Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 456 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228133--52169-3272950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
456 Messer wäre mich cm Eurem Tod nicht schuldig! Freilich, gefährlich sind olle drei, Geld, Schnaps und Biesser. Aber lvas red' ich da — Ihr versteht mich doch nicht!" Nein, Jauko Deiftonb ihn nicht, wenigstens nicht ganz. Aber so viel begriff er doch: er hotte diesen! Menschen Unrecht gethon. „Hm . . . dos mit dem Messer . . lnnrmelte er verlegen und fragte dann: „Warum glaubt Ihr, dos; ich die Wirthschaft nicht wieder in Ordnung bringe?" Ter Jude zuckte die Achseln. „Was weis; ich?" murmelte er. „Ist es meine Wirthschaft? Nielleicht irre ich mich!" Und mehr war auch nicht aus ihm heronsznbriugen. Diesmal nicht, wohl aber im Laus der Zeit. Tenn Jauko kam wieder, immer häufiger, bis er endlich im nächsten Winter fast täglich in der Schänke soff. Tie Leute staunten dariiber, denn er trank auch mm keinen Tropfen. Noch weniger freilich begriffen sie es, waruin Leib mit diesen! Gast, der ihm nichts zn verdienen gab, die Zeit vertrödelte. In der That begriff dos der Jude monchmol selber nicht. Jonko kam zu ihm, weil er allmählich das Gleichnis; vom Messer verstanden, den Hoff, der ihn wie eine fixe Idee von Kindesbeinen beherrscht, abgethan hatte, weil er hier erfuhr,!vie es um ihn stehe, und berathen konnte, wie das Nerhängnis; noch abzmvendeu sei. Aber Leib?! „Nielleicht mach' ich noch einmal Geschäfte mit ihm!" log er sich und seinen! Weibe vor, denn er wußte oin besten: noch des Naters Tode war dieser Mensch ein Bettler; seit ihm das Weib gestorben uiar. trieb es der Hritzko womöglich noch wüster. Und die Wahrheit, daß es ans Mitleid geschah, wagte der Jude sich und der Fron nicht einzngestehen; durste er, der arnie Monn, so viel Zeit verschwenden?! Ta ersann er sich lieber gleich noch einen Vorwand, der znni Mindesten keine Lüge war: „Und er ist so freundlich zn dein Kind!" In der That war die kleine, damals zehnjährige Miriam die einzige, die den düsteren Menschen zum Lächeln bringen konnte, und wochenlang konnte er sich mühen, bis er ihr mit ungeübter Hand ein neues Spielzeug augefertigt hatte. Tenn etwas zu kaufen, fehlte ihm das Geld. „Bis ich's habe!" sagte er, und Leib lächelte gutmnthig und dachte: „Auf Erden nicht, vielleicht im bessern Leben!" Im nächsten Frühling — der Jüngling war damals einundzwanzig Jahre alt — starb Hritzko, wo er gelebt: in der Schänke. Die drei Wucherer klagten die Wechsel ein, der Terniin der Feilbietung wurde angesktzt, ungewiß war nur, welcher von ihnen den Hof erstehen werde. Vergeblich lief Leib in Janko's Auftrag vorn Edelmann 311111 Armenier, vom Armenier zum Inden, Schonung zu erflehen. Ta begab sich ein Wunder; gerade der Schlimmste von ihnen, Herr v. Paterski, warf eines Tags den Inden nicht, wie gewöhnlich, gleich hinaus, sondern hörte ihn an und sagte daun: „Wenn der Jauko wirklich ein so fleißiger Mensch ist, so könnt' ich's ja mit ihm versuchen. Schick' ihn inir!" Nie hat ein Mensch in Winkowze den Weg vom Gutshof ins Torf so rasch znrückgelegt, als damals Leib mit seinen kurzen, krummen Beineu. Auch Jauko war betäubt von dein unerwarteten Glück und fühlte sich wohl zum ersten Mal iin Leben selig, als ihm der Edelmann sagte: „Wohl, ich will das Gut für Dich zu halten suchen." Aber das Wunder klärte sich sehr natürlich auf, als er seine Bedingungen kund gab; er wollte offenbar nur die Kosten des Kaufvertrags sparen, das Gut ohne Aufwand in bessern Stand bringen lassen, denn die großen Zinsen und Amortisationen, die er vorschrieb, ließen sich nach menschlicher Voraussicht nicht ans dem verwahrlosten Anwesen herausschlagen, und hielt Jauko eine einzige Rate nicht ein, so war Alles verloren. Ter junge Bauer verstand das nicht, um so klarer der kleine Jude. Verstört schlich er umher und flehte daun den Jüngling an, nicht zu unterschreiben. „Ich bin ja ein Narr, das; ich abrathe!" jammerte er. „Drei Gulden verspricht mir Paterski für das Geschäft, zwei Gulden wenigstens wirst Du mir geben — fünf Gulden sind ja ein Vermögen! Und unterschreibst Tu nicht, so will er mich aus der Schänke jagen. Aber g'rad das hak mir die Augen geöffnet! Geh' lieber als Knecht in die Fremde, Du bist tüchtig, bekommst guten Lohn, heirathest vielleicht eine Erbtochter — und wenn auch das nicht, weil Du leider gar so häßlich bist — Alles besser, als dieser Vertrag: mit mir mag geschehen, was Gott will — hat er mich einen solchen Narren werden lassen, so muß er mich auch versorgen!" Aber Jauko blieb dabei, es werde schon glucken, unter Freunde wolle er nicht. „Weil sie Dich hier so gern haben!" rief der Jude. „Wen hast Tu hier?" „Mein Erbe! Und Dich! Und dann — siehst Du! — ich habe inich so daran gewöhnt — mir fehlt etwas, wenn ich Dein liebes Kind nicht lachen höre!" „T Tu Narr!" ries Leib. Aus der Ecke aber kam die kleine Miriam hervorgestürzt, das sonst so fröhliche Gesichtchen von Thränen überströmt und rief schluchzend: „Bleib', Jauko, ich Hab'Dich so lieb! Und sonst spielt Niemand mit mir!" Und so wurde der Vertrag unterschrieben. (Fortsetzung folgt.) Spvechsaat. Geehrter Herr! Älch muß Ihnen mittheilen, daß der zweite Theil des Berichts von <35 Saarlouis (S. 424 Ihrer Nr. 36) auf Jrrthum beruht. Rabbiner Bigart von Pfalzburg ist in Metz 1885, allgemein betrauert, als Oberrabbiner gestorben. Eine andere Berichtigung von geringerer Bedeutung: In Hatten, erzählten Sie, nach einigen irregeführten Zeitungen, besteht ein Strike wegen des Zwiekens. Nun hat man mir gesagt, daß die Sache sich so verhält: Ein Christ wollte wissen, warum die Juden in den neun Tagen vor Tiscliebeaw mit langen Bärten herumgingen, und er fragte einen Israeliten, seinen Freund. Dieser, gut gelaunt, antwortete ihm aus Scherz: Der Zwicker will höhern Lohn, wir nehmen es nicht an. Der Scherz ging nun als Wahrheit in die Zeitung. Schirr Hofen, 8. September. Simon Levy, Rabbiner. * Geehrter Herr Redakteur! ie im letzten „Gemeindeboten" d. Bl. veröffentlichte Mittheilung über die Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Ehristenthums unter den Juden entspricht insofern nicht der Wahrheit, als die dort genannte Zahl der Uebertritte hinter der wirklichen weit zurückbleibt. Vielleicht hat Herr B. den neuesten Bericht der Gesellschaft nur bis S. 9 gelesen. Sonst wäre es ihm nicht entgangen, daß außer den an dieser Stelle vorkommenden Taufen, z. B. 6 aus Hamburg, 10 aus Konstantinopel, 23 aus Jerusalem, 55 aus Warschau gemeldet werden. Hochachtungsvoll Friedenau-Berlin, Pastor W. Becker, 13. September. Missionsprediger der L. I. M. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.