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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-27 · Heft 39 (27.9.1895) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 39 (27.9.1895)
Date
1895-09-27
Page
Seite 458 (sequence 4)
Language
German
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458 losznkaufen meinen von den ernsten Rücksichten und Pflichten, die sie ihnen schulden! Eine fromme, ulte Mutter weilt am Versöhnungstage im Gotteshause, und ihre Gedanken schweifen Hinalls zu ihren Kindern, die in der Welt verstreut sind; welch ein Frohgesühl beseelt sie, wenil sie sich sagen darf, daß ihre frommen Lehren festwnrzeln in ihren Kindern, in ihren Enkeln, das; diese, ob auch räumlich von ihr getrennt, im Geist nlld im Gemülh mit ihr vereint sind, das; auch diese Sprossen im Gebete vor Gott stehell und so die Religion Israels weitertragen zu konlmeuden Geschlechtern? Auch wenn ihr sonst das Leben elig und druckend ist, in diesem Gefühl der religiösen Gemeinschaft mit ihren Nachkonimen wird ihr das Herz weit und frei und freudig. Aber nun beuten wir uns, das; diese alte Frau von ihren Kindern, wie imm sagt, mit Aufmerksamkeiten überschüttet wird, das; sie ihr all den Augen abseheil, was das Herz verlangt, das; sie ihr jedes Labsal spenden für den Gaumen, das; sie mit Putz unb schönem Gewand verschwenderisch sie schmücken, das; sie auch jeder Schwäche und Lauile der Mlltter willig llachgeben, jedoch es komlllt diese ernste Stnilde der Einkehr, und die Greisin ahnt es oder weis; es, das; manche von denell, die;u ihr gehören, diese Zeit verbringell in weltlicher Arbeit oder in weltlicher Lust, das; selbst der Jomkippnr seine Macht über sie verioreli hat, das; sie die alten durch die Jahrtausende bewahrten Heiligthülner verachten, verspotten oder gar um schnöde Vortheile verkaufen, wie bang unb schwer wird ihr da das Herz, nild gleichgiltig lvird ihr all der Trödel, dllrch den die ihr Nächsten sie darüber täuschen wollen, das; sie ihr innerlich entfremdet sind! £ wie wahr ist das Wort des Talmud: Es kann eineu seinen Eltern alle Leckerbissen spenden mit) bereitet ihnen dennoch die Dualen der Hölle, und mns; sich selbst anklagen und verdammen, das; er alle Pietät verloren habe, das; er seine Eltern wie Kinder behandle, die man durch Spielzeug ködere und begütigen könne, das; er der nächsten und höchsten Pflicht fremd'lind feind geworden ist. Es soll ja nicht geleugnet werden, das; es in unserm Zeitalter schwerer geworden ist, Pietät zu üben. In friiheren Zeiten haben sich oft Jahrhunderte hindurch die Ansichten nicht gewandelt; die Lebensformen blieben dieselben durch viele Geschlechter; der Sohn lernte, loas der Vater gelernt hatte, und hatte denselben Erlverb. Ganz anders ist dies in nnsern Tagen, wo die Erscheinungen in raschem Flusse, ja in raschem Fluge wechseln, wo der Sohn oft in ganz andere Lebenskreise als die väterlichen geführt wird, wo auch die religiösen Einrichtungen mannigfache Aendernng erfahren haben; die Pietät kann heute nicht so weit reichen, das; lvir ganz in die Spuren der Väter treten; aber auch das ist nicht der rechte Weg, wenn wir die Pfade unserer Vorfahren ganz verlassen. Schon seit Jahrtausenden lvird der Jomtippur gefeiert, die Feier halte zu verschiedenen Zeiten ein verschiedenes Gepräge; wenn nun die Gegenwart für sich das Recht in Anspruch nimmt, den Tag so zu begehen, den Gottes- -dienst so zu gestalten, das; das Gemiith und Gewissen moderner Menschen davon erbaut und erhoben lverde, so sollten die Alten das nicht als einen Bruch der Pietät tadeln. Unsere Weisen sagen: Wenn Eltern Ungebührliches von ihren Kindern fördern, wenn sie den Anspruch des Gehorsams überspannen, so sündigen sie gegen das Gebot: dem Blinden sollst du keinen Anstos; in den Weg legen; indem sie die Jugend reizen, tragen die Eltern schuld daran, das; sie strauchelt. Es stünde wahrlich besser um unsere Religion, wenn das Alter etwas welliger starr und unerbittlich gewesen lväre, wenn die Forderungen der Zeit bei nnsern Greisen ein bereitwilligeres Elltgeilkommen gesunden hätten. Versöhnung sei unser Losungswort, die Jugend soll nicht im Zerstören groß sein, das Alter soll nicht das Morsche zu stützen suchen. Das Gebot, die Eltern zu lieben, ist leicht und schwer, leicht, weil es einer der stärksten Regungen unseres Gemiithes entspricht, schwer, lveil es, besonders so lange wir mit den Eltern znsammenleben, fast in jeder Stunde seine Forderung stellt; weil in der alten Zeit Israel pietätvoll gewesen, war es and) religiös. Und lveil auch heute die Pietät zwar ins Wanken gerathen, aber keineslvegs entwurzelt ist, weil wir Alle, mit geringen Ausnahmen, unsere Eltern ehren, darum brauchen wir an der Zukunft unserer Religion nicht zu verzlveifeln. Dieses Zeitalter ist in feinen tiefsten Grlnrden erregt. Israel gleicht dem Schiffer ans sturmbewegter Fluth; aber die Pietät, die Liebe zu den Eltern und ihren Heiligthümern ist der feste Anker; wer die Eltern ehrt, der wird Gott und den wird Gott nicht verwerfen, und jedes Haus, wo Pietät gegen die Eltern lvaltet, ist ein Hans Gottes. Berlin, 24. September. (cS^er Prügeljnnge muß wieder herhalten. Es war voraus- Zusehen, das; die konservativen Antisemiten den alten Sündenbock abermals aus der Wüste holen werden, um ihm alle Schuld — an ihren Vergehen aufzubürden. Da sich die öffentliche Meilnmg angelegentlich mit den Herren Stöcker und Hammerstein beschäftigt, unternimmt es die „Krzztg.", den jetzt geführten Kampf auf Ereignisse zurückzuführen, die viel neueren Datums sind und die Inden als Schuldige zu denunziren. Sie meint nämlich: Je unangenehmer die Liberalen aller Schattirungen von dem unerwartet großen Erfolge der Antisemiten in Wien, sowie, wennschon in geringerem Grade, von der Zunahme der antisemitischen Stimmen bei der Ersatzwahl zum Reichstage in Wartenberg-Oels überrascht sind, desto lauter erheben sie ihre Stimmen, um die Konservativen einzuschüchtern und an die Wand zu drücken. Ueber diesen Zusammenhang muß man sich klar sein, dann versteht man Manches, was an sich, zum Theil wenigstens, unbegreiflich wäre." Wir heben das nur hervor, um zn zeigen, das; die „Krzztg." auch unter ihrer neuen Leitung denselben Faden zu spinnen gedenkt, wie unter Herrn v. Hammerstein. * Bei den Gemeinderathswahlen, die in; dritten und zweiten Wahlkörper in Wien stattfanden, haben die Antisemiten so große Erfolge errungen, das; leider eine antisemitische Mehrheit im neuen Gemeinderathe sicher ist. Es wird hierüber gemeldet: „Das Ergebniß der Wahlen im zweiten Wahlkörper sichert den Antisemiten bereits die Mehrheit im neuen Gemeinderathe. Die Antisemiten errangen 32 Mandate, wovon acht neue, die sie den Liberalen abnahmen. Alle ehemaligen Vororte Wiens wählten antisemitisch. Die Liberalen behaupteten nur drei Bezirke, die innere Stadt, die Leopoldstadt und Alsergrund mit zusammen vierzehn Mandaten. Da im dritten Wahlkörper bereits 46 Antisemiten gewählt wurden, haben diese nunmehr achtundsiebzig Mandate. Man glaubt, daß die Antisemiten im ersten Wahlkörper noch wenigstens zwölf Mandate erlangen, also wenigstens neunzig Mitglieder unter 138 im Gemeinderath zählen werden." * An dem großen Feste der Einigung Italiens, das in dieser Woche gefeiert wurde, betheiligteil sich die italienischen Juden natürlich mit ganz besonderer Innigkeit. Der Einzug der italienischen Truppen in die Tiberstadt wurde von unseren Glaubensbriidern in derselben als eine Befreiung von Jahrhunderte langem Druck mit

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