überhaupt jedes politische Recht versagt war' Als nun im Jahre 1613 der Großherzog Friedrich Franz I. Freiwillige zum Kampfe gegen Napoleon zu den Fahnen rief, da eilten von den wenigen mecklenburgischen Juden 28 junge Männer freiwillig herbei, um dem Vaterlande, welches ihnen und ihren Vätern jedes Recht, selbst das, die winzigste Scholle Landes ihr eigen zu nennen, versagte, mit ihrem Blute zu beweisen, daß auch sie sich als Mecklenburger fühlten. Auch von diesen 28 Jünglingen fanden mehrere den Heldentod auf feindlicher Erde. Schwerin i. M., 9. September. Adolph L. Sußmann. * Unter den 110 hiesigen Bürgersöhnen, welche den Krieg von 1870 mitmachten, befanden sich auch sieben Juden, wovon zwei das eiserne Kreuz erhielten, nämlich der jetzige Rechtsanwalt Dr. Joseph Bin ge in Frankfurt a. M., damals Unteroffizier in der 2. Eskadron des Königs Husaren-Reg. Nr. 7, später Offizier der Landwehr, sodann Herr Moritz Ochs, Unteroffizier im 2. Thüringischen Jnfanterie-Reg. Nr. 83, welcher am 18. Oktober bei Chateaudun dicht am Knie sehr stark verwundet wurde. Nach mehrwöchentlichem Lager im Lazareth hierherverbracht, erholte er sich nach und nach, starb aber doch eines frühzeitigen Todes. Seinem Vater, einem bekannten frühern Hotelbesitzer, setzte die Nachricht von der Verwundung seines Sohnes so zu, daß er einen Schlaganfall erlitt, der ihm einige Jahre später das Leben kostete.. Karl Marx, Kaufmann von hier, war Gefreiter im Füsilierbataillon des 2. hessischen Jnfanterie-Reg. Nr. 82, Wilhelm Schiff, Buchhalter, war Unteroffizier in demselben Bataillon und ist vor einigen Jahren verstorben. Außerdem waren noch mit als Soldaten des 2. hessischen Infanterie-Regiments Nr. 82: Buchbinder Karl Bender, sowie die Oekonomen und Fuhrunternehmer David und Ferdinand Re in ach. Alle hielten sich gut, waren mit ihren christlichen Kameraden sehr befreundet, und die meisten von ihnen sprachen ein fließendes Französisch, was ihnen und Allen zugute kam. In der „Allgemeinen Zeitung des Jndeuthums" habe ich, wahrscheinlich im Jahre 1871, in einigen Nummern einige Skizzen aus den Erinnerungen des obengenannten Herrn Moritz Ochs sel. Andenkens veröffentlicht. Hieran anschließend berichte ich Ihnen von einem Manne, dem Schirmmacher Louis Ochs, zu dessen Leichenbegängniß folgender Aufruf in unfern Lokalblättern erschien: „Gott dem Allmächtigen, dem obersten Kriegsherrn über Leben und Tod, hat es gefallen, unfern Kriegskameraden aus dem Jahre 1849, Louis Ochs, in seinem 70. Lebensjahre zum großen Appell abzurufen. Alle Kameraden, die den Feldzug nach Schleswig-Holstein 1849 mitgemacht haben, werden gebeten, ihn zu seiner letzten Ruhestätte Sonntag den 1. September, Morgens 8' Uhr, vom Sterbehaus Wallstraße 24 zu begleiten. Homburg, den 30. August;895. Schnappup, Polizeisergeant." Diesem Rufe wurde entsprochen, und die ihm befreundeten Veteranen von damals folgten dicht hinter den Leidtragenden dem Sarge?) Zum Schluß kann ich Ihnen noch etwas aus dem Jahre 1813 mittheilen, was mir ein gebildeter und toleranter alter Herr (Professor G. von hier) erzählte. Als 1813 so viele Freiwillige dem Rufe des Vaterlandes folgten, wurden die in Eisenach versammelten Soldaten vor dem Ausmarsch zur Kirche geführt, um das Abendmahl zu nehmen. Einer nach dem Andern empfing dasselbe am Altar, wo der würdige Konsistorialrath Kühn amtirte. Da traf es sich, daß er unter den vortretenden Freiwilligen auch einen ihm von früher her bekannten Juden erblickte, und Beide sahen sich verlegen an. Schnell gefaßt, legte der Geistliche seine Hände auf des Juden Haupt und sprach: „Es segne Dich, mein Sohn, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!" Wahrlich, das war eine priesterliche Handlung, entsprechend der damaligen Begeisterung und Hingebung aller Stände und Konfessionen. Homburg v. d H., im September. Louis Lehmann. * Zu dem Kapitel „Kriegserinnerungen" erlaube ich mir, Ihrer Aufforderung entsprechend. Sie auf ein Mitglied unserer jüdischen Gemeinde hinzuweisen, Herrn Kaufmann Ludwig Heilbronner, der im deutschfranzösischen Feldzuge mit dem „eisernen Kreuz" dekorirt wurde. Herr Heilbronner zog als Gefreiter im 12. baierischen Infanterie- Regiment in Neu-Ulm in den Krieg. Er erhielt laut Schreiben des Regimentskommandos das „eiserne Kreuz" für sein ausgezeichnetes Verhalten in der Schlacht von Sedan, wo er bei der wiederholten Erstürmung der Anhöhen zwischen La Moncelles und Balan in den vordersten Reihen kämpfte und deshalb von drei Offizieren gleichzeitig zur Dekoration vorgeschlagen wurde. Bei der Einnahme von Orleans wurde ihm weiters, laut baierischem Armee-Verordnungsblatt Nr. 65 vom Jahre 1870, wegen tapferen Verhaltens eine Belobung zu Theil. - Es dürfte ferner interessiren, daß Ludwig Heilbronner der erste jüdische, mit dem eisernen Kreuze, in diesem Feldzuge dekorirte Soldat der baierischen Armee war, und ihm demzufolge auch, auf Grund besonderer Bestimmung des Gebers, die für einen Soldaten israelitischer Konfession ausgesetzte Gabe von 100 fl. als Belohnung für seine verdienstvollen Leistungen und sein tapferes Verhalten während des Krieges auf Grund des Königlichen Kriegs-Ministerial-Reskripts vom 12. November 1871, zuerkannt wurde. Memmingen, im September. A. Gerstle. * In der Geschichte des 6. badischen Infanterieregiments Nr. 114, von dem Major Waenker v. Dankenschweil beim großen Generalstabe, ist der damalige Gefreite und jetzige Kaufmann Heinrich Harburger *) Zu erwähnen ist noch, daß der Verewigte auch Synagogendiener gewesen, sich durch Pünktlichkeit und Ehrenhaftigkeit auszeichnete. Außerdem kannte er alle liturgischen Gebräuche und wußte auf Jahre hinaus, wann Jemand Jahrzeit habe, erinnerte Manche daran, machte die Gemeindemitglieder auf bevorstehende freudige Familienereignisse ihrer Verwandten und Freunde aufmerksam, damit sie eine Mizwoh (Alijoh :c.) bei ihm bestellen resp. kaufen konnten. Ehre dem Andenken des wackern und braven Mannes!