Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- Seite 459 (sequence 5)
- Language
- German
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459 Jubel begrüßt. Unter den Ersten, die an den König Victor Emanuel Beglückwünschiliigsadressen sandten, befand sich die israelitische Gemeinde zu Rom, welche ihrer Frende an der glücklichen Umgestaltung der römischen Verhältnisse in folgender Adresse Ausdruck gab: „Majestät! Nun, wo ein tapferes Nationalheer Nom sich und der Freiheit zurückgegeben und Rom im Vereine mit Italien dieses glückliche Ereignkß feiert, fühlen die hiesigen Israeliten das Bedürfnis Ew. Majestät die Gefühl unendlicher Dankbarkeit als Italiener, als Römer und als Israeliten zu Füßen. zu legen. Als Italiener freuen wir uns, daß binnen Kurzem ein glänzendes Plebiscit die nationalen Wünsche krönen und das Königreich mit Rom, seine Integrität, nun immer größeren Bestand erhalten wird. Als Römer jubeln wir, indem wir sehen, mit welch unendlicher Liebe unsere befreite Vaterstadt der Umarmung der Schwesterstädte und dem Genüsse der konstitutionellen Freiheiten entgegeneilt. Als Israeliten, bisher in einer schmerzhaften Ausnahmestellung lebend, treten wir jubelnd in die gemeinschaftlichen Rechte ein und begrüßen mit Entzücken den Tag, wo diese Rechte, die allgemeinen Rechte der Menschheit, auch in dieser Stadt triumphiren. Wir erinnern uns nun zum letzten Male des Namens Israeliten in dem Augenblicke, wo wir von dem Zustande des Interdikts zum heiligen Beginn der bürgerlichen Gleichheit übergehen. Nun unter dem Schutze Ihres konstitutionellen Szepters, werden wir außerhalb unseres Tempels uns an nichts Anderes erinnern, nichts Anderes sein als Italiener und Römer. Majestät! Schwer und tief sind die Wunden, welche uns in der Vergangenheit in ökonomischer, moralischer und intellektueller Beziehung geschlagen wurden. Wir dürfen es nicht verheimlichen. Unsere katholischen Mitbürger wissen es und sehen es ein, daß es nicht unsere Schuld ist, und haben bisher, mit wenigen Ausnahmen, uns mit ihren Sympathien begleitet, lebhaft, wenn auch ohnmächtig, gegen die uns gewordene Behandlung protestirt. Von nun an werden sie gewiß unsere Bemühungen unterstützen, diese Wunden zu heilen und dem gemeinsamen Vaterlande den Tribut schuldiger Dienste und nützlicher Opfer zu bringen. Genehmigen Ew. Majestät die heißen Glückwünsche, die wir Ihnen, Ihrem erlauchten Hause und unserem italienischen Vaterlands entgegenbringen. Rom, den 25. September 1870. Die Israeliten von Rom." Einige Wochen später publizirte die „Gazzetta Ufficiale" (14. Oktober 1870) nachstehendes Dekret: „Viktor Emanuel, von Gottes Gnaden und dem Willen der Nation König von Italien. Gesehen den 24. Artikel des Gesetzes nach Anhörung des Ministerrathes, nach dem Vorschläge unseres Siegelbewahrers, Staatssekretärs der Gnaden-Angelegenheiten, der Justiz und der Kulten, haben wir dekretirt und dekretiren: 1. In Rom und den römischen Provinzen hört jede Ungleichheit zwischen den Bürgern betreffend des Genusses, der Ausübung der Civil- und politischen Rechte, der Fähigkeit zu den öffentlichen Aemtern, welchem Kultus sie immer angehören mögen auf; 2. jedes Gesetz oder jede Anordnung, welche dem gegenwärtigen Beschluß entgegen ist und dessen Wirksamkeit nach seiner Veröffentlichung ins Leben tritt, wird außer Kraft gesetzt. Wir befehlen, daß gegenwärtiges Dekret mit dem Staatssiegel versehen und in der offiziellen Sammlung der Gesetze und Dekrete des Königreichs Italien inserirt werde, damit Jeder sich darnach richte und es auch handhaben lasse. Gegeben in Florenz, am 13. Oktober 1870. Viktor Emanuel." Kor fnnfundzwanfig Iahrrn. Von Rabbiner Dr. I. Blumenstein in Luxemburg. (9-^^^ir stehen unter dem Zeichen der glorreichen Erinnerungen unseres deutschen Vaterlandes mib schauen voll Verj u wnnderung ans die große Zeit mtb ihre großen Männer zurück, die »ns den Jugendtrani» aller deutschen Patrioten von der Herrlichkeit des wiedererstaudene» Reiches zur Wirklichkeit gestalteten. In dein Kreise dieser Erinnerluigen sei es daher auch mir gestattet, des Gottesdienstes zu gedenken, de» ich mit einer Anzahl deutscher Soldaten jüdischen Glaubens am Kol-nidre-Abend und am Jomkippur in der Belagernngsarmee vor Metz am 4. und 5. Oktober 1870 abgehalten. Der selige Mannheimer Rabbiner Dr. Friedmann erhielt nach dem Neujahrsfeste verschiedene Feldpostbriefe jüdischer Soldaten, die vor Metz lagen und die ihn baten, er möge durch seinen Einfluß die Veranstaltung eines jüdischen Gottesdienstes am Versöhnungstage veranlassen, da sich allenthalben ein stürmisches Verlangen nach religiöser Erbauung gellend mache. Da ich damals während der Ferien bei meinen Eltern in Mannheim war und viel im Hanse Friedmanns, dieses herrlichen und mir unvergeßliche» Mannes, verkehrte, entschlossen wir uns, dem kommandrrenden General des I. Armeekorps, Herrn von Manteuffel, unsere Bitte vorzutragen tiub erbaten uns sofortige Antwort. Nach einer in sehr verbiiidlichem Ton gehaltenen Depesche des Generals, der meine sofortige Abreise in das Lager vor Metz wünschte, begab ich mich zwei Tage vor Joiukippnr auf den Kriegsschallplatz. Ich führ mit der Bahn bis Courcelles, mtb von da legte ich nach Anweisung des Elappenkommandos den Weg ilach St. Barbe zu Fuß zurück. Daselbst befnild sich das Hauptquartier des ersten Korps. St. Barbe ist ein kleines freundliches Bauerndorf, das durch die Schlacht am 10. August, sowie burd) die Granaten der belagerten Festung sehr gelitten hatte. Fast alle Häilser zeigten Spuren der Beschießung, die Mauer um den Kirchhof war durch Schießscharten verthkidignngsfähig gemacht. Ans dem Wege nach St. Barbe kam ich an verschiedenen Wachtposten vorbei, die mich nach gehöriger Legitimirmig ineines Weges ziehen ließen. Im Hauptquartier angekommen, wurde ich bei dem General Manteusfel eingeführt. Derselbe wohnte in einem bessern Bauernhause und lag fußleidend auf einer Feldbettstelle. Um ihn waren der Generalarzt des 1. Armeekorps, Professor Wagner aus Königsberg, der später in der Südarmee den Anstrengungen des Dienstes erlag; ferner der Chef des Geiieralstabs, Oberst von Burg, später komiuandireuder General des II. Armeekorps in Stettin, sowie eine Anzahl fremdländischer Offiziere. Ich wurde sehr freundlich empfangen, unb es wurden mir verschiedene Offiziere genannt, mit denen ich mich in Verbindung setzen sollte. Dann wurde ich in das für Stabsoffiziere eingerichtete Kasino eingeführt, die Feldpost und der Feldtelegraph wurden mir zur Verfügung gestellt. Ich erhielt gleichfalls in einem Bauernhause ein kleines Zimmer als Quartier angewiesen; die Verpflegung durch das Koulmaiido lehnte ich ab; ich hatte einige Nahrnngsborräthe von zu Hause mitgebracht, mit denen ich ausjukommen hoffte. Tags darauf filhr ich in einem dem Hauptquartier gehörenden Wagen, begleitet von zwei berittenen Ordonnanzen, nach Olgy zlun General v. Kummer, mit dem ich gleichfalls wegen des zu veranstaltenden Gottesdienstes verhandeln mußte. Die jüdischen Soldaten wurden durch Corpsbefehl in voller Feldausrüstung für Dienstag den 4., Nachmittags, und Mittwoch den 5. Oktober nach St. Barbe befohlen. Am Dienstag Nachmittag um 4 Uhr kamen ungefähr 60 bis 70 Soldaten vom 1. Armeekorps (Ostpreußen) in St. Barbe an, und um 6 Uhr begann der Gottesdienst in einem sgroßen Zimmer eiltes Bauernhauses, der bis 7 Uhr dauerte. Es wurde ein Betpnlt, in der Gestalt eines Tisches, aufgestellt, auf diesem brairnten, wie überhaupt an verschiedenen Ecken des Zimmers, Lichte auf Flaschen gesteckt. Als Bvrbeter fungirte eilt Unteroffizier vom 5. Infanterieregiment, Herr D. Wolfs ans Thorn, ein angesehener Kaufmann der heutigen Firma Lissack und Wolfs. Derselbe trug die Gebete sehr würdig und mit innigem Verstünduiß vor. Vor dem Schluß-