Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 38. iöerlin, 20. September 1895. Der Gemeindebote. HZeitcrge zur „Atkgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 16. September. Mehr als fünfzig Andachtsstätten werden sich am Neujahrsfeste in Berlin den Betern öffnen. Darumer sieben große Synagogen, die fast durchweg mehr als 2000 Menschen fassen, und mehr als zehn Säle, in denen etwa die gleiche Zahl Unterkommen kann. Die Haupt-Gemeinde hat außer in den vier Gemeindesynagogen gottesdienstliche Veranstaltungen getroffen in der Philharmonie (Bernburgerstraße), Gesellschaft der Freunde (Potsdamerstraße), Verein junger Kaufleute (Beuthstraße), Hotel Imperial (Unter den Linden), Konzertsaal Friedrichshain, im Handwerkerverein (Sophienstraße), in den Hohenzollernsälen (Bandelstraße), Kellers Festsälen (Koppenstraße). In vielen Stadttheilen existiren Separat- oder Privatgemeinden, so Adath Jisroel, Potsdamerstraßen-Synagoge, Schochare Hatob (Schillingstraße), Beth Jacob (Fehrbellinerstraße), Ahawas Scholaum, B'ne B'rith (Grüner Weg) u. s. w. Ferner hält die Reform-Gemeinde in der Johannisstraße und auch im Bechstein-Saal (Linkstraße) Festgottesdienst ab. Privatunternehmer veranstalten Gottesdienste in verschiedenen Sälen, so Gr. Franksurterstraße 74, im Roland (Elsasserstraße 26), Rosenthalerstraße 38, im Architektenhaus (Wilhelmstraße), Konzerthaus (Leipzigerstraße), im Königshof (Biilowstraße), bei Buggenhagen am Moritzplatz, Königskolonaden, Oranienstraße 180, Reue Friedrichsstraße 44, Schwedterstraße, im Münzhof (Münzstraße), Große Franksurterstraße 85, Cityhotel (Dresdenerstraße), Altes Schützenhaus (Linienstraße), Altstädter Hof (Neuer Markt), Landsbergerstraße 39, Konkordiasäle (Andreasstraße), Gartenstraße 13, Gipsstraße 3, Englischer Garten (Alexanderstraße), also in allen Stadtheilen Berlins. Nur für Männer findet Gottesdienst statt im Bethhamidrasch (Heidereutergasse). Selbstverständlich ist in diesen Andachtsstätten für alle Richtungen ausreichend gesorgt von der äußersten Reform bis zur äußersten Orthodoxie, ja sogar bis zu dem Chassidismus, der bekanntlich seit Jahren hier ebenfalls ein „Stübel" hat. Ueberall gab sich in den letzten Tagen eifrige Nachfrage nach Synagogenplätzen kund. Möge man auch überall der Würde des Tages und der Bedeutung unserer Religion eingedenk sein! Und mögen die vielen Wünsche, die an diesen Tagen zum Himmel emporsteigen, Erhörung und Gewährung finden. Möge das neue Jahr, 6656, n. E. d. W., ein Jahr des Glücks und des Friedens werden für Israel und die Menschheit! §2 Berlin, 17. September. Gegen die städtische Schuldeputation wird neuerdings aus naheliegenden Ursachen von gewissen Seiten lebhaft agitirt. So behauptete u. A. der „Reichsbote", der Schuldeputation gehörten sechs Juden an. Dagegen.bemerkt die V. Z.r „Diese Behauptung stammt aus dem Kopfe des Herrn Ahlwardt, der sie zuerst in die Oeffentlichkeit gebracht hat. Wir würden, vorausgesetzt, daß diese sechs Juden im Uebrigen geeignete Personen find, daran keinen Anstoß nehmen. Aber die Behauptung ist falsch. Von den Mitgliedern der Schuldeputation sind zwei jüdischen Glaubens. Ein Mitglied der Schuloeputation muß stiftungsmäßig ein Jude sein und wird voll der jüdischen Gemeinde präsentirt. Cs ist ein angesehener, den gelehrten Berufsständen ungehöriger Mann, gegen den auch der verbissenste Antisemit keinen anderen Einwand erheben könnte, als daß er eben ein Jude ist; neben diesem Einen ist nur noch ein Jude in die Schuldeputation gewählt." Wir bemerken hierzu noch, daß die beiden in Rede stehenden Mitglieder der städtischen Schuldeputation die Herren Stadtrath Dr. Weigert und Geheimer Sanitätsrath Dr. Abraham sind. GD Berlin, 17. September. In dem, Anfang vorigen Jahres begründeten Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, welcher seit Juli d. I. sein eigenes Haus Auguststr. 17 besitzt, sind zur Zeit 18 Schwestern unter der Leitung der Oberin Fräulein Rose Blau thätig, von denen 8 ihre Lehrzeit beendet haben und sich der Privatpflege und Armenpflege widmen. Wie uns mitgetheilt wird, bewähren sich die Schwestern nach allen Richtungen so sehr, daß nur einem geringen Theil der Nachfragen entsprochen werden kann und für eine weit größere Zahl, als zur Zeit vorhanden, reichlich Verwendung ist. Im Juli d. I. ist eine Schwester nach Hamburg entsandt worden, woselbst solche sich unter der Obhut des dortigen Kuratoriums für jüdische Krankenpflegerinnen der Privatpflege widmet; es gehen überhaupt viele Gesuche um Ueberlassung von Schwestern an Gemeinden außerhalb Berlins ein, welche zur Zeit nicht befriedigt werden können. 22 Berlin, 13. September. Frau Karoline Falk, die Mutter des unlängst verstorbenen Professors Dr. F. Falk, eine durch ihren Wohlthätigkeitssinn in Frauenkreisen weit bekannte und beliebte Dame, ist am 3. d. M. hier gestorben und unter überaus starker Betheitigung auf dem jüdischen Friedhof zur letzten Rnhe bestattet worden. Die in ihrem 91 Lebensjahr verstorbene Dame hat seit Begründung der Volksküchen täglich daselbst als Ehrendame mit unermüdlichen Eifer noch bis vor drei Monaten ihres Amtes gewaltet und ihre gesammte Thätigkeit fast ausschließlich Werken der Nächstenliebe und Barmherzigkeit gewidmet. G Berlin, 15. September. Ju vergangener Woche verschied hier im 65. Lebensjahre nach längerem Leiden Herr Robert May. Der Verstorbene stammte aus einer angesehenen Familie in Rawitsch und war ursprünglich Buchhändler in Breslau. Später widmete er sich dem Zeitungswesen und war während der letzten 11 Jahre im Berliner Lokal-Anzeiger thätig. Während seiner Breslauer Zeit, wo körperliche Leiden die Kraft des geistig hervorragenden Mannes noch nicht gebrochen hatten, betheiligte er sich lebhaft an allen philanthropischen Bestrebungen. Für die Wissenschaft des Judenthums hatte derselbe stets ein sehr reges Interesse und gehörte zu den Begründern des im Jahre 1862 in Breslau ins Leben gerufenen „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur," der nach mehrjährigem Bestehen einging. Das Neuaufblühen dieses Vereins und die Gründung ähnlicher Vereine, die in neuerer Zeit allenthalben stattgefunden hat, verfolgte er mit der lebhaftesten Aufmerksamkeit. Die Beerdigung des Verstorbenen erfolgte unter starker Betheiligung am 9. d. Mts. auf dem Friedhofe. in Weißensee. Ein Neffe des Verblichenen Dr. Carl Pinn widmete ihm einen tief empfundenen Nachruf. Ehre dem Andenken des durch Kenntnisse und seltene Herzensgüte ausgezeichneten Mannes! /\ Tilsit, im September. Aus dem hochwürdigen Munde eines hiesigen aus der vorjährigen Berliner Versammlung bekannten Synodalmitgliedes fielen bei der öffentlichen Feier des Nationalfestes am 1. d. Mts. Aeußerungen, welche die anwesenden jüdischen Veteranen tief verletzen mußten. Dem gegenüber gestatte ich mir, die einleitenden Sätze des Gebetes mitzutheilen, welches im Anschluß an den Sabbath- Gottesdienst Tags zuvor in der hiesigen Synagoge von unserm Rabbiner Herrn Dr. Ehrlich gesprochen wurde. Dieselben könnten als Antwort auf die ungerechten Aeußerungen gelten und lauteten also: „Starker und treuer Gott! Das ganze deutsche Vaterland bringt dir in diesen Tagen jubelnd Preis und Dank für den glänzenden Sieg, den es vor 25 Jahren unter deinem Beistände erfochten. Es war der Sieg der guten Sache über die Bosheit, des Rechts über Ungerechtigkeit, der Treue und Friedensliebe über Treulosigkeit und Anmaßlichkeit. Deine klugen, Herr, schauen wohlgefällig auf Geradheit und Rechtschaffenheit; aber Krümme des Herzens und Tücke hassest du. Gegen den Liebevollen erweisest du dich liebreich und lauter dem Laulern, und die Falschheit erntet ihren Lohn. Darum warst du mit unserm hochseligen .Könige, der treu und in Gottesfurcht vor dir gewandelt, da er von dem hoffärtigen Sinne eines tückischen Feindes unversehens angegriffen ward, dem nach deiner Gerechtigkeit widerfuhr, was er dem Gerechten zugedacht, und du vergaltest jedwedem nach seinem Thun. Deß, o Herr, laß uns bewußt werden und eingedenk bleiben, daß du dem Rechte Beistand leihest, und gieb, daß das Gerechtigkeitsgefühl alle Bürger innnerdar beseele. Leider vergessen es die Menschen nicht selten und kämpfen mit den Waffen der