Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1895)
- Date
- 1895-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 39. Berlin, 27. September 1895. eitung öes Audenthums. Gin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Äonn Verlags-Crpedltion: Gerlin, Jernfalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen sllr Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin I 8XV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I ÄNhrrÜ. Leitartikel; Pietät. — Die Woche. - Vor sünsundzwanzig Iabren. Von Dr. I. Blumenstein. — Kriegserirmerungen. — Unsere Jugend — liniere Zukunft. Von Moritz Sch er bei. — Das Judenthmn in Paulsens System der Ethik. Von Dr. M. Steckelmacher. — Aeuilletonr Leib Weihnachtskuckeu und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Litterarische Mittheilungerr. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Rachrichtenr Berlin. Leipzig. Bielefeld. Wim. Budapest. Klausenburg. New-Bork. — Don Nay und Kern. Pietät. Znin Versöhnnngstage. Berlin, 26. September. s ist lehrreich, daß das Wort Pietät einmal bedeutet die Frömmigkeit, die Ehrfurcht, welche wir Gott schuld?«, und sodann die heilige Scheu, welche >vir unseren Eltern weihen. E>enn die Eltern sollen sei» und sind für jeden sittlich gerichteten Menschen höhere Wesen, und wer seinen Eltern ehrfurchtsvoll begegnet, zu dem werden wir das Vertrauen haben, daß er auch jede andere Pflicht, die ihm obliegt, treulich erfüllen wird; wer lieblos sich gegen Vater und Mntter versündigt, von dem wird uns die schlimmste Entartung nicht überraschen, und wir werden es verstehen, daß er, wie er sich gegen die Autorität der Eltern auflehnt, sich auch trotzig gegen die Autorität Gottes anfbäunit. Lebhafter noch als in anderen Kreise» waltet in Israel das Gefühl ehrsürchtender Liebe gegen die Eltern; das ist unser Adelsbrief. Wen» so ein armer jüdischer Bursche mittellos iiber's Meer wunderte, nur begleitet von den Segenswünschen seiner frommen Erzieher und den guten Lehren, die sie ihm eingepflanzt hatten, wenn er auf dem neuen Boden sich durch Fleiß, Nüchternheit und Sparsamkeit etlvas erworben hatte, so war es sei» erster Gedanke, den armen Ellern diese ersten ersparten Groschen zu senden, und die Alten daheim waren glückselig nicht sowohl über die Gabe, die sie im harte» Lebenskämpfe freilich brauchen konnten, aber allenfalls auch hätten entbehren können, sondern vor Allem über das treue Herz, das zu solchen Opfern fähig war. Das jüdische Herz ist kein Märchen. Wir wollen uns nicht überheben und wir wollen nicht absprechend nrtheilen über andere Kreise; auch anderwärts wird Liebe zu den Eltern tief empfunden und treu geübt; aber das ist unser Ruhm und unser Stolz, auch nichtjüdische Beobachter haben es anerkannt, daß unter Juden der Familiensinn besonders innig ist, daß ein Kind es fast als selbstverständlich erachtet, Opfer zu bringen, das Letzte hinzugeben für Vater und Mutter. Auch die Religion kann anfangs gar nichts anderes sein als Pietät gegen die Elter». Kann denn ein Kind alle die Geheimnisse und Tiefen einer gläubigen Seele erfahren und begreifen? Religion ist nicht nur eine Sache des Nachdenkens oder der Enlpfindmig, sondern sie muß erlebt und erfahren werden i» Stürmen und Kämpfen. Wer nicht wie Jakob, unser Erzvater, in dunkler Nacht gerungen hat mit seinem Schicksal, wer nicht Stunden erlebt hat, wo die Säulen der Erde ihm zu wanke» schienen und Sonne und Mond und Sterne hinabsanken, oder wiederum wer nicht eine Glückseligkeit erfahren hat, als ob des Himmels Pforten sich öffneten, den Sieg, das Glück, das Licht, der hat Religion erlernt, aber nicht erlebt. Wie jämmerlich ist doch der Glaube, der keinen andern Halt hat als jene» ehrwürdigen Bericht, daß vor Jahrtausende» Gott sich am Sinai offenbart, hat. Uns thnt er sich kund, in Blitz und Donner oder in Licht und Blüthen, in Leid und in Freud, und dann habe» wir ihn wie einen lieben Freund, und was wir in den alte» Büchern lese», ist uns nur wie eine Kunde von dem, was der Freund, den wir so gut kennen, in großer Vorzeit geihan hat. Aber ein Kind hat »nr Glauben, indem es seinen Eltern glaubt. Und noch später im Leben: Wir Üben einen religiösen Brauch, wir singen ein frommes Lied, um wie viel inniger ergreift uus Brauch und Saug, wenn wir uns daran erinnern: So ist es in deinem elterlichen Hanse gehalten worden, diese Melodie hat dein Vater angestimmt, diese Ceremonie hat deine Mutter geübt; oft sind viele Jahrzehnte darüber hinweggegangen, und die so durch That und Wort Gott geehrt haben, weilen längst nicht mehr unter denLebende»; aber in einem solchen Augenblick fließt gleichsam die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Eltern in eins zusammen, und Beiden gilt unsere pietätvolle Feier. Trefflich beleuchten unsere Weisen das Berhältniß mit folgenden Sätzen. „Drei haben Gemeinschaft am Menschen: Gott, der Vater und die Mlüter; und Gott spricht: wenn Jeniand seine Eltern ehrt, so betrachte ich es, als Hütte ich bei ihm geweilt, und er hätte mich geehrt"; und sie fügen hinzu: Mancher Sohn giebt seinem Bater alle Leckerbissen und er versündigt dennoch seine Seele, mancher dntdet es, daß der Vater a» der Handmühle mahlt, uni sich ei» karges Brod zu erwerben, und er gewinnt dennoch das ewige Leben, d. h. nicht der übt Pietät und befriedigt das Geniüth derer, die ihn erzogen haben, der ihnen köstliche Speise» reicht, und nicht der verletzt die Pietät, der, wen» ihm das Leben eng ist, es ertrügt, daß die Alten nach dem Maße ihrer Kraft Mitarbeiten, uni das Leben zu fristen. Die Pietät haftet nicht an Aenßertichkeite». Eltern verlangen mehr und weniger; sie heischen, daß das Kind in ihrem Geist das Leben führt, daß es die Lehre ehrt, die sie ihm eingeprägt, und die Leckerbissen werden ihnen zum Gifte, wenn das Kind, bei alter äußerlichen Aufmerksamkeit, die Heiligthümer der Eltern verhöhnt und mit Füßen tritt. Ob unseren Tagen diese Sünde ganz fremd ist, daß Kinder durch Höflichkeit, Artigkeit, Liebenswürdigkeit gegen die Eltern sich