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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-27 · Heft 39 (27.9.1895) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 460 (sequence 6)
Language
German
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460 gebet Nlenu, predigte ich über den Text von Jeremias 31, 15 n. 16: „So spricht der Ewige: Halte zurück deine Stinune vom Weineil und beiu Auge von Thronen, denn ein Lohn ist für dein Thun, spricht der Herr, und sie werden znrückkehren aus dein Lande des Feindes, lind Hoffnung ist für die Zukunft, ist der Spruch des Ewigeil, nlid es werdeil znrückkehreil die Kiilder in ihr Gebiet." Ich inahiite meine Krieger, Math 31t fasseil im Vertrauen und in der Hoffnung auf Gott. Israel inöge hellt an diesem heiligeil Tage mit denl Erzvater Jakob aus vollem Herzen gelobeil und beten: „Wenn Gott mit mir fein werde und mich behüten auf diesem gefahrvollen Wege, den ich gehe, mib ich nach errungenem Frieden heimkehre in mein elterliches Halls, so soll der Ewige mein Gott sein." Eine innere Stimme werde ihm alsdann die Berheißnng Gottes, des Erhörers aller allfrichtigell Gebete verkiillden: Nicht vergeblich ist deine opferivillige, todesnillthige Hingebllllg, „ein Lohn ist für deill Thilll", imb bit wirst rllhmgekrönt zurückkehren aus denl Lallde des Feindes." Aus ben mächtigen Ereignisseil, welche die Söhne des Vaterlalides mit Gottesmuth und Gotteskraft heldenmüthig voUbringeil, ertöne laut und vernehmlich die Gottesverheißnug einer großen Zllknnft für das Vaterland, da auch die beinahe seit zlvei Jahrhuilderteil Deutschlaild entfremdeten Kinder wieder znrückkehren werden in ihr altes Stammland. Eille wahrhaft erhebende Andacht herrschte während des gailzen Gottesdienstes, kein Auge blieb thrällellleer, stelleniveise übertönte das Weiilen und Schluchzen der Mannschafteil die Gebete und die Predigt. Als ich voll der Heimkehr des Patriarchen „in Frieden" sprach, glaubte ich mich vor einem voll Leidtragenden umgebenen, offenen Grabe zu befinden, so lllüchtig wirkte das einfache und zu Herzen gehende Gotteswort. Nach dem Gottesdieilste begabeil sich die Mannschaften in ihre Standquartiere zurück, ulil andern Tages mit dem Morgengrauen wiederzukommen;. nlailche hatten iilehrere Stundeil durch des Waldes Dickicht zurückzillegeil. Ich selbst tonnte nur wenige Stunden schlafell, weil die ganze Nacht eille furchtbare ftanonabe mit Bazaine unterhalten wurde. Der Gottesdieilst anl Jolllkippur dauerte von 7—11 imb von 4r'j—61-* Uhr und war ebenso erhebend und von der heiligsten Andacht getragen lvie der am Vorabende. Als wir am Schluffe das Glaubeusbekenutnifi sprachen, das so oft unsere Väter im Leben und Sterben den seligsten Trost geivährte, hörten wir den Kanonendouner des benachbarten Forts. Die Mannschafteil kehrten, mit Dankes- und Segensworten für mich, neu gestärkt durch die treue, religiöse Pflichterfüllung, voll Mnth und Zuversicht in ihre Quartiere zurück. Unter den Soldaten befanden sich viele Unteroffiziere, Chargirte und Freiwillige, mehrere Stabsärzte und einige Beanlte der Militärverwaltung. Am andern Tage erstattete ich dem General v. Mantenffel die Meldung über ben stattgehabten Dienst und dankte ihnl für sein bereitwilliges Entgegenkommeil in meinem und meiner Glaubensgenossen Namen. Ich reiste nach Mannheim zurück, um bald wieder als Feldgeistlicher der ersten Armee, die aus dem 1., 2.. 7. und 8. Armeekorps bestand, zu folgen. Ich leitete noch verschiedene Feldgottesdienste in Amiens, Roueil, St. Quentin und besuchte alle Lazarethe im Bereiche der ersten Armee, in welchen viele jüdische Verwundete, darunter viele Schiververivundete sich befanden. Bei der Anwesenheit des Kronprinzen, des späteren Kaisers Friedrich, in Amiens, der im März 1871 in Vertretung seines kaiserlichen Vaters eine große Parade abhielt, batte ich die Ehre, dem hohen Herrn vorgestellt zu werden und ivurde auch von demselben in der leutseligsten Art angesprochen. Auf Vorschlag des Höchstkommandirenden, Generals v. Göden, erhielt ich im April durch das Hauptquartier in Versailles von S. M. dem deutschen Kaiser das eiserne Kreuz und einige Zeit später die Erinnerungsmedaille. Ich blieb in Frankreich bis zum Juni desselben Jahres und reiste auf Einladung des Hauptquartiers mit dem Oberkommando der ersten Armee über Köln und Hannover nach Berlin zum Einzuge der Truppen. Ich machte den Festzug unter großen Entbehrungen auf meine eigenen Kosten mit und hatte keinen andern Ehrgeiz, als meinen Glaubensbrüdern mit dem Tröste unserer Religion und mit hilfreicher Hand im Felde und im Lazarethe nahe zu sein und unsere Religion bei der deutschen Armee zu vertreten. Niemals während des ganzen Feldzuges ist mir je eine Aeußerung zu Ohren gekommen — und ich verkehrte mit vielen Offizieren und Beamten aller Waffengattungen — daß jüdische Soldaten nicht ihre volle Pflicht als Soldaten gethan Hütten. Ich bewunderte vielmehr den wahrhaft patriotischen Geist der jüdischen Mannschaften, die charaktervolle Disziplin und das kameradschaftliche Verhültniß zwischen Juden und Christen. Viele wurden mit dem eisernen Kreuze dekorirt, andere wieder waren bei ihren Vorgesetzten sehr beliebt und angesehen und zu den verschiedensten Vertrauensposten berufen. Wie ich mir in der Andacht des Kolnidre-Abends die jüdischen Soldaten angesehen, wie ich sah, welcher Ton des Anstandes, der Bildung und der tiefen Religiosität unter so vielen Soldaten herrschte, da hatte ich die feste Ueberzeugung gewonnen, solche Leute werden dem Vaterlande nnb unserer religiösen Gesammtheit nur Ehre machen, und ich hatte mich wahrhaftig nicht getäuscht; wenn jemals der Ruf des obersten Kriegsherrn an die Deutschen zur Vertheidigung des Vaterlandes ergehen sollte, so bin ich fest überzeugt, daß die jüdischen Soldaten in gleicher Weise ihre volle und ganze Pflicht thun werden, dafür bürgt uns die deutsche Erziehung unserer Jugend, unsere Religion und der Geist unseres Familienlebens. Krregserinnerungen. Berlin, 22. September. ir ergänzen und berichtigen die Liste der jüdischen Inhaber des eisernen Kreuzes noch auf Grund uns direkt zugegangener Mittheilungen in Folgendem und bitten um weitere Nachrichten nach dieser Richtung hin. Baer, Heinrich, aus Graben. 1 bad. Leibgrenadierregiment. Silberne Verdienstmedaille und bad. Friedrich-Militärverdienstmedaille. Rabbiner Dr. Blumenstein, I., aus Luxemburg. Zur Zeit Feldgeistlicher. Eisernes Kreuz. Unteroffizier Crohn, Bernhard, jetzt in Berlin. Eisernes Kreuz. Rechtsanwalt Feige, Breslau. Eisernes Kreuz. Dr. Goldschmidt, E., aus Leipzig. Eisernes Kreuz. Rechtsanwalt S. Gutfeld, aus Berlin. Eisernes Kreuz. Vizefeldwebel Horn, Fritz, aus Düsseldorf. 40. Reg. Eisernes Kreuz. Restaurateur Jaretzki, jetzt Posen. Eisernes Kreuz. Gerichtsvollzieher Kajet, jetzt Posen. Eisernes Kreuz. Kann, Louis, jetzt in Hannover. Eisernes Kreuz. Unteroffizier Kleemann, Moses, aus Werneck, jetzt Frankfurt a. M. 14. baier. Jnf.-Reg. Militär-Verdienstkreuz. Sanitätsrath Dr. Levin, Leopold, aus Berlin. Eisernes Kreuz. Stabsarzt a. D. Prof. Mendel, Eman. Rother Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern, Eisernes Kreuz am Bande der Kombattanten zu tragen. Einj. Freiw. Meyer, Aron, aus Bückeburg. Eis. Kreuz und Verdienstkreuz. Stabsarzt Dr. Michael, aus Berlin. Eis. Kreuz und Rother Adlerorden. Meyer, Michael, aus Honnef. 2. Rhein, Jnf.-Reg. Nr. 28. Eis. Kreuz. Bataillonsarzt Dr. Mühsam, aus Berlin. Eisernes Kreuz. Stabsarzt Dr. Michelfen, aus Posen. Eisernes Kreuz.

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